Gesundheit : Irgendwie fallen ihnen nur Männer ein

Dorothee Nolte

Ich bin gefallen, sagt die Frau. Sie ist gefallen, bestätigt ihr Ehemann, sowas Dummes, und dann hat sie sich auch noch am Schrank gestoßen! Die Frau zeigt den Bluterguss, die Ärztin befühlt die gebrochene Nase. Da müssen wir mal zur Untersuchung in den Nebenraum, sagt sie und führt die Frau weg. Dort, wo der Ehemann nicht mithören kann, kommt auf vorsichtiges Nachfragen heraus: Am Bluterguss und an der kaputten Nase sind nicht Schrank oder Treppe schuld, sondern schlicht und ergreifend der Gatte.

Dass die Ärztin in dieser fiktiven kleinen Szene geistesgegenwärtig reagiert, verdankt sie einer Fortbildung des Interventionsprojekts "Signal" am Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF). Oft genug werden nämlich Verletzungen, die Frauen von ihren Partnern zugefügt werden, nicht als Folge von Misshandlungen erkannt - die Frauen werden nur behandelt und wieder weggeschickt. Die Ärztin dagegen klärt die Frau über ihre Rechte auf, gibt ihr eine "Notfallkarte" mit den Telefonnummern von Anlaufstellen und Frauenhäusern und dokumentiert Aussagen und Verletzungen der Frau in gerichtsverwertbarer Form.

"Irgendwann kommt jede misshandelte Frau in die Erste Hilfe oder zum Arzt", sagt Marianne Peters, stellvertretende Frauenbeauftragte des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF). "Deswegen ist gerade das medizinische Personal so wichtig bei der Aufdeckung und Verhinderung häuslicher Gewalt." Vielen Frauen falle es leichter, mit einer Ärztin über Gewalt zu sprechen als eine spezialisierte Beratungsstelle oder ein Frauenhaus aufzusuchen. Peters koordiniert das Modellprojekt "Signal - Hilfe für Frauen" (Hindenburgdamm 20, Telefon 84 45 20 82), das heute mit dem Margherita-von-Brentano-Preis der Freien Universität ausgezeichnet wird. Der Preis, der herausragende Projekte und Verdienste in Frauenforschung oder -förderung würdigt, ist mit 20 000 Mark dotiert und geht zur Hälfte an "Signal", zur anderen Hälfte an die Politologin Claudia von Braunmühl.

Die Projektgruppe, bestehend aus Mitarbeiterinnen des UKBF, hat sich vom Beispiel amerikanischer Interventionsprojekte anregen lassen, wo schon seit fünfzehn Jahren "domestic violence" in der Fortbildung des Krankenhauspersonals eine Rolle spielt. Innerhalb von zwei Jahren sind bisher 107 Krankenschwestern- und -pfleger sowie 200 Ärzte fortgebildet worden - in mehrstündigen bis zu zweitägigen Seminaren. Der Bedarf ist offenkundig: Allein in Berlin gibt es täglich knapp vierzig polizeiliche Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Nicht immer sind die Verletzungen für Ärzte äußerlich zu erkennen wie etwa Brandwunden, Knochenbrüche oder Stichverletzungen. "Auch Depressionen, Bulimie oder Schwangerschaftskomplikationen können Folgen von Gewalt sein", sagt Marianne Peters. Ihr Ziel und das ihrer Mitstreiterinnen ist es, dass Ärztinnen und Krankenpfleger hellhöriger werden - und zwar nicht nur im UKBF, sondern auch in anderen Krankenhäusern.

Böswillig sind sie nicht

Manchmal kann man ja darüber lachen, sagt Claudia von Braunmühl. Und lacht. Aber es klingt nur zum Teil fröhlich. In die Heiterkeit, so fügt sie gleich hinzu, mische sich doch "etwas Resignatives": wenn man zum hundertsten, tausendsten Male wieder so ein "graues Podium" sieht, auf dem nur Männer sitzen, obwohl es doch so viele Frauen gäbe, die etwas zum jeweiligen Thema sagen könnten. "Die Veranstalter sind ja gar nicht böswillig - ihnen fällt nur keine Frau ein! Aber warum nicht?"

Warum, warum. Warum hat Kanzler Schröder 22 männliche und nur eine weibliche Intellektuelle zum Gedankenaustausch gebeten? Warum denken Herausgeber und Tagungsleiter, aber auch Journalisten immer zuerst an männliche Experten? Warum sind die meisten männlichen Wissenschaftler - "die doch eigentlich konstitutiv neugierig sein müssten!" - so wenig neugierig auf feministische Ansätze in ihren Disziplinen und zitieren lieber die männlichen als die weiblichen Kollegen? Claudia von Braunmühl wundert, ärgert und amüsiert sich darüber schon seit vielen Jahren. "Eine Antwort darauf habe ich nicht, bis heute nicht."

In diesem Semester versucht sie das, was sie die "Rezeptionssperre" an den Hochschulen nennt, mit einer Ringvorlesung zu durchbrechen: Jeden Dienstagabend diskutieren ein etablierter männlicher Wissenschaftler und eine Vertreterin feministischer Ansätze über ihr jeweiliges Fach, von der Musik über die Geschichte bis hin zur Informatik. Hauptberuflich berät die 57-jährige Honorarprofessorin am Otto-Suhr-Institut Nichtregierungs-Organisationen, die EU, die Heinrich-Böll-Akademie in Sachen Entwicklungshilfe, Schwerpunkt, natürlich: Geschlechterverhältnisse. "Moderne Bewässerungssysteme mit hohem technischen Aufwand haben in Afrika zum Beispiel oft dazu geführt, dass Frauen von ihren angestammten Anbaugebieten am Rande der Flüsse verdrängt wurden", erklärt sie. "Dadurch sind sie von den Männern abhängiger geworden."

In den achtziger Jahren leitete Claudia von Braunmühl vier Jahre lang das Büro des Deutschen Entwicklungsdienstes in Jamaica. In ihrer Tiergartener Altbauwohnung mit Blick auf die Spree erinnern an diesen und andere Aufenthalte leuchtend farbige Bilder von Dorfszenen aus der Karibik und Brasilien. Auch heute reist sie viel: "Vor kurzem haben wir geprüft, ob in Äthiopien die neu angelegten Brunnen von Männern oder Frauen kontrolliert werden." Mit zum Teil überraschenden Ergebnissen: In einem Dorf hatten zwar die Frauen den Schlüssel zur Brunnenanlage - aber damit war bei weitem nicht so viel Macht und Ansehen verbunden wie in einem anderen Dorf, in dem die Männer die Schlüssel hüteten. Irgendwie kommt einem das bekannt vor, denkt man, und lacht oder ärgert sich.

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