Gesundheit : Internationaler Raumfahrtkongress: Container-Träume

Thomas De Padova

Das Schauspiel ist Big Brother in einer kosmischen Variante. Drei Männer im Container, selten einmal ist auch eine Frau dabei. Sie schweben 400 Kilometer über uns. Wir sitzen vorm Bildschirm und verfolgen, wie sie sich dort oben, in der Schwerelosigkeit, an Sportgeräten festschnallen, wie sie ihr eigenes Blut zapfen und unter erschwerten Bedingungen dickflüssige Mahlzeiten schlürfen. Für den Rest des Alltags gehen die computerbewehrten Raumfahrthelden dann in einer perfekten Maschinerie auf, man könnte auch sagen: unter.

Bei dem noch bis heute in Berlin andauernden internationalen Raumfahrtkongress haben die Organisatoren die Astronauten und das moderne Schauspiel auf die Bühne geholt. Sie haben keine Kosten gescheut. Denn es geht ihnen darum, die Ressourcen der noch im Aufbau befindlichen Internationalen Raumstation zu vermarkten.

"Mit der Internationalen Raumstation wird ein Marktplatz eröffnet, der ein breites Spektrum neuer Geschäftschancen bietet", lautet die Botschaft des Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Walter Kröll, an die 750 Vertreter von Industrie, Politik und Wissenschaft aus 22 Staaten. "Wir wollen die industriell-kommerzielle Nutzung neben der öffentlich finanzierten Forschung fest etablieren."

Funksignale aus dem Weltraum sollen Armbanduhren des Schweizer Uhrenherstellers Forbis synchronisieren und Sicherheitssysteme der Autos von Daimler-Chrysler aktivieren. Die Parfümindustrie könnte mit einer auf der Internationalen Raumstation (ISS) entworfenen himmlischen Duftnote zum Zuge kommen. Auch ein eigenes Wohnmodul für Weltraumtouristen ist im Gespräch. Das in einer gut inszenierten Show vorgestellte Nutzungs-Spektrum umfasst zudem Sponsoring, E-Commerce und Multimedia-Dienstleistungen.

Für Wissenschaftler wie Gregor Morfill schlagen die Werbetrommeln zu laut. "Ich habe die Befürchtung, dass man wieder den Fehler macht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun", sagt der Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching. Für ihn gilt es zunächst einmal, dafür zu sorgen, dass auf der Raumstation Spitzenforschung gemacht wird. "Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall", sagt Morfill im Rückblick auf die Raumstation Mir oder die Spacelab-Mission.

In der Tat waren die Forschungsergebnisse der bemannten Raumfahrt bislang dürftig. Sie wurden von der Fachwelt und führenden Wissenschaftsjournalen kaum zur Kenntnis genommen. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn legte in ihrer Ansprache den Finger auf die Wunde: "Die ISS muss ihre spezifische Leistungsfähigkeit im Wettbewerb mit terrestrischen Experimentiermöglichkeiten unter Beweis stellen", sagte sie in ihrer Eröffnungsrede. "Die Motivation zur Nutzung der Raumstation muss aus der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Fragestellung und nicht aus der bloßen Faszination für die Raumfahrt kommen."

Dieser Gedanke setzt sich erst nach und nach durch. Es sind kaum Projekte in Planung, auf die hungrige Forscherteams bereits warten. Starten dagegen preiswerte unbemannte Forschungssatelliten wie das Sonnenobversatorium "Soho" oder der Erdbeobachter "Champ", dann sind Hunderte Wissenschaftler in den Folgejahren mit der Auswertung der Daten beschäftigt. Sie gehen den Ursachen der auf Erden spürbaren Sonneneruptionen nach und entwerfen neue Bilder des Erdinnern. An solchen Projekten muss sich die Raumstation messen lassen, für die 16 Nationen insgesamt rund 200 Milliarden Mark ausgeben.

Immerhin gibt es inzwischen einige viel versprechende Projekte. Der Astronaut Ulf Merbold erläuterte anhand des Röntgenobservatoriums "Xeus", wie man mit Hilfe der Raumstation einen Satelliten mit neuester Technik aufrüsten und vergrößern kann.

"Xeus" soll Röntgenstrahlung weit entfernter Galaxien und anderer heißer Quellen im All einfangen. Das Teleskop mit einem Durchmesser von fünf Metern wird zunächst mit einer Rakete in eine 600 Kilometer hohe Umlaufbahn gebracht. Von dort sendet es Bilder zu Erde. Nach einigen Jahren beginnt für das Teleskop ein behutsamer Sinkflug. Es dockt in etwa 400 Kilometern Höhe an die Raumstation an. Ein Roboterarm der ISS ergänzt den veralteten Satelliten um acht neue Spiegelsegmente. Dann startet "Xeus" zu seinem zweiten Jungfernflug.

Das Teleskop werde so über einen Zeitraum von 15 oder 20 Jahren arbeiten, sagte Merbold. "Mit seinem neuen Zehn-Meter-Spiegel sollten wir weit in die Frühzeit des Universums zurückschauen können. Die ISS ist dabei die Workstation, um die verschiedenen Teile zusammenzubringen."

"Ursprünglich hatten wir auf der Raumstation eine eigene Werkstatt geplant, eine Art Hangar", ergänzt Klaus-D. Berge vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Der Gedanke sei dann fallen gelassen worden. "Jetzt kehrt er zurück."

Die ISS eröffnet auch der Physik neue Perspektiven. US-Forscher wollen an Bord der Raumstation das erst vor wenigen Jahren entdeckte Bose-Einstein-Kondensat studieren. Albert Einstein sagte die Existenz dieses Materiezustandes vor vielen Jahrzehnten vorher. Heute ist man auf dem Weg, aus den Kondensaten Atomlaserstrahlen zu extrahieren, mit denen Forscher dereinst mikroskopisch kleine Strukturen viel genauer ausleuchten wollen als mit Licht.

Doch wenn sie Millionen Atome in den dafür benötigten Apparaturen zusammenpferchen, fallen die Kondensate unter ihrem eigenen Gewicht im Schwerefeld der Erde nach unten. In der Schwerelosigkeit können die Physiker das Problem umgehen und somit erstmals auch die Wechselwirkung zweier solcher Kondensate beobachten.

Apparaturen auf der Raumstation sollten allerdings von vorneherein so konzipiert werden, dass sie möglichst vielen Wissenschaftlern zugänglich sind, wünscht sich Gregor Morfill. Er selbst hat bereits ein Experiment zur Raumstation geschickt. Es fand schon im November vergangenen Jahres mit der ersten Besatzung den Weg in den Weltraum. Auf recht unbürokratische Weise. Russische Astronauten nahmen die kleine Apparatur damals mit und stellten sie in einer Luftschleuse der Raumstation auf. In die Kammer strömt ein Gas ein. Es wird so stark erhitzt, dass es sich in ein Gemisch geladener Partikelchen verwandelt, ein Plasma. An ihm erforschen deutsche und russische Forscher seither die Selbstorganisation der Materie in der Schwerelosigkeit.

Zwei Wochen lang hat Morfill die Videoaufzeichnungen des Experiments studiert. Für das Auge sichtbare Partikel bewegen sich in dem Film träge wie Rübenkraut. "Wir können die Bewegung jedes dieser Teilchen messen", sagt Morfill. Etwa 60 Forschergruppen in der Welt wollen anhand solcher Aufnahmen lernen, wie der Prozess der Kristallisation im Detail verläuft, ob sich die kristalline Ordnung plötzlich wie von selbst einstellt und was ein einzelnes Körnchen dabei auslöst.

Auch solche Beispiele können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Spitzenforschung und bemannte Raumfahrt in Deutschland und anderswo nur zögerlich zusammenfinden. Eine Plattform für Astronauten scheint vielen Wissenschaftlern nach wie vor eine Verschwendung der ohnehin knappen Mittel für die Raumfahrt zu sein. "Aber inzwischen gibt es die Raumstation", sagt Joachim Trümper, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik. "Und weil es sie gibt, sollten wir sie gut nutzen."

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