Insekten : Jetzt fliegen sie wieder

Jedes Jahr im August fallen Insekten in Horden über unsere Pflaumenkuchen her. Oft auch über unsere Haut. Das ist mehr als nur lästig. Denn Wespen, Mücken, Raupen und ihre Verwandten können unsere Gesundheit bedrohen.

Udo Badelt
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Im Kasten. Andreas Taeger arbeitet im „Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut“. Dort lagern 2,5 Millionen präparierte...

„Macht euch die Erde untertan“: Gottes Befehl aus dem Alten Testament haben die Menschen ganz schön erfolgreich umgesetzt. Sechs Milliarden bevölkern heute den Planeten. Und doch existiert eine andere Gruppe von Lebewesen, die noch viel erfolgreicher ist. Sie sind klein, gepanzert und einige von ihnen bedrohen uns Menschen gerade jetzt, im Spätsommer, wieder überall mit ihren Stacheln und Beißwerkzeugen: Insekten. Mehr als eine Million verschiedene Arten sind bekannt, das sind etwa drei Viertel aller Lebewesen. Doch Forscher gehen davon aus, dass noch mindestens zehn, wenn nicht sogar 80 Millionen Arten unentdeckt durch die Urwälder der Erde kriechen oder in den Lüften schwirren. Im Berliner Alltag treffen wir allerdings vor allem auf Mücken, Käfer, Bienen, Hummeln, Hornissen und Wespen.

Mit einigen stehen die Menschen auf Kriegsfuß, mit anderen kaum. Marienkäfer beißen zwar manchmal – das spürt man aber kaum und der Biss ist harmlos. Und Hummeln haben zwar einen Stachel, stechen aber in der Regel nur, wenn man direkt auf sie tritt. Doch wenn es passiert, spritzen sie Gift in die Einstichstelle. Die Haut brennt , juckt und schwillt an. Unangenehm. Wie auch die Stiche der leichter reizbaren Verwandten der Hummel – Bienen, Hornissen und Wespen.

Ein Wespenstich verursacht eine Schwellung mit einem Radius von etwa fünf Zentimetern um die betroffene Stelle. „Das ist lästig und schmerzhaft“, sagt Torsten Zuberbier, Leiter des European Center for Allergy Research Foundation (ECARF) an der Charité, „aber es ist nicht wirklich gefährlich. Die Sprüche, dass drei Stiche einen Menschen und sieben Stiche ein Pferd töten, sind Unsinn. Ein gesunder Mensch kann hundert Wespenstiche aushalten.“ Wenn jemand versehentlich in ein Nest tritt, kann so etwas durchaus mal passieren. Ein bis zwei Stiche sind aber viel wahrscheinlicher. Die Einstichstelle sollte gekühlt und mit einer cortisolhaltigen Creme bestrichen werden. Nach zwei Tagen ist die Schwellung abgeklungen.

Anders sieht es aus, wenn jemand eine Allergie gegen Hummel-, Bienen- oder Wespenstiche hat. Dann reagiert der Körper mit wesentlich heftigeren, eigentlich unnötigen Maßnahmen auf das Gift: Die Schwellung wird mehr als doppelt so groß. Der Juckreiz ist noch schwerer zu ertragen. Hinzu kommen Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Verengung der Bronchien, Luftnot bis zur Ohnmacht. Warum das bei manchen Menschen so ist, sei noch immer ein Rätsel, sagt Torsten Zuberbier: „Ein Versehen des Immunsystems.“

Zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind gegen Wespenstiche allergisch, meistens verläuft die Allergie aber milde. Nur ein Bruchteil der Allergiker ist hochgradig gefährdet und kann durch einen Stich sterben. Sie jedoch müssen immer Cortisol-Tabletten und Adrenalin-Fertigspritzen bei sich tragen. Rund 300 Patienten werden am Allergie-Centrum-Charité jedes Jahr deswegen behandelt. Die Zahl der Insektenallergiker nehme aber – anders als man gemeinhin glaubt – nicht zu, sagt Torsten Zuberbier.

Eine Möglichkeit der Behandlung ist die Hyposensibilisierung, bei der über mehrere Tage geringe Mengen des Insektengiftes in den Körper gespritzt werden. Nach einiger Zeit reagiert das Immunsystem weniger heftig. Es folgt eine Nachbehandlungszeit von drei bis fünf Jahren. Kein Wunder, dass manche Menschen die Wespen als ihre Feinde betrachten. Dabei gehören Menschen eigentlich nicht in ihr Beuteraster. Die gestreiften Flieger sind zwar Jäger – anders als Bienen –, aber sie haben es vor allem auf Läuse, Fliegen, Larven und Früchte abgesehen. Wenn sich an diesen Futterquellen allerdings auch Menschen aufhalten und wild herumfuchteln, fühlen sich die Wespen bedroht.

Das Beste sei auszuweichen, sagt Andreas Taeger: „Wir wissen von dem Konflikt und können woanders hingehen, die Wespe weiß es nicht.“ Andreas Taeger ist Diplom-Biologe, Wespenexperte und stellvertretender Leiter des „Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut“ in Müncheberg, rund 50 Kilometer östlich von Berlin. Dort sind 18 Mitarbeiter damit beschäftigt, unsere Konkurrenten auf die Weltherrschaft, die Insekten, besser kennenzulernen. 2,5 Millionen präparierte Insekten lagern in temperierten stählernen Schrankwänden. „Manche Arten produzieren bis zu fünf Generationen – in einem Sommer“, sagt Andreas Taeger, während er eine Palette mit besonders großen Hornissenexemplaren aus dem Schrank holt.

Auch bei Stechmücken gibt es mehrere Generationen pro Jahr. Und besonders mit ihnen liefern sich die Menschen einen Kampf bis aufs Blut. Die Waffen der kleinen Blutsauger sind scharf: sechs Stechborsten mit kleinen „Messern“ an den Spitzen. Kurz nach einem Stich beginnt in der Regel eine allergische Reaktion – die ist allerdings auf die Einstichstelle begrenzt. Es juckt. Beides liegt an Proteinen, die Stechmücken in den Stich spritzen, um zu verhindern, dass das Blut ihrer Beute gerinnt. Wenn die Mücken ihren Rüssel in die Haut des Menschen bohren, können sie auch Krankheiten übertragen.

Und doch wirken die Berliner Mücken ziemlich harmlos – zumindest im Vergleich mit dem Eichenprozessionsspinner. Als ausgewachsener Nachtfalter kann er dem Menschen zwar nichts anhaben – als Raupe jedoch ist er gefährlich. Denn die Raupen haben feine, sich leicht ablösende Gifthaare, die beim Menschen schmerzhafte Entzündungen und allergische Reaktionen hervorrufen können. Vor allem in Grunewald, Spandau und Tegel sind die Raupen an Eichen zu finden. Die Larven haben zwar eigentlich nur im Mai und im Juni die gefährlichen, fast unsichtbaren Brennhaare. Doch im Unterholz, in Gräsern, Büschen, Sträuchern halten sich die Haare auch dann noch, wenn die Raupen sie längst verloren haben.

Es hilft, Kleidung zu tragen, die die Haut bedeckt. Dadurch werden auch Zeckenbisse vermieden. Diese Beißer gehören zwar nicht zu den Insekten, sondern zu den Spinnentieren. Aber auch mit ihnen liefern die Menschen sich einen ähnlichen Krieg. Die häufigste Zeckenart ist der Gemeine Holzbock. Und der hat es vor allem auf die Kniekehlen, den Genitalbereich, die Achselhöhlen, den Nacken und den Haaransatz der Menschen abgesehen. Er hat eine Art Schere als Mundwerkzeug, mit der er die Haut seines Opfers aufschneidet. Auch Zecken sondern beim Biss eine Flüssigkeit in die Wunde ab – und zwar ein Betäubungsmittel, damit sie unbemerkt bleiben. Dabei können sie Krankheitserreger übertragen, etwa Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die zu einer Hirnhaut- oder Gehirn-Entzündung führen kann. An dieser Krankheit können Menschen sterben.

Aber auch Zecken sterben oft beim Biss – zumindest wenn sie entdeckt und mit der Pinzette entfernt werden, möglichst, ohne sie dabei nach rechts oder links zu drehen. Mücken enden zwischen zusammengeklatschten Händen und Wespen in Fallen. Der Kampf Mensch gegen Insekt geht also weiter – wie jedes Jahr. Mitarbeit: dma

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