Gesundheit : Initiative "Push": Bürger und Professoren am Runden Tisch

Hermann Horstkotte

Das waren ungewohnte Töne für die in Bonn versammelten Professoren und Wissenschaftsverwalter: "Wisenschaftler können der breiten Öffentlichkeit nicht länger mit einer Top-down-Einstellung begegnen - als ob es nur darum ginge, den Unverstand von Laien zu kurieren, um ihre Zustimmung zu finden." Von oben herab soll keine Belehrung erfolgen, erklärte die britische Expertin Suzanne King in ihrem Eröffnungsvortrag auf einer Tagung des Stifterverbandes unter dem Titel "Push". Das Wort "Push" klingt nach dem Druck, der von überlegenen Sachkennern auf die Allgemeinheit ausgeübt werden könnte. "Push" ist ein Kunstwort, das aus den englischen Wörtern Public Understanding of Science und Humanities zusammengesetzt worden ist.

Auf gleicher Augenhöhe

Dass sich hinter der Aktion "Push" ein dünkelhaftes Denken verstecken könnte, hatte auch schon Dieter Simon, der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, in einer Art indirekten Grußwort an die Bonner Versammlung kritisiert: "Es ist fraglich geworden, wie man Laien und Experten überhaupt unterscheiden soll, wenn doch alle irgendwo Laien und Experten sind", hatte er in der "Zeit" geschrieben. Neues Wissen sei allemal spezialisiertes, zersplittertes Wissen. Vor diesem Hintergrund warb Suzanne King für ein neues Verständnis: "Fachfragen sind nicht rein technisch zu entscheiden. Sie sind immer auch von anderen, fachfremden Gesichtspunkten zu beurteilen, ethischen, sozialen und wirtschaftlichen".

Die Kritik zeigte bei den Push-Initiatoren Wirkung. "Wir haben verstanden", erklärte Joachim Treusch vom Forschungszentrum Jülich: "Also nicht mehr Druck der Wissenschaft auf die Außenwelt, sondern Dialog". Gemeint ist ein "Verständigungsdialog", den der Wissenschaftler auf gleicher Augenhöhe mit Interessierten und Betroffenen führt, wenn es "um die Verwendung wissenschaftlicher Expertise zur Lösung praktischer und gesellschaftlicher Probleme" geht.

Aber wie soll das praktisch aussehen? "Die Runden Tische für Vertrauensbildung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sind noch zu testen", meinte Dieter Simon. Der Stifterverband fördert jetzt ein konkretes Beispiel: eine "Konsensus-Konferenz nach amerikanischem Vorbild zur Gendiagniostik", die das Deutsche Hygiene-Museum Dresden von Oktober bis April bundesweit organisiert. Nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Bürger, die die Allgemeinheit repräsentieren sollen, befragen Sachkenner nach den Möglichkeiten vorgeburtlicher Untersuchung von Erbanlagen, um dann selber ein Gutachten über Nutzen und Gefahren vorzulegen. Bei dieser intensiven Beschäftigung wird der Dialog zum "Diskurs", hofft Heide Radlanski vom Stifterverband unter Anspielung auf ideale Kommunikationsvorstellungen des Philosophen Habermas.

Solche Konsens-Konferenzen erregten in den letzten 20 Jahren vor allem in Dänemark Aufsehen. Ihre Ergebnisse flossen sogar in parlamentarische Beratungen ein. Inwieweit von Konsens-Konferenzen hierzulande auf die Wissenschaften Wirkung ausgehen kann, bleibt abzuwarten. Im Ernstfall ziehen sich die Gelehrten üblicherweise auf ihre grundgesetzlich verbürgte und vom Staat zu schützende Forschungsfreiheit zurück - sie lassen ihre Neugier schwerlich von Außenstehenden bremsen. Und wie sollten Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen, die sich nach den heutigen politischen Vorgaben am besten wie Unternehmen aufführen, die Außenkontakte anders als Unternehmen pflegen? Die von den Großorganisationen der Wissenschaft unterstützte Initiative Push, ob als Dialog oder Diskurs gestaltet, wird dann zur professionellen, vertrauensbildenden Public Relations-Arbeit, deutete Professor Winfried Göpfert von der FU an.

Mehr als ein Fachkongress nach dem anderen kann den Wissenschaftsverwaltern folglich der Studienaufenthalt bei Firmen helfen. Rainer Winzenried von der Shell AG Deutschland bringt die Aufgabe auf den Punkt: "Den gesellschaftlichen Konsens für unternehmerisches Handeln möglich machen und nicht blockieren." Nichts anderes ist auch von Wissenschaftlern zu verlangen.

Was dann aus den anderen Zielen von "Push" wird, bleibt abzuwarten. Schließlich starteten die Initiatoren von "Push" mit der Idee, schon bei Schülern und deren Eltern ein besseres Verständnis von Wissenschaft zu wecken und dadurch Jugendliche für ein künftiges Studium in den Naturwissenschaften und den Ingenieurwissenschaften zu gewinnen.

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