Gesundheit : Intelligentes Lernen ist möglich

Pisa macht noch keine Pädagogik: Was Erziehungswissenschaftler wollen

Uwe Schlicht

Wo gibt es in Deutschland einen Schulminister, der sich die Erfolge bei den Pisa-Tests nicht selbst zuschreibt? Diesen Minister gibt es in Sachsen-Anhalt. Er heißt Jan-Hendrik Olbertz. Sachsen-Anhalt hat einen Riesensprung von den hintersten Plätzen im Pisa-Ranking nach vorn auf den fünften Platz in Deutschland gemacht. Als ihn der Diskussionsleiter auf dem Max-Planck-Forum über intelligentes Lernen, Roger de Weck, nach den Gründen für diesen Erfolg fragte, entgegnete Olbertz, dass das nicht an der guten Schulpolitik in Sachsen-Anhalt liege. Danach nannte er jedoch so viele Details über die Schulpolitik der letzten Jahre, dass man Sachsen-Anhalt zu einem solchen Schulminister, der auch Erziehungswissenschaftler ist, nur gratulieren kann.

An vielen Schulen seien Vereinbarungen mit den Eltern geschlossen worden, um ihnen zu verdeutlichen, welche Rolle sie zu übernehmen haben, damit ihre Kinder Erfolgserlebnisse gewinnen. Die Schulen seien ermutigt worden, mehr Zeit für das Wiederholen und Vertiefen aufzuwenden statt von Stoff zu Stoff zu hasten.

Olbertz glaubt nicht, dass Änderungen im Schulsystem ein Allheilmittel sind. Er hält die Debatte über Gesamtschulen kontra dreigliedriges Schulsystem weitgehend für Ideologie und parteipolitischen Grabenkampf. Bevor man solche fantasielosen Lösungen anstrebe, müsse man sich zunächst den inneren Problemen der Schule zuwenden und die Eltern für ein stärkeres Engagement gewinnen.

Sind Ganztagsschulen die Rettung? „Schlechte Ganztagsschulen haben den Nachteil, dass sie den ganzen Tag schlecht sind“, sagt Olbertz. Gut seien sie, wenn die Schule zu einem Lebensort mit Zeit und Muße wird. Die Lehrerkollegien sollten die Unterrichtsabläufe flexibler gestalten. Eine richtig organisierte Ganztagsschule biete die Chance, den ständigen Themenwechsel im 45-Minutentakt aufzubrechen.

Olbertz machte das Max-Planck-Forum zum Erlebnis. Als Moderator Roger de Weck die Frage stellte, ob eine gute Schule im Pisa-Test schlecht abschneiden und eine schlechte Schule gut abschneiden könne, war das nächste Aha-Erlebnis fällig. Heinz-Elmar Tenorth, Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität, bejahte diese Frage uneingeschränkt: „Wer aus Pisa die wünschenswerte Schule ableiten will, der hat Pisa nicht gelesen. Pisa ist kein pädagogisches Programm, sondern ein Beobachtungsinstrument, das dem System meldet, ,ihr seid nicht so gut, wie ihr euch definiert’.“ Tenorths Befund wurde von der Bildungsforscherin und Psychologin Elsbeth Stern unterstützt. Die Max-Planck-Forscherin formulierte: „Pisa ist nicht der liebe Gott, der die Wahrheit kennt, sondern ein Test, um intelligentes Wissen zu messen.“

Einig waren sich alle drei Experten darin, dass die Erziehungswissenschaftler in Deutschland es jahrelang versäumt hätten, die wirklichen Schulprobleme zum Gegenstand ihrer Forschung zu machen. Erst durch die international vergleichenden Pisa-Tests der OECD gelang die Öffnung zur empirischen Schulforschung auch in Deutschland.

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