Inkontinenz : Therapie statt Tröpfchen

Blasenschwäche und Inkontinenz sind immer noch tabuisiert, wenn auch nicht mehr so stark wie früher. Frauen sind davon stärker betroffen als Männer. Doch jeder kann etwas dagegen unternehmen.

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Kontrolle. Inkontinenz ist behandelbar.
Kontrolle. Inkontinenz ist behandelbar.Foto: picture alliance / dpa

Darüber zu sprechen ist immer noch schwierig. Wie verbreitet das Problem aber wirklich ist, zeigt ein Blick in einschlägige Chat-Foren. „Willkommen im Club“, schreibt da eine Frau. Im Schutz der Anonymität kann sie leichter von ihrer Angst erzählen, dass es einmal nicht zu Hause, sondern bei der Arbeit passieren könnte. Und sie traut sich, von den Vorsichtsmaßnahmen zu berichten, die sie ergriffen hat, von der Reserve-Unterwäsche, die sie stets in der Handtasche bei sich trägt und von den Slipeinlagen, ohne die sie nicht mehr auskommt.

Dass der unwillkürliche Abgang von Flüssigkeit aus der Blase ein heikles, mit Scham besetztes Thema ist, liegt in der Natur der Sache. Ein absolutes Tabu- Thema ist das Problem, das Mediziner mit dem Fachbegriff Harninkontinenz bezeichnen, indes heute nicht mehr. „Hier hat sich in den letzten zwanzig Jahren etwas deutlich verändert, und das ist nicht zuletzt ein Verdienst der Medien“, sagt Manfred Beer, Chefarzt der Klinik für Urologie am Berliner Franziskus-Krankenhaus und Leiter des dortigen Kontinenz-und Beckenbodenzentrums. Auch Ralf Tunn, Leiter des Deutschen Beckenbodenzentrums im St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte, macht eine ähnliche Beobachtung. Als Chefarzt der dortigen Klinik für Urogynäkologie ist er Spezialist für die verschiedenartigen Probleme, die speziell Frauen mit der „Blasenschwäche“ haben können. „Sie gehen heute schon mit weit geringfügigeren Beschwerden zum Arzt als früher“, so Tunn.

Das ist auch gut so, denn in vielen Fällen kann Frauen wie Männern mit recht einfachen Mitteln geholfen werden. Die erste Anlaufstelle ist bei den meisten der Hausarzt, für Frauen auch Gynäkologin oder Gynäkologe. Viele wenden sich aber auch direkt an eine der Beratungsstellen, die von der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft ausgewiesen sind. Im Prinzip reichen einige gezielte Fragen und wenige Untersuchungen, um zunächst einmal Krankheiten wie eine Blasenentzündung oder eine Störung der Entleerung auszuschließen und anschließend herauszufinden, um welche Form der Harninkontinenz es sich handelt.

Die bei Frauen häufigste ist die sogenannte Belastungsinkontinenz, auch etwas missverständlich als „Stressinkontinenz“ bezeichnet. Typischerweise verlieren die Betroffenen ohne es zu wollen mehr oder weniger „Wasser“, wenn sie husten, niesen, lachen oder etwas Schweres heben. Von „Dranginkontinenz“ sprechen Mediziner, wenn dem unwillkürlichen Verlust ein unwiderstehlicher Harndrang vorausgeht. Die genaue Diagnose ist wichtig, weil gegen jede Form eigene Medikamente helfen. Auch Mischformen zwischen beidem kommen aber häufig vor. „Dann ist es wichtig, mit der Patientin zusammen herauszufinden, unter welchen Situationen sie am meisten leidet, und zuerst die ihnen zugrunde liegende Störung gezielt anzugehen“, sagt Tunn.

Manchmal wirkt schon eine Änderung der Lebensgewohnheiten Wunder. Übergewichtigen hilft es erwiesenermaßen oft, deutlich abzunehmen, denn das Fett im Bauchraum drückt auf das Gewebe des Beckenbodens. Und diese Platte aus Muskeln und Bändern, die Schambein und Steißbein verbindet und rein äußerlich ein wenig an eine Hängematte oder ein Trampolin erinnert, ist ein vielfach unterschätzter Teil des Körpers: schließlich lastet auf dieser Konstruktion, die Öffnungen für die Harnröhre, den letzten Darmabschnitt und bei Frauen die Scheide enthält, das Gewicht der inneren Organe. Frauen sind nicht allein wegen ihrer Anatomie und eines häufig schwächeren Bindegewebes öfter von Harninkontinenz betroffen. Hinzu kommt, dass der Beckenboden während einer Schwangerschaft und während des Geburtsvorgangs stark gedehnt wird. Wird er danach nicht mehr straff – oder verliert er im Lauf des Lebens aus anderen Gründen seine Festigkeit –, dann können sich die Organe im kleinen Becken im Lauf des Lebens absenken, worunter auch das System der Schließmuskeln leidet.

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