Gesundheit : Interview: Die demokratische Seite Afghanistans

In der Diskussion um den Terroristen bin Laden

Michael Pohly (45) ist Arzt und Ethnologe. Seit 20 Jahren forscht er über die Region Iran/Afghanistan/Pakistan, seit zwei Jahren am Institut für Iranistik der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungen gehören ausgedehnte Aufenthalte in diesen Ländern. Innerhalb des letzten Jahres war er zweimal in Afghanistan, zuletzt im Juni. Er ist Verfasser des Buches "Krieg und Widerstand in Afghanistan".

In der Diskussion um den Terroristen bin Laden und seine Unterstützer rückt Pakistan zunehmend als Schlüsselland für die Region in den Blick. Welche Kräfte prallen dort aufeinander?

In Pakistan gibt es relativ starke fundamentalistische Kräfte, unter ihnen offene Unterstützer der Taliban. Von dort werden auch islamistische Kämpfer in Kaschmir unterstützt. Zwar gehören nur ungefähr drei bis fünf Prozent der pakistanischen Bevölkerung zu diesen gewaltbereiten Islamisten. Doch hat man über Jahre Militante herangezogen, die man jetzt nicht einfach zurückdrängen kann. Die Bilder von großen Demonstrationen aus der pakistanischen Hauptstadt mit Protesten gegen die eigene Regierung und ihre Unterstützung für einen Gegenschlag der USA gegen Afghanistan in den letzten Tagen haben davon ja einen Eindruck vermittelt.

Wie sieht es im Inneren des Staates aus?

Das Land steht vor einer Zerreißprobe. Niemand kann zurzeit beurteilen, ob die Regierung die Gegenkräfte stoppen kann. Nicht zuletzt wegen der Islamisierung der Streitkräfte, der Polizei und der Geheimdienste, von der niemand weiß, wieweit sie reicht.

Was wird über den Ausgang entscheiden?

Entscheidend ist, für welches Vorgehen sich die USA entscheiden. Wenn sie mit massivem Flächenbombardement gegen die Zivilbevölkerung vorgeht, wird das die Probleme verschärfen. Besser sind die Aussichten, wenn die USA sich um eine politische Lösung bemühen. Entscheidend ist auch: Wer kommt in Afghanistan nach den Taliban?

Welche Alternativen gibt es zu der Taliban-Regierung?

In Afghanistan haben sich viele Neugruppierungen gebildet, unter anderem mit demokratischer Ausrichtung. Das ist eine Mischung von Menschen aus den Stämmen, Professoren, Lehrern, ehemaligen Widerstandskämpfern, religiösen und spirituellen Führungspersonen. Diese Leute haben genug vom Krieg und wollen einfach nur noch in Frieden leben. Andere Gruppen wie die Königsanhänger spielen keine große Rolle.

Ist das ein Demokratieverständnis, wie auch wir es kennen?

Diese Gruppen streben eine klare Trennung von Staat und Religion an, einen laizistischen Staat. Das ist auch die Konsequenz aus 20 Jahren Krieg, in denen sie die Auswirkungen religiöser Bewegungen von ihrer schlechtesten Seite kennen gelernt haben. Diese Gruppen wollen Menschenrechte, wie in der Charta der Vereinten Nationen, verankern. Sie treten auch für die Gleichberechtigung der Geschlechter und ein allgemeines Wahlrecht ein. Man darf nicht vergessen: Die Taliban haben rund 90 Prozent der Bevölkerung im eigenen Land gegen sich.

Das ist ein völlig anderes Afghanistan-Bild, als es sich in den letzten Monaten beispielsweise in der Berichterstattung über die Verhaftung von Shelter-Now-Mitgliedern gespiegelt hat. Wie verträgt sich beides?

Dieser Prozess hat die Gegenkräfte zur Taliban auch erheblich zurückgeworfen. Andernfalls hätten wir von den demokratisch orientierten Gruppen wohl auch schon gehört. Afghanistan ist ohnehin kein homogenes Land. Die Regionen haben jetzt so viel Autonomie wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dort gibt es Gegenden, in denen die Taliban zwar die Straßen benutzen kann, nicht jedoch in die Geschicke der Dörfer hineinregieren. Dort gibt es regelrechten Hass auf das Taliban-Regime. Diese Differenzierungen finden sich in der Berichterstattung deutscher Medien allerdings nur selten. Doch es sind diese demokratischen Kräfte, die gefördert werden müssten.

Wann waren Sie zuletzt in der Region?

Ich war zuletzt im Juni in afghanischen Flüchtlingslagern und in Kabul und forsche seit mehr als 20 Jahren über diese Region. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Talibanregime dort nicht als das zentrale Problem für einen Machtwechsel gesehen wird. Wenn Pakistan diese Regierung nicht massiv unterstützt hätte, wäre sie wahrscheinlich schon gestürzt. Bisher aber bedeutete ein Putsch gegen die Taliban Krieg gegen Pakistan.

Welche Signale wären nötig, um demokratische Kräfte zu stützen?

Das demokratische Ausland muss jetzt Signale senden. Die Bevölkerung in Afghanistan kämpft zurzeit einfach um das Überleben. Nach 20 Jahren Krieg ist sie ausgepowert. Durch die Dürre droht nun akut eine Hungerkatastrophe. Davor hat auch das Rote Kreuz gewarnt, das ja jetzt das Land verlassen musste. Wer die demokratischen Kräfte im Land unterstützen will, muss jetzt auch klare Unterstützungsangebote machen - auch für die nächste Zukunft. Dazu gehören praktische Hilfen für den Alltag. Lebensmittel werden dort in den nächsten zwei Wochen gebraucht.

Wer gehört noch zu den Gegenkräften einer demokratischen Lösung in der Region?

Von den Rauschgiftströmen in die Golfstaaten spricht hier zu Lande niemand. Bin Laden gehört dabei zu den zentralen Drahtziehern. Das sind Milliardengeschäfte, die bei einer Demokratisierung Afghanistans auf dem Spiel stehen. Die Araber im Land um bin Laden gehören auch zu diesen Gegenkräften, mit einer Armee von 6000 bis 8000 Mann.

Wer gehört zu den Taliban. Ist das eine homogene Gruppe?

Zu ihnen gehören fromme Islam-Schüler, aber auch Zwangsrekrutierte aus den Dörfern und Eingeschleuste des pakistanischen Geheimdienstes. In Afghanistan ist eigentlich ein sehr mystischer Islam verbreitet, dem agressive Elemente, wie Selbstmordattentate, fremd sind. Selbstmord ist ausdrücklich tabuisiert. Formen eines aggressiven Islam findet man nur bei den intellektuellen Islamisten. Islamistische Führer kommen oft aus gut situierten und gebildeten Familien.

Befinden wir uns im "Krieg der Kulturen", wie Huntington ihn beschrieben hat?

Man befindet sich nicht im Krieg, auch nicht im "Krieg der Kulturen". Die Anschläge auf die USA waren ein krimineller Akt. Die Hintermänner muss man als die Kriminellen entlarven, die sie sind. Mit Begriffen wie Krieg oder gar "Krieg der Kulturen" wertet man sie nur auf. In den USA gibt es - trotz der direkten Betroffenheit - darüber inzwischen eine erheblich differenziertere Diskussion als bei uns.

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