Gesundheit : Informatik: Firmen schnappen Schulen die Fachkräfte weg

Susanne Vieth-Entus

Die steigende Nachfrage der Wirtschaft nach Computer-Spezialisten wirkt sich verheerend auf die Versorgung der Schulen mit Informatiklehrern aus. Immer mehr Lehramtsstudenten satteln auf Diplomstudiengänge um oder verlassen vorzeitig die Universität, weil ihnen hochdotierte Arbeitsverträge angeboten werden. So sind an der Freien Universität allein von 28 Erstsemestern des Jahres 1995/96 nur drei "übrig geblieben", an der Humboldt-Universität von 28 zwei. Diese Zahlen sind umso alarmierender, als das Schulfach Informatik einen höheren Stellenwert bekommen soll. Die CDU plädiert dafür, aus der Wirtschaft "fremden Sachverstand einzukaufen".

Bislang wird Informatik zwar in rund 100 Oberstufen angeboten, jedoch kann es noch nicht als Leistungskurs gewählt werden. Dies soll anders werden. Seit rund einem Jahr denkt eine Arbeitsgruppe der Schulverwaltung über Rahmenpläne nach. Möglicherweise ist man in einem weiteren Jahr so weit, dass Leistungskurse genehmigt werden. Woher die dafür benötigten Lehrer kommen sollen, ist allerdings ein Rätsel.

Zurzeit gibt es an den Oberstufen nur rund ein Dutzend Lehrer, die Informatik auf Lehramt studiert haben. Somit sind die Schulen fast ausschließlich auf jene rund 70 Lehrer angewiesen, die sich berufsbegleitend weitergebildet und dann ein Staatsexamen abgelegt haben. Nimmt man jene hinzu, die sich zurzeit noch in dieser Weiterbildung befinden, kommt man auf knapp 100 ausgebildete Informatiklehrer, schätzt Christian Maurer, der an der Freien Universität die Fort- und Weiterbildung im Bereich Informatik leitet. Benötigt würden aber rund 400.

Die Senatsschulverwaltung betont denn auch, man dürfe nichts überstürzen, könne das Fach nur "schrittweise" ausbauen. Thomas John, Sprecher von Schulsenator Klaus Böger (SPD), hält es aber für "denkbar", dass schon 2004 Informatik Prüfungsfach im Abitur wird. Dies würde bedeuten, dass die ersten Schulen schon ab 2001/2 entsprechende Leistungskurse anbieten müssten. Wenn das Fach auf dem Niveau von Mathematik oder Physik unterrichtet werden solle, müsse man überlegen, ob man es schon in der Mittelstufe obligatorisch anbiete.

Trotz des absehbaren Mangels an geeigneten Lehrern lehnt die Schulverwaltung es aber ab, die Teilnahme an der dreijährigen Weiterbildung attraktiver zu machen, indem den Lehrern statt vier sechs Stunden von ihrer Unterrichtsverpflichtung erlassen werden, wie Maurer fordert. Wie berichtet, hatte es sogar Pläne gegeben, diese Ermäßigungsstunden völlig zu streichen, woraufhin Böger intervenierte.

Wenn Lehrer fehlten, müsse man sich eben mit "Unterricht in Fremdvergabe" behelfen, schlägt CDU-Schulpolitiker Stefan Schlede vor. Dies bedeute, dass die Schulen etwa aus Unternehmen "fremden Sachverstand einkaufen". John kann sich das allerdings bisher nur für den Berufsschulbereich vorstellen. Sowohl John als auch Schlede fordern darüberhinaus, dass Schulen und Universitäten massiv für ein naturwissenschaftliches Studium werben. Der CDU-Abgeordnete nennt als Beispiel "Mathematikertage", die an den Schulen von den Universitäten ausgerichtet werden.

Nicht nur in der Informatik steuern die Schulen auf einen extremen Lehrermangel zu. Angesichts einer großen Pensionierungswelle in den nächsten zehn Jahren - rund ein Drittel der jetzigen Lehrerschaft wird bis dahin im Ruhestand sein - ist schon jetzt klar, dass etwa Physik-, Mathematik- und Chemielehrer fehlen werden. So haben im Wintersemester 1999/2000 nur 13 Studenten Physik als Lehramtsfach gewählt. In Mathematik sind es anfangs etwas mehr, jedoch springt mindestens die Hälfte im Laufe der Jahre ab.

Der "Import" von Lehrern aus anderen Bundesländern ist auch kein Ausweg, denn hier ist die Lage ähnlich. Allerdings sind acht Länder schon weiter als Berlin, indem hier bereits seit etlichen Jahren Informatik als Leistungskurs gewählt werden kann. Sie haben nicht erst auf die Green-Card-Debatte gewartet.

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