Interview : "Noch kommen zu wenig Frauen zur Mammografie“

Nur die Hälfte der Berlinerinnen über 50 Jahre nutzt das Screening-Programm. Michael Untch will das ändern. Der Spezialist und Gastgeber der sechsten Europäischen Brustkrebskonferenz über Früherkennung und neue Therapien.

6000 Spezialisten aus 90 Ländern tauschen sich diese Woche in Berlin über die Krebsform aus, die für Frauen die größte Bedrohung darstellt. Was können wir von anderen europäischen Ländern in Sachen Brustkrebs lernen?



Eine ganz Menge, zunächst einmal bei der Früherkennung: Die Deutschen haben ja mit dem flächendeckenden Mammografieprogramm spät begonnen, in anderen Ländern gibt es das schon seit den späten siebziger Jahren. Diese Röntgenreihenuntersuchungen werden ein Hauptthema der Konferenz sein. Anders als bei uns, wo das Screening ab 50 kostenlos ist, haben Frauen in Spanien schon ab 45 Jahren ein Recht auf die Teilnahme, in Schweden sogar ab 40. Einige osteuropäische Länder haben nach dem Mauerfall zügig damit begonnen. Wir haben daraus gelernt, dass die Früherkennung flächendeckend und die Qualität gesichert sein muss. Durch unseren späten Einstieg haben wir den Vorteil, dass wir die digitale Mammografie einsetzen können, die sehr viel besser lesbare Befunde liefert.

Das heißt, wir Deutschen waren mal wieder spät dran, machen es aber gründlich?

Dass wir es sehr gut machen, wurde uns in der letzten Woche von dem Radiologen Per Skaane von der Uni Oslo bestätigt, der das Mammografie-Screening-Programm dort leitet. Die medizinisch-technischen Assistentinnen (MTAs), die täglich hunderte Frauen untersuchen, werden gut ausgebildet, die Geräte täglich geprüft. In Schweden beteiligen sich 90 Prozent der Frauen, hier in Berlin bisher nur 50 Prozent. Und das, obwohl in der Großstadt keine Frau eine weite Anfahrt hat. Die Einladungsbriefe reichen nicht, wir brauchen mehr Information, und die Werbetrommel muss gerührt werden.

Wie sieht es mit der Behandlung aus? Hier scheint ja die Einrichtung von zertifizierten Brustzentren die große Neuerung zu sein.

Es ist wichtig, dass vor Ort alle Spezialisten verfügbar sind, die bei der Behandlung zusammenarbeiten, und dass die Ärzte Erfahrung haben. Aber wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und für alles Zertifikate fordern. Vielleicht ist auch diese „Zertifizitis“ eine deutsche Krankheit.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Forschung intensiv mit den biologischen Eigenarten der Tumorzellen. Manche haben Antennen für Hormone, anderen fehlen sie. Kann man da noch von einer einzigen Krankheit sprechen?

Sie haben recht: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Wir können heute jeden Brustkrebs im Labor anhand seiner Gensignatur klassifizieren. Was Pathologen bei der Untersuchung des Tumorgewebes mit molekularen Markern herausfinden, entscheidet heute maßgeblich über die Behandlung. Jeder Brustkrebs hat seine eigene Unterschrift. Wir können allerdings gewisse Gruppen bilden. Tumoren, die Rezeptoren für Hormone haben, sind tatsächlich komplett anders als die, denen solche Andockstellen fehlen.

Wobei die ohne Andockstellen für Hormone die gefährlicheren sind?

Das haben wir gedacht, es stimmt aber so nicht, denn auch unter den rezeptorpositiven Tumoren gibt es hochaggressive, die innerhalb von zwei Jahren Tochtergeschwulste bilden. Andere schlummern jahrelang. Mit den neuen Gensignaturen können wir sie unterscheiden. Alles fokussiert sich nach neuesten Erkenntnissen auf ein bis zwei Dutzend Gene. Sie entscheiden über die Aggressivität und die Therapiemöglichkeiten. Doch wir stehen erst am Beginn dieser Entwicklung.

Trotzdem überschlagen sich die Nachrichten über neue Mittel für eine zielgerichtete Therapie.

Ja, jedes halbe Jahr kommt ein neues Mittel heraus, das gezielt auf bestimmte Strukturen in der Krebszelle wirkt. So versucht man zum Beispiel mit Antikörpern oder kleinen Molekülen die Andockstellen an Krebszellen zu besetzen und bestimmte Proteine zu blockieren. Uns standen bis in die neunziger Jahre für Brustkrebs nur fünf bis acht Substanzen zur Verfügung, inzwischen sind es an die 30. Das hat auch ökonomische Folgen. Beim Kongress werden wir uns auch der Frage der Kosten widmen. Dazu kommen ethische Fragen wie die, ob eine teure Therapie gemacht werden soll, um einen Gewinn an Lebenszeit von wenigen Monaten zu erreichen. Wenn Sie die betroffenen Frauen fragen, heißt die Antwort meist eindeutig „Ja“.

Aber tun die Ärzte genug, um die Frauen in die Planung der Therapie einzubeziehen?

Nicht umsonst wurde unser Kongress vor zwölf Jahren von Patientinnen-Organisationen ins Leben gerufen, die diese Beteiligung gefordert haben. Die meisten fühlen sich nicht krank, wenn die Diagnose Brustkrebs gestellt wird. Sie stehen mitten im Leben, und dann wird plötzlich bei der Mammografie Mikrokalk in der Brust entdeckt, der eine Vorstufe von Krebs sein kann. Dann ist es wichtig, gut zu erklären, was weiter geschehen kann. Oft gibt es für die Behandlungen einen Entscheidungskorridor. Die Patientinnen müssen mit den Ärzten gemeinsam die Therapieentscheidung treffen.

Die meisten Frauen erkranken an Brustkrebs, wenn sie über 50 sind. Große Studien haben gezeigt, dass die Einnahme von Hormonen das Risiko erhöht. Bei Beschwerden in den Wechseljahren steht auch hier eine schwierige Entscheidung an.

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften sind eindeutig: Wir gehen heute mit der Hormontherapie bedächtig um. Frauen mit Hitzewallungen und Schweißausbrüchen können für einen begrenzten Zeitraum Hormone nehmen, sollten dann aber auch ihre Brust regelmäßig kontrollieren lassen, mittels Mammografie und Ultraschall. Wenn die Verschreibung automatisch über Jahre erfolgt und nicht immer wieder überprüft wird, ist das angesichts der erdrückenden Beweislage aber eindeutig ein Fehler.

Manche Frauen sind noch jung, wenn sie Brustkrebs bekommen, und wünschen sich vielleicht noch ein Kind.

Sie können sich den Kinderwunsch später trotz der Therapie erfüllen! Eine Behandlung, die die Wirkung weiblicher Geschlechtshormone unterdrückt, kann man nach ein, zwei Jahren absetzen. Eine Pause unter engmaschiger Kontrolle ist kein Problem. Ich kann Ihnen eine ganze Galerie von Babyfotos zeigen, die mir glückliche ehemalige Patientinnen geschickt haben.

Und das Stillen?

Ist erstens auch mit nur einer Brust möglich. Außerdem führen wir heute in vier von fünf Fällen die Operation brusterhaltend durch. Dann besteht eine Chance von mehr als 80 Prozent, dass die Frau ihr Baby stillen kann, auch mit der operierten Brust.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.
Michael Untch (50) organisiert den Brustkrebskongress und ist Chefarzt der Frauenklinik und Geburtshilfe sowie Leiter des Brustzentrums am Helios-Klinikum Buch.

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