Gesundheit : Innerlich zerrissen

Auch Vorformen der Schizophrenie könnten erkannt werden – wenn man Ärzte und Lehrer richtig schult

Adelheid Müller-Lissner

Einer von 100 Menschen erkrankt im Lauf seines Lebens für kürzer oder länger an einer Schizophrenie. 800 Neuerkrankte gibt es im Jahr in der Region Berlin-Brandenburg. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ging man vor solch psychisch Kranken noch auf Abstand.

„Unsere Klinik wurde damals für Kranke aus den südlichen Berliner Bezirken gebaut“, sagt Martin Heinze, Chefarzt der Landesklinik Teupitz. Das psychiatrische Krankenhaus liegt 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. „Schon daran kann man sehen, welches Verständnis für psychiatrische Krankheiten damals herrschte.“ Vor allem in den Städten habe sich das Bild, das die Menschen sich von psychiatrischen Erkrankungen machen, inzwischen jedoch gewandelt, meint Heinze. „Filme wie ‚Beautiful Mind‘ haben dazu nicht unwesentlich beigetragen.“

Die Schizophrenie-Erkrankung beginnt in der Regel im jungen Erwachsenenalter. Bei zwei von drei Betroffenen wird sie chronisch. Zu diesem Zeitpunkt hat die graue Substanz in bestimmten Gehirnregionen schon messbar abgenommen. Chronisch sind dann oft auch die sozialen Folgen: Nur jeder Fünfte hat und behält einen Vollzeit-Arbeitsplatz, den meisten drohten Arbeitslosigkeit und private Isolierung. Zehn bis 15 Prozent der Schizophreniekranken nehmen sich das Leben.

Doch es muss nicht so weit kommen. „Die fünf Jahre nach dem ersten Auftreten unspezifischer Symptome scheinen entscheidend zu sein“, sagt Georg Juckel, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie der Charité in Mitte. Australische Wissenschaftler konnten in einer Studie zeigen, dass Risikopatienten, die schon früh mit niedrig dosierten Neuroleptika und Verhaltenstherapie behandelt wurden, seltener eine Psychose entwickelten.

Das „Früherkennungs- und Therapiezentrum Berlin-Brandenburg für beginnende Psychosen“ namens „Fetz“, das Juckel leitet, will deshalb die Aufmerksamkeit auf diese Vorstufen lenken. „Wir wollen möglichst früh die Nadel im Heuhaufen erkennen.“

Mit Lehrern und Ärzten im Kontakt

Das Fetz hat Vorläufer in Köln, Bonn, Düsseldorf und München, ist in den neuen Bundesländern jedoch das erste seiner Art. Neu ist auch, dass Stadt und Land – Teupitz und Berlin – , dazu Jugend- und Erwachsenenpsychiater so eng zusammenarbeiten. Von September an will das Team mit Fortbildungen für Lehrer, Schulpsychologen und Mitarbeiter von Beratungsstellen und Jugendfreizeitstätten beginnen. Das sind Berufsgruppen, die mit der gefährdeten Altersgruppe in besonders engem Kontakt stehen.

Die zweite wichtige Gruppe, die das Fetz erreichen möchte, sind Kinder- und Hausärzte in Stadt und Land. Sie haben besonders gute Chancen, die Frühsymptome zu bemerken, die sich oft in der Pubertät zeigen: Leistungsknick, Konzentrationsstörungen , Stimmungsschwankungen, Antriebsmangel. Zeigen sich Symptome wie Gedankenblockaden, veränderte Größenwahrnehmung und Überempfindlichkeit für Geräusche oder eine auffällig veränderte Sprech- und Denkweise, so ist die Gefahr einer psychotischen Veränderung noch näher gerückt.

„Hauptziel der Weiterbildung ist, dass die Teilnehmer auf wichtige Hinweise aufmerksam werden und sie vom gewöhnlichen Liebeskummer unterscheiden können“, präzisiert Juckel. Falscher Alarm ist dabei natürlich nicht ausgeschlossen. „Doch wenn ein Lehrer fünf seiner Schüler zu einer Untersuchung bewegen kann, und einer von ihnen hat eine beginnende Psychose, dann ist schon viel gewonnen“, meint Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie. Mit Aufklärung über die Krankheit, Stressbewältigungs- und Entspannungsprogrammen wollen die Psychiater Gefährdeten Hilfe zur Selbsthilfe in der Krise an die Hand geben.

Welchen Gewinn es bringt, Menschen mit einem erhöhten Risiko so früh zu erreichen, wird wissenschaftlich in einer großen europäischen Studie untersucht, die Joachim Klosterkötter von der Uni Köln koordiniert. „Unser Ziel ist es, den Übergang zu psychotischen Episoden zu verhindern oder wenigstens abzumildern“, sagt Juckel.

Der Psychiater warnt vor einem gängigen „Selbstheilungsversuch“. Neun von zehn Schizophrenie-Patienten geben an, Cannabis zu konsumieren. Tatsächlich verbessert es die Stimmung und macht gelassener. Andererseits kann das Kiffen Psychosen hervorrufen. Und es kann den Ausbruch einer Schizophrenie bei entsprechender Veranlagung beschleunigen. Denn es führt zu erhöhter Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin.

Eines kann Cannabis nach heutigem Wissensstand aber nicht: eine Schizophrenie bei jemandem herbeiführen, der die Anlage dafür nicht besitzt. Denn eine „Veranlagung“ für die Erkrankung, die „Vulnerabilität“ oder Verletzlichkeit, scheint die Grundlage der Schizophrenie zu sein.

Schon länger weiß man, dass schizophrene Störungen in manchen Familien mehrfach auftreten. Inzwischen wird auch eine Kombination von Genen mit der Krankheit in Verbindung gebracht. Zum Ausbruch der psychotischen Symptome kommt es aber erst in krisenhaften Lebensituationen, also bei besonderem Stress.

Das Fetz Berlin-Brandenburg könnte der Forschung zu Daten verhelfen, die andernorts nicht so leicht zu erheben sind: „Wir erhoffen uns aus unseren Modellregionen – in Berlin der Bezirk Pankow-Prenzlauer Berg und in Brandenburg Teupitz – zum Beispiel Erkenntnisse über Unterschiede zwischen Großstadt und Land, aber auch über interkulturelle Unterschiede“, sagt Juckel. Einen Unterschied möchte sein Brandenburger Kollege Heinze am liebsten ganz schnell zum Verschwinden bringen: „Auf dem Land suchen psychotische Patienten erst deutlich später therapeutische Hilfe.“

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