Gesundheit : Intelligenz – ein Kinderspiel

Im Matsch graben oder Burgen bauen macht klug, meint die amerikanische Psychologin „Dr. Toy“

Simone Leinkauf

Matschepampe ist was Herrliches: Begeistert patscht die eineinhalbjährige Kristin mit beiden Händen in den nassen Sand und zerstört mit einem Jubelschrei die Burg, die sie doch gerade erst mühsam aufgebaut hatte. Kein Grund traurig zu sein – im Gegenteil: Es geht gleich wieder von vorne los. Backförmchen, Eimer und Schaufel unterstützen die sommerlichen Aktivitäten, der vierjährige Bruder Niklas schleppt Äste und Blätter aus dem Garten heran, um das nächste Bauwerk zu verschönen. Und dieses Spiel kann immer wieder von vorne beginnen, den Kindern wird nicht langweilig dabei.

Wir Erwachsenen mögen das für Zeitverschwendung halten, schließlich scheint diese Spielerei nicht gerade ergebnisorientiert zu sein. Doch für Kinder aller Altersklassen ist Spielen nicht nur ein amüsanter Zeitvertreib, sondern eine Übung fürs Leben. Nachwuchs-Baumeister wie Kristin und Niklas lernen ganz nebenbei etwas über Materialbeschaffenheit, Statik und Schwerkraft, Koordination und Feinmotorik bekommen eine Extra-Schulung. Die Gene sind sicherlich ein wichtiger Faktor für den Intelligenzquotienten von Kindern, darüber herrscht Einigkeit unter Wissenschaftlern und Laien. Und dann muss natürlich noch eine entsprechende Förderung hinzu kommen.

Je intensiver, desto besser

Längst sind sich die Experten aber einig, dass auch das Spielen schlau macht. Die amerikanische Psychologin und Spieleberaterin Stevanne Auerbach, die in den USA unter dem Namen Dr. Toy bekannt ist, ist sich sicher: Je mehr und je intensiver Kinder spielen, je höher also ihr Spielquotient (SQ) ist, desto besser sind ihre Chancen, einen hohen Intelligenzquotienten (IQ) und eine hohe emotionale Intelligenz (EO) auszubilden.

Mit ihren Beobachtungen steht die ungemein vital auftretende Großmutter eines inzwischen achtjährigen Enkels nicht allein da. So fanden Wissenschaftler der amerikanischen University of Illinois heraus, dass sich beim Spielen die Aktivität des Gehirns um ein Viertel erhöht. An der Baylor University (ebenfalls USA) entdeckte man, dass das Gehirnvolumen von Kindern, die in ihren ersten fünf Lebensjahren nicht spielten, um 20 bis 30 Prozent geringer war, als bei normalen Altersgenossen. Dabei spielen Kinder, wenn man sie nur lässt, rund 15 000 Stunden in den ersten sechs Jahren ihres Lebens – das sind bis zu neun Stunden am Tag. Und im Spiel üben sie alles das, was sie im täglichen Leben so brauchen: „Sie lernen den Umgang mit anderen Kindern, üben Sprechen und Diskutieren und lernen abstraktes Denken“, zählt Stevanne Auerbach auf.

Lange Zeit arbeitete sie für das U.S. Office of Education in Washington D.C., wo sie den ersten Kinderhort zur Betreuung von Kindern der Regierungsangestellten eröffnete. Was sie zunächst an ihrer eigenen Tochter und inzwischen an ihrem Enkelsohn beobachtet, konnte sie auch an all den vielen Kindern sehen, mit denen sie im Laufe ihrer Arbeit zu tun hatte: „Spielen fördert Lebenslust und Selbstbewusstsein von Kindern und macht sie zu fröhlichen und ausgeglichenen Erwachsenen.“ Sie ist überzeugt davon, dass Kinder im Spiel ihre gesamte Persönlichkeitsentwicklung vorantreiben.

Und wenn sie von ihrer eigenen Kindheit und ihren ersten Spielsachen erzählt, bekommt sie noch heute glänzende Augen. Erwachsene lässt sie in ihren Seminaren erst einmal die Augen schließen, damit sie sich an die Spielsachen erinnern, mit denen sie vor 20, 30 oder gar 40 Jahren gespielt haben. „Und Sie wären erstaunt, wenn Sie sehen würden, wie gestandene Männer und Frauen plötzlich vor Rührung Tränen in den Augen haben.“

Warum aber ist es nötig, überhaupt auf das Spielen als Beschäftigung hinzuweisen? Spielen Kinder nicht einfach von sich aus? Grundsätzlich bestätigt Stevanne Auerbach das, allerdings sieht sie heute eine Gefahr, die es in ihrer eigenen Jugend noch nicht gab. Mit sechs, sieben oder acht Jahren hören immer mehr Kinder auf zu spielen, weil sie nur noch durch Vereine oder andere festgelegte Aktivitäten gestaltete Nachmittage haben und den Rest ihrer Freizeit vor dem Fernsehgerät verbringen.

Was ins Spielzimmer gehört

Und spätestens da setzt nach Auerbach auch die Verantwortung der Eltern an, die dafür sorgen müssen, dass einerseits genügend ansprechendes Spielzeug zur Verfügung steht, die Kinder andererseits nicht in Unmengen von Spielsachen ersticken. Dann nämlich können sie sich nicht mehr entscheiden, womit sie spielen und hören gleich ganz auf. Es kann sinnvoll sein, die Kinderzimmer auszuräumen und nur noch eine begrenzte Menge interessanter Spielsachen dort zur Verfügung zu stellen. Je nach Interesse der Kinder können diese dann ja im Laufe der Zeit ausgetauscht werden.

Wie das Spielzeug beschaffen sein soll, das Kindern in die Hände gegeben wird, ist Auerbach klar: „Es sollte Spielzeug sein, das einen Ausgleich zu den Aktivitäten Ihres Kindes darstellt. Eine ausgewogene Sammlung von Spielsachen bietet Möglichkeiten zu Bewegung, Kreativität und zum Lernen.“ Auf ihrer preisgekrönten Website www.drtoy.com bewertet sie seit Jahren Spielzeug nach den Kriterien Schönheit, Nutzen, erzieherischer Wert, Sicherheit und Kosten. Das schönste Spielzeug aber ist für sie immer noch selbstgemacht: „Alles, was wir Kindern heute geben, ist fertig. Für die meisten dürfte es ein unvergessliches Erlebnis sein, Spielzeug einfach mal gemeinsam mit den Kindern herzustellen – eine Puppe oder einen Plüschbären, oder auch irgendetwas aus Holz. Dazu muss man nicht besonders begabt sein, sondern nur Lust dazu haben, gemeinsam mit dem Kind etwas zu machen. Und dann werden Sie auch selbst wieder spielen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben