Gesundheit : "Informatiker werden abgeschreckt" - Peter Jähnichen über mögliche Gefahren

Herr Jähnichen[die Fusion von GMD],Fraunh

Professor Stefan Jähnichen (52) lehrt Informatik an der Technischen Universität und leitet seit 1991 das GMD-Institut "First". Dort entwickeln 69 Wissenschaftler vorrangig Simulations- und Visualisierungstechnik für Medien.

Die geplante Fusion der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) mit der Fraunhofer-Gesellschaft stößt seit Monaten auf Protest. Wie berichtet, fürchten GMD-Wissenschaftler um ihre Grundlagenforschung, die mehr öffentliche Zuwendung benötigt als industrienahe Wissenschaft. Bei einem Zusammenschluss, der bereits vom GMD-Aufsichtsrat gebilligt wurde, entstünde Europas größte Forschungsinstitution in der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK). Bundesweit hat die Fraunhofer-Gesellschaft 9000 Mitarbeiter in 47 Instituten, die GMD etwa 1400 in acht Forschungszentren. Dazu gehört das Institut "First" in Berlin-Adlershof, das von Peter Jähnichen geleitet wird.

Herr Jähnichen, die Fusion von GMD und Fraunhofer-Gesellschaft scheint nicht mehr aufzuhalten. Sind Sie mit dem bisherigen Verfahren zufrieden?

Überhaupt nicht. Statt über inhaltliche Ziele und einen organisatorischen Rahmen zu reden, hat das Bundesforschungsministerium die Fusion wie einen Selbstzweck vorangetrieben. Das einfache Verkünden eines Zusammenschlusses reicht aber nicht, um die deutsche Kommunikationsforschung voranzubringen. Die Mitarbeiter sind zu spät informiert worden, und selbst die Institutsleiter wurden vorher nie um ihre Meinung gefragt. Dadurch ist eine Menge Porzellan zerschlagen worden.

Wie wirkt sich das auf Ihr Institut in Adlershof aus?

Wir hatten es in Adlershof noch nie leicht, kompetente Mitarbeiter zu gewinnen - ich erinnere nur an die Vergütung nach Osttarif. Jetzt haben wir erste Kündigungen hinnehmen müssen, da durch die Fusion vieles in der Schwebe hängt. Hochqualifizierte Experten, die für zwei Jahre ins Ausland gegangen sind, zögern mit ihrer Rückkehr. Sie sind sich nicht mehr sicher, ob sie ihre Forschungsarbeiten weiterhin in Deutschland betreiben können.

Steht die Grundlagenforschung in den GMD-Instituten vor dem Ende?

Langfristig gesehen gibt es zu wenig Perspektiven. Deutsche Wissenschaftler stehen bei der Grundlagenforschung weltweit in vorderster Front. Aber wenn wir uns zukünftig eher um die Vermarktung von Forschungsergebnissen kümmern sollen, dann verlieren wir unsere Spitzenposition.

Was bringt die Grundlagenforschung überhaupt?

Ein Wirtschaftsstandort wie Deutschland ist darauf angewiesen, Innovationszyklen vom Anfang - dem Erkenntnisgewinn - bis zum Schluss - dem Produkt - zu beherrschen. Die Grundlagenforschung steht am Anfang des Zyklusses und bestimmt Funktionalität und Gestaltung zukünftiger Produkte. Langfristig ist es ein riesiger wirtschaftlicher Vorteil, in der Grundlagenforschung ganz vorn dabei zu sein. Nehmen wir die Debatte um die UMTS-Lizenzen für den Mobilfunk: Dies ist ein riesiger Markt, wenn man bedenkt, dass die Bundesregierung allein für die Lizenzen Einnahmen in der Größenordnung von 120 Milliarden Mark erwartet. Wer an diesem Markt teilhaben will, muss Ideen und Prototypen für entsprechende Produkte jetzt schon in der Forschung erdacht haben. Man braucht nur in die USA zu schauen, um die Bedeutung von Grundlagenforschung für die Informatikindustrie zu erkennen. Die Amerikaner suchen schon lange im Ausland nach Fachkräften. Hier zu Lande wird die Bedeutung der Softwaretechnik leider unterschätzt.

Wächst durch die Fusion die Gefahr, dass die Fachkräfte der Informationstechnik (IT) nun Deutschland den Rücken kehren?

Es ist paradox, dass gerade jetzt, wo mit einer Green Card um Computerexperten geworben wird, Fachkräfte mit einer Hau-Ruck-Fusion abgeschreckt werden.

Wie soll es nun mit der Fusion weitergehen?

Ich hoffe, dass die externe Moderation Gefahren für die Institute erkennt und vernünftige Lösungen vorschlägt. Und ich hoffe, dass die Bundesregierung ihr erklärtes Ziel, die Kommunikationsforschung zu stärken, nicht durch die Schwächung der Grundlagenforschung ersetzt. Außerdem muss nach den vielen Protesten auf die Forderungen der GMD eingegangen werden: Erhaltung der Grundlagenforschung, Ausarbeitung eines neuen Finanzierungsmodells und keine betriebsbedingten Kündigungen.

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jürgen Warnecke, will das Profil der Fraunhofer-Gesellschaft nicht ändern. Das beinhaltet eine Grundfinanzierung von höchstens 40 Prozent. Der Rest muss durch die Wirtschaft reinkommen, die an Grundlagenforschung weniger Interesse hat ...

Das ist natürlich eine Gefahr. Das Finanzierungsmodell der Fraunhofer-Gesellschaft wäre auch verheerend für die Ausbildung von Informatikern, an der wir uns an den Berliner und Brandenburger Universitäten beteiligen und die wir uns unter einem Fraunhofer-Modell kaum noch werden leisten können. Allein in meinem Institut werden 15 Prozent der Mittel für den wissenschaftlichen Nachwuchs verwendet. Das muss so bleiben oder sogar noch erhöht werden.

Wie lange wird es die GMD noch geben?

Bis zum 31. Dezember 2001 bestehen wir noch als eigenständige Institution. Was danach kommt, weiß niemand. Ich hoffe, dass das Forschungsministerium darauf achtet, dass von der GMD nur der Name untergeht

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Ich konzentriere mich auf die inhaltlichen Arbeiten und hoffe auf eine engere Zusammenarbeit mit den Fraunhofer-Instituten. Es wird Zeit, dass sich die Institute richtig kennen lernen. Wenn sich beide Unternehmenskulturen annähern, wird auch das Verständnis für einander wachsen. Die Zusammenarbeit in Forschungsprojekten funktioniert ja bereits seit längerem sehr gut.

Aber dazu hätte es nicht unbedingt einer Fusion bedurft, oder?

So ist es. Das Gespräch führte Robert Ide

Das Institut "First" im Internet: www.first.gmd.de

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