Inklusion : Im Kreis der Anderen

Inklusion soll helfen, Menschen mit Behinderung in die Mehrheitsgesellschaft einzubinden. Der Anfang für mehr Verständnis ist gemacht – an Schulen. Aber Inklusion betrifft Menschen jeden Alters.

Thorsten Mumme
Iris Melm vor dem Eingang zu ihrem Wohnhaus in Marzahn.
Iris Melm vor dem Eingang zu ihrem Wohnhaus in Marzahn.Foto: Mike Wolff

Für einen Moment ist Ali (alle Namen im Text geändert) der Star der Klasse. Auf einer bunten Tafel darf er seinen Magneten weiterschieben. „Immer wenn man sein Arbeitsheft geschafft hat, zieht man ein Feld weiter“, sagt er und schiebt entschlossen den roten Magneten nach rechts. Die Klasse applaudiert.

Vor vier Jahren wäre das undenkbar gewesen. Als Ali eingeschult wurde, sprach er kaum ein Wort. Er leidet an einer Sprachstörung. An der Heinrich-Zille- Grundschule in Kreuzberg ist er nicht der Einzige mit Förderbedarf. Hier ist schon seit 1993 Alltag, wozu sich Deutschland 2009 gesetzlich verpflichtet hat: Inklusion. Jeder kann gleichermaßen und gleichberechtigt am alltäglichen Leben teilnehmen – ob mit oder ohne Behinderung. Die Idee hat ihren Ursprung in den USA, wo sich Anfang der 70er Jahre Menschen mit Behinderungen für volle gesellschaftliche Teilhabe einsetzten. In den 90ern entwickelte sich Inklusion in der internationalen Bildungspolitik zum wichtigsten Ziel, festgehalten 2006 in der Behindertenrechtskonvention der UN. In Deutschland hat die Inklusion auch in der Bildungspolitik Folgen: weg von der Sonder-, hin zur inklusiven Schule. Das Konzept ist allerdings nicht unumstritten: Fundierte Studien zur Wirksamkeit fehlten, sagen Kritiker.

Donnerstagmorgen. An den bunten Türen im ersten Stock der Heinrich-Zille- Schule kleben keine Nummern, sondern Tiere. „Wir sind die Bären-Klasse“, sagt Klassenlehrerin Gabriele Sorg, eine Mittfünfzigerin, die seit 26 Jahren hier unterrichtet. 24 kleine Bären sitzen an drei Tischen und brüten über Mathe-Aufgaben. Auch der achtjährige Frank. Er soll zählen, wie viele Eichhörnchen auf dem Blatt vor ihm abgebildet sind. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren. „Frank ist mehrfach schwerbehindert, er kann erst seit einem Jahr laufen und sich kaum artikulieren“, sagt Franziska Lohse. Sie ist Sonderpädagogin und hat für jeden Schüler mit Förderbedarf ein bestimmtes Stundenkontingent. Für Frank ist sie jede Woche acht Stunden da. Die Mitschüler wollen helfen. „Guck mal, eins, zwei, drei Eichhörnchen“, zählt Katharina ihm vor. Franks nervöser Blick geht immer wieder zur Tür, hektisch bewegt er die Arme. Sein Sitznachbar Julian versteht ihn: „Er muss auf die Toilette.“ Die Schüler sind routiniert im Umgang mit Frank. Auf dem Weg zum Hof wird er von Katharina gestützt. „Alle zwei Wochen wählen wir zwei Kinder aus, die ihm helfen“, erzählt Gabriele Sorg. „Alle reißen sich förmlich darum.“

Auf Erfahrungen wie diese baut man auch in der Senatsverwaltung für Bildung. „Wir sind erst dabei, ein Inklusionskonzept mit den Beteiligten zu entwickeln“, heißt es aus der Pressestelle. Gerade die Schulen, die Inklusion schon lange pflegen, sollen ihren Erfahrungsschatz einbringen. Inzwischen werden mehr als die Hälfte der Berliner Schüler mit Förderbedarf inklusiv unterrichtet. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) macht jedoch auch klar, dass das kostet. Die im Doppelhaushalt 2014/15 bereitgestellten Mittel reichten nicht für einen großen Wurf.

Inklusion aber betrifft Menschen mit Behinderungen jeden Alters. Denn es geht laut UN auch um das Recht auf eine unabhängige Lebensführung oder allgemeine Barrierefreiheit. Die 86-jährige Iris Melm lebt in einem Plattenbau in Marzahn. Im Moment muss sie sich mal wieder über ihre Mitmenschen aufregen. Verärgert wirft sie die Fußmatte auf den Boden, die über dem Treppengeländer hing. „Jedes Mal ist das so. Ich brauche das Geländer doch zum Festhalten!“ Die Frau mit dem langen, geflochtenen Zopf ist halbseitig gelähmt. Schlaganfall vor fünf Jahren, seitdem Rollstuhl. „Aber es geht besser“, sagt sie. „Wenn ich mich festhalte, kann ich auch laufen.“ Doch ohne Hilfe kann die Rentnerin ihre Wohnung im ersten Stock nicht verlassen. Es gibt zwar einen Fahrstuhl, doch nur auf dem Treppenabsatz. Einmal pro Woche kommt der Mobilitätshilfedienst. Eine vom Arbeitsamt zugeteilte Betreuerin hilft ihr für eineinhalb Stunden bei den nötigsten Erledigungen.

Diesen Montag muss Iris Melm zu einer Routineuntersuchung beim Hausarzt. Betreuerin Jutta Otto schiebt den Rollstuhl. „Barrierefrei is’ dit janze hier nich“, berlinert sie. „Alleen schon die Bordsteine und Pflaster!“ Der Weg zum Arzt führt über den Cecilienplatz in Kaulsdorf, doch Rollstuhlfahrer müssen außen herum. Überall Stufen. Iris Melm bräuchte den Mobildienst öfter. „Früher kam er zweimal die Woche“, sagt sie. Hilfe von den Nachbarn gibt es nicht. „Im Gegenteil, einer hat mich mal geschubst. Es fehlt der Respekt!“

Für Gabriele Sorg sind inklusive Schulen die beste Vorbeugung gegen solch ein Verhalten. „Unsere Schüler werden Menschen mit Behinderungen später ganz anders begegnen“, sagt sie. Doch kann Inklusion mit den derzeitigen Mitteln an allen Schulen eingeführt werden? Sorg ist skeptisch. „Wir hatten damals viel bessere Rahmenbedingungen. So, wie es jetzt aufgezogen wird, ist es zum Scheitern verurteilt.“

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