Gesundheit : Intelligente Attacke gegen den Krebs

Hartmut Wewetzer

Am Anfang war man skeptisch bei Ciba-Geigy. STI 571, so der Name der Prüfsubstanz aus dem Labor des Basler Pharmakonzerns, sah einfach nicht so aus, wie man sich vor zehn Jahren ein neuartiges Krebsmedikament vorstellte. Kein Eiweiß-Ungetüm, kein kompliziertes neuartiges Gen-Konstrukt, sondern ein vergleichsweise schlichtes Molekül mit fünf Kohlenstoff-Ringen, Molekülgewicht 589,7. Und dieses unauffällige Gebilde sollte Krebszellen gefährlich werden?

Mittlerweile verdanken Hunderte dem unscheinbaren Molekül ihr Leben. Es heißt heute Imatinib und wird unter dem Markennamen "Glivec" von der Pharmafirma Novartis, dem Nachfolger von Ciba-Geigy, vermarktet. Der Krebsspezialist Brian Druker von der Oregon Health Sciences University in Portland zeigt gern das Foto einer Fackelläuferin bei den Olympischen Spielen 2000 in Sidney - eine Krebspatientin, die vor ihrem Auftritt erfolgreich mit "Glivec" behandelt worden war.

Druker erkannte als erster, welche Potenz in "Glivec" steckt. "Ich bekam eine Handvoll davon zum Testen", erinnert er sich. "Innerhalb von ein bis zwei Monaten war mir klar, dass Glivec das beste Mittel war, um Blutkrebs-Zellen zu töten und gleichzeitig gesunde Zellen zu verschonen. Schlagartig wusste ich, dass man sofort beginnen musste, das Mittel am Menschen zu erproben."

Im Juni 1998 begannen die Versuchsreihen bei Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie (CML), einer Form von Blutkrebs. Und im April 2001 veröffentlichte Druker seine Ergebnisse in zwei bahnbrechenden Studien:

83 Patienten mit CML, die auf eine herkömmliche Behandlung nicht ansprachen, bekamen Glivec. Bei allen Kranken, die täglich 300 Milligramm oder mehr Glivec einnahmen, verschwanden die Leukämiezellen aus dem Blut. Daraufhin testete Druker Glivec auch bei 38 CML-Patienten im fortgeschrittenen Stadium. Immerhin 55 Prozent sprachen noch auf die Behandlung an. Fachwelt und amerikanische Medien waren begeistert. Druker wurde zu einem gefragten Mann, Glivec von der amerikanischen Arzneibehörde FDA in Rekordzeit zugelassen.

Das Präparat ist der Prototyp einer neuen Klasse "intelligenter" Krebs-Arzneien. Die Substanz wirkt gezielt, sie vermag also gesundes und krankes Gewebe zu unterscheiden. Das macht sie, verglichen mit herkömmlichen Krebsmedikamenten, gut verträglich. Schließlich ist die Einnahme in Tablettenform unkompliziert, anders als bei vielen herkömmlichen Krebsarzneien, die in die Venen gespritzt werden.

Die chronisch myeloische Leukämie, die mit Glivec bekämpft wird, ist ein vergleichsweise seltenes Krebsleiden. Jedes Jahr erkranken ein bis zwei Menschen auf 100 000 Einwohner. Sie hat aber ein ganz besonderes Merkmal, das sie für eine gezielte Behandlung prädestiniert. Denn in neun von zehn Fällen findet sich in den Krebszellen - es handelt sich um eine bestimmte Gruppe weißer Blutkörperchen - eine charakteristische Störung: Die Chromosomen 9 und 22 haben ihre Enden getauscht.

Entfesseltes Wachstum

Das Ergebnis dieser Umlagerung ist - Blutkrebs. Denn an der Fusionsstelle auf Chromosom 22 (die krankhafte Variante wurde "Philadelphia-Chromosom" getauft) sind zwei Gene namens bcr und abl zu einem einzigen Erbmerkmal verschmolzen. Folgenschwer daran ist, dass das neue Gen ständig aktiv ist und den Bauplan für ein Eiweiß enthält, das die Zellteilung beschleunigt. Der Eiweißstoff gehört zu den Tyrosinkinasen. Diese Enzyme stehen gewöhnlich unter strenger Aufsicht in der Zelle, damit das Gleichgewicht von Werden und Vergehen im Körper im Lot bleibt. Sind die Tyrosinkinasen entfesselt, droht aus geregeltem Wachstum bösartiges Wuchern zu werden.

Die Entdeckung der folgenschweren Chromosomenstörung vor rund 40 Jahren war ein Markstein in der Krebsforschung. Man hatte damit ein wichtiges Indiz dafür, dass Schäden im Erbgut bösartiges Zellwachstum auslösen können.

Die durch das "Philadelphia-Chromosom" hervorgerufene Leukämie ist heute die vermutlich am besten untersuchte Krebsart. Der Chromosomenschaden machte diesen Tumor zu einem idealen Testobjekt für Medikamente. Glivec ist das Ergebnis. Es hemmt das Produkt des gefährlichen Fusionsgens (siehe Grafik). Die Arznei schlüpft bei dem krebsauslösenden Signalstoff just in jene Tasche hinein, in der sonst der Energiespender ATP "festklebt". ATP benötigt die Tyrosinkinase zum Arbeiten. Glivec blockiert das Zentrum der chemischen Reaktion. Das gefährliche Enzym ist gelähmt, die Zelle begeht Selbstmord.

Das Medikament hemmt noch zwei weitere Signalstoffe aus der Gruppe der Tyrosinkinasen. Es arbeitet also nicht 100-prozentig genau, und das macht die Medizin sich zu Nutze. Die Substanz wird nun auch bei Tumoren getestet, bei denen diese Signalstoffe überaktiv sind. Das sind zum Beispiel eine seltene Form von Magenkrebs und bestimmte Hirn- und Lungentumoren.

Noch ist es zu früh, um ein endgültiges Urteil über Glivec zu fällen. Es ist ungewiss, wie lange der Behandlungserfolg anhält, ob gar eine völlige Heilung möglich ist. Manche Tumoren wurden auch schon unempfindlich gegen das Mittel. Experten wie Thomas Fischer von der Mainzer Uniklinik sind deshalb in ihrem Urteil zurückhaltend. "Wir müssen in großen Studien sorgfältig prüfen, wie gut das Mittel im Vergleich zur herkömmlichen Therapie ist", sagt Fischer.

Glivec ist nur der Anfang. Inzwischen werden eine ganze Reihe weiterer "Signalblocker" bei Krebspatienten erprobt (siehe Infokasten). Sie alle unterbrechen die Kommunikationsleitungen in der Tumorzelle. Allerdings geben andere Krebsarten nur selten eine so schöne Zielscheibe ab wie die Leukämie mit dem Philadelphia-Chromosom.

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