Gesundheit : Interview mit dem neuen Dekan der Charité: Ein gemeinsames Haus mit 580 Betten

Herr Professor Dudenhausen[Sie treten Ihr Amt als]

Joachim Dudenhausen (58) ist neuer Dekan der Charité. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder. Nach Promotion und Habilitation an der FU war er mehrere Jahre im Ausland. Er ist nach Berlin zurückgekommen, als hier ein Perinatalzentrum entstand, "das es in dieser Form in Europa nicht ein zweites Mal gibt". Es umfasst die Geburtshilfe und Neonatologie, die Genetik, Pathologie sowie die Kinder- und Frauenheilkunde.

Herr Professor Dudenhausen, Sie treten Ihr Amt als neuer Dekan in einer sehr kritischen Situation an. Das Bettenhochhaus in Mitte ist vorerst von der Investitionsliste gestrichen worden, und die Sozialdemokraten wollen ausgerechnet bei der Hochschulmedizin 150 Millionen Mark einsparen. Geht das an die Substanz der Hochschulmedizin in Berlin?

Wenn dieser Plan realisiert werden sollte, dann bedeutet das mit Sicherheit einen wesentlichen Einschnitt in die drei Standorte: Charité in Mitte und in Wedding sowie beim Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität. Ich bin sicher, dass dann nicht mehr jeder der drei Standorte existieren wird. Die Gesellschaft in Deutschland muss wissen, was ihr die Universitäten wert sind. Wenn wir immer auf die USA blicken und dabei alle Dinge, die in Amerika so großartig laufen, in Einzelteilen auf Deutschland übertragen, dann ist dieser Vergleich zu kurz gesprungen. Die amerikanischen Universitäten haben eine festen Platz im Bildungssystem der öffentlichen und privaten Haushalte in den USA. Wenn man die dort übliche Finanzierung mit der unsrigen vergleicht, liegen dazwischen Welten.

Kehren wir nach Berlin zurück. Was muss hier geschehen?

Wir müssen uns entscheiden, was wir wollen: Wollen wir eine Universität, in der Wissen vermittelt und erst in zweiter Linie eine Berufsausbildung erworben wird, oder wollen wir eine Institution haben, die der konsequenten und schnellen Berufsausbildung dient. Danach muss man auch die öffentlichen Verpflichtungen ausrichten. Im Augenblick gibt es in Berlin eine Attacke gegen die Universitäten - die Hochschulmedizin droht kaputtgespart zu werden.

Die dringend notwendige Sanierung des Bettenhochhauses in Mitte ist vertagt worden, vielleicht sogar auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Zeitweilig hatte man den Eindruck, dass Professoren in der Charité das Bettenhochhaus abreißen und durch einen Neubau ersetzen wollten oder es in private Hände übergeben möchten. Steht die Charité jetzt geschlossen hinter dem Bettenhochhaus?

Im Augenblick sind Überlegungen über eine Privatisierung oder sogar den Abbruch des Bettenhochhauses nicht aktuell. Dieses Klinikum steht hinter dem Ausbau von Berlin-Mitte. Konzepte zur Nutzungsänderung des Hochhauses, Konzepte zur Veränderung mit einem Partner oder einer Verlagerung der Betten müssen diskutiert werden, aber es wird im Augenblick nicht darüber gesprochen, dass dieser ganze Bereich von der Universität abgegeben wird.

Vom Regierenden Bürgermeister und den Fraktionsvorsitzenden der großen Koalition wurde im Jahre 1995 versprochen, die Charité am Standort Mitte in den nächsten zehn Jahren für 800 Millionen Mark auszubauen. Dieses Versprechen ist nur teilweise eingehalten worden. Wie bewerten Sie das?

Wir hoffen noch immer, dass diese Zusage gilt, aber wir werden immer skeptischer.Das Nichteinhalten dieser Zusage ist einer der Gründe für die vielen Probleme, die die Charité mit den zwei Standorten hat. Es ist doch ganz natürlich, dass die Menschen, die auf dem Charité-Campus in Mitte arbeiten, enttäuscht sind, frustriert sind, Angst um ihre Zukunft haben und natürlich auch um diese Zukunft kämpfen. Da stehen wir am Standort Wedding hinter unseren Kollegen in Mitte. Natürlich versucht die Leitung des Klinikums, Auswege zu finden. Deshalb werden Kooperationen mit Dritten angedacht: Eine Kooperation mit der Bundeswehr ist im Gespräch.

Wenn es gelänge , dass die Charité eine Kooperation mit der Bundeswehr zustande bringt, und dadurch zugleich Bundeswehrkrankenhaus würde, bedeutet das eine Beteiligung des Bundes an der Finanzierung der Charité?

Es würde bedeuten, dass die Bundeswehr Investitionen tätigt, die die Universität mitbenutzen kann. Aus Gesprächen, die ich mit der bisherigen Leitung dieses Hauses vor der Amtsübernahme als Dekan geführt habe, entnehme ich: Es sind intensive Verhandlungen im Gange, die aber noch nicht zur Unterschriftsreife geführt haben.

Was erwarten Sie von den neuen Hochschulverträgen für die Jahre 2003 bis 2005?

Der große Vorteil der Hochschulverträge, die jetzt noch laufen, ist die Konstanz im Landeszuschuss, weil wir wissen, über wie viel Landeszuschuss wir im Jahr verfügen können. Und wir appellieren an die Politiker, bei der Konstanz der Zusagen durch die Hochschulverträge zu bleiben. Die großen Drittmitteleinwerbungen, die der Charité mit 100 Millionen Mark gelungen sind, waren nur auf der Basis einer vernünftigen Grundausstattung möglich. Durch Einsparungen im Landeshaushalt um 150 Millionen würde man die Grundausstattung in Forschung und Lehre mindern. Mit der Senkung des Landeszuschusses um 150 Millionen Mark würden die Politiker auch den Reformstudiengang gefährden. Der Reformstudiengang bringt Berlin und der Universität weit über Deutschland hinaus Anerkennung. Seine Gefährdung wäre ein großer Verlust für die Charité und die Stadt.

Die deutschen Universitäten müssen, wenn sie weltweit mit führenden amerikanischen Universitäten mithalten wollen, sich um mehr Internationalität bemühen. Was unternimmt die Charité auf diesem Feld?

Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Studierenden ins Ausland gehen und dass ausländische Studierende an unsere Universität kommen. Das können wir nur, indem wir den Austausch der Studierenden fördern, ebenso den der Wissenschaftler und Lehrenden. Wir haben hierzu ein Instrument: Austauschprogramme nicht nur mit europäischen und mit amerikanischen Universitäten. Wir haben Patnerschaften mit etwa 30 Universitäten auf der ganzen Welt - von Amerika bis China, von Russland bis Südafrika. Wir müssen diese Programme mit Leben füllen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass die Charité einen Ausbildungsgang in englischer Sprache anbietet - da Englisch die Sprache der Wissenschaft geworden ist. Wir müssen in Englisch und in Deutsch lehren, damit junge deutsche Ärzte und Wissenschaftler sich auch in Englisch flüssig medizinisch unterhalten können.

Wie ist Ihre Wahl zum Dekan der Charité zu werten? Sie sind an der Freien Universität groß geworden, also ein West-Mediziner und erst im Verlauf der Fusion des Rudolf Virchow-Klinikums an die Charité gekommen. Professor Dietel, der neue ärztliche Direktor, kommt aus Hamburg. Es stehen also zwei Wessis an der Spitze der Charité. Bedeutet das den Sieg des Westens über den Osten?

Diese Interpretation halte ich für völlig abwegig. Professor Dietel hat nach der Rufannahme nach Berlin sich sowohl als Direktor des Instituts für Pathologie in der Charité als auch als Dekan der fusionierten Charité sehr intensiv für den Ausbau und die Erhaltung des Campus in Mitte eingesetzt. Ich habe als langjähriger Prodekan an der Freien Universität und später an der fusionierten Charité mich immer um einen Ausgleich, eine gleichmäßige Förderung von Charité Mitte und Virchow-Klinikum bemüht. Ich will dazu beitragen, die Polarisierung zwischen Charité Mitte, den Kliniken in Buch und dem Virchow-Klinikum in Wedding konsequent zu mindern. Ich verstehe das Dekanat als ein Kollegialorgan, und in dem Kollegialorgan arbeiten - wenn man Ihre Einteilung fortsetzt - ein Westmediziner und vier Ärzte und Wissenschaftler, die von der Charité Mitte kommen. Das ist eine klare Mehrheit für die Charité in Mitte.

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