Isabella Heuser : „Mit 50 sollte jede Frau Bilanz ziehen“

Sie ist da, wo sonst nur Männer sind. Sie ist Klinikchefin an der Charité. Nun hat die Psychologin und Ärztin Isabella Heuser ein Buch geschrieben, in dem sie Frauen in der Lebensmitte Mut macht.

Isabella Heuser
Isabella HeuserFoto: Freie Universität

Sie haben ein Buch geschrieben, das Frauen in der Lebensmitte helfen soll, glücklicher zu leben. Sie sind Psychiaterin und Psychologin. Kommen zu Ihnen denn besonders viele Frauen dieser Altersgruppe?

Frauen zwischen 45 und 60, die unter Depressionen und Burn-out leiden, sind sicher die größte Patientengruppe, die zu mir in die Sprechstunde kommt. Natürlich werden nicht alle Frauen in diesem Alter depressiv. Aber das optimistische Bild, das Schauspielerinnen wie Iris Berben oder auch Buchautorinnen wie Petra Gerster von der Frau in der Lebensmitte zeichnen, trifft die Wirklichkeit schlicht und ergreifend nicht. Frauen haben in dieser Lebensphase viel mehr zu kämpfen, als ich früher in meiner jugendlichen Naivität dachte.

Aber auch Männer haben doch darunter zu leiden, dass Jüngere im Beruf bevorzugt werden, dass die Kinder aus dem Haus gehen oder ihre Haare grau werden.

Bei Frauen kommen aber ein paar Dinge erschwerend hinzu: Einmal natürlich der ungeheure Wert, der gerade bei ihnen auf das attraktive Äußere gelegt wird – und das wird bei Frauen viel mehr als bei Männern gleichgesetzt damit, dass sie jung aussehen. Dazu kommen die hormonellen Veränderungen, die bei Männern nicht so abrupt ausfallen. Ich behaupte: Jede Frau merkt, wenn das Östrogen in den Wechseljahren rapide abfällt. Die Frauen kommen nur verschieden gut damit zurecht. Das ist dann schon eine Lebenszeit, in der selbst hartgesottene Feministinnen innehalten und sich fragen, ob das nun das Ende ihrer Weiblichkeit bedeutet. Ich glaube, das kennt auch Alice Schwarzer. Es gibt einfach diese uneingestandene gedankliche Verbindung zwischen dem Ende der biologischen Fruchtbarkeit und der Sorge, nicht mehr so „nützlich“ zu sein. Womit ich nicht behaupten will, dass man sich mit den Veränderungen nicht arrangieren könnte!

Was haben Sie für ein Rezept anzubieten?

Ich denke, jede Frau sollte schonungslos Bilanz ziehen: Körperlich vor dem Spiegel, aber auch, was Partnerschaft, Beruf, Interessen und Freundeskreis betrifft. Die wenigsten bereuen übrigens grundsätzlich ihren einmal eingeschlagenen Lebensweg, vielleicht verfügen wir in dieser Hinsicht über einen eingebauten Schutzmechanismus. Aber es gibt meist Dinge, die man noch realisieren möchte. Wenn es nicht reicht, darüber mit dem Partner oder der besten Freundin zu reden, ist vielleicht ein Coach hilfreich, also ein psychotherapeutisch versierter Berater für Gesunde. Mit Lebensproblemen muss man ja nicht gleich eine Psychotherapie machen.

Was sollte man beachten, wenn man doch eine Psychotherapie beginnen möchte?

Eine gute Psychotherapie soll Strategien vermitteln, wie man mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen kann. Auch bei Psychotherapien muss man, wie bei Medikamenten, nach den Wirkungen und Nebenwirkungen und nach kontrollierten Studien fragen. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass selbst Frauen in leitenden beruflichen Positionen eine Psychotherapie beginnen, ohne sich mit dem Therapeuten darüber zu unterhalten, was das Ziel ist und in welchem Zeitraum es zu erreichen ist. Jeder Psychotherapeut muss bei der Krankenkasse einen Behandlungsplan einreichen. Ich rate meinen Patienten grundsätzlich, sich diesen Plan in Kopie geben zu lassen. Das steht ihnen zu. Vor allem aber sollte man in der Zielsetzung realistisch bleiben. Eine Rundum-Erneuerung darf man von einer Therapie nicht erwarten, aber man kann sein Verhalten in einzelnen Punkten ändern. Auf diese wenigen Ziele sollte man zusteuern.

Sie warnen unter anderem vor Psycho-Gurus. Was ist an ihnen so gefährlich?

Psycho-Gurus helfen auf die Dauer nicht. Sie haben allenfalls zunächst einen Placebo-Effekt, vor allem, weil man sie selbst zahlen muss. Sie haben aber auch die Tendenz, ihre Klienten an sich zu binden: Sie machen abhängig. Wenn ich Ihnen die Geschichten erzählen würde, die ich in meiner Sprechstunde gehört habe, würden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben. Da wird Frauen im Extremfall geraten, viermal in der Woche für drei Stunden in die Psychotherapie zu gehen – auf unbestimmte Zeit.

Dass sie abhängig machen, sagt man sonst eher den Psychopharmaka nach.

Die ganze Welt warnt davor, dass Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine abhängig machen, aber auch unseriöse Therapeuten können das tun, sie können Menschen sogar in den Suizid treiben. Medikamente gegen Depressionen dagegen machen nicht abhängig, sie verändern auch nicht die Persönlichkeit. In einigen Fällen bilden sie die Voraussetzung dafür, dass man mit einer Psychotherapie überhaupt beginnen kann. Oder sie versetzen eine Frau in die Lage, über ihr Leben Bilanz zu ziehen und Änderungen anzustoßen.

Und die Hormone?

Alle Hormone, auch die als „Anti-Aging“-Hormone propagierten DHEA und Wachstumshormone, wirken auf das Gehirn, sie modulieren unsere Gefühle und unser Verhalten. Wir sind ja längst davon abgekommen, Körper und Seele fein säuberlich zu trennen. Was speziell die Hormontherapie in den Wechseljahren betrifft: Es ist sicher Unsinn gewesen, wenn bis vor einigen Jahren empfohlen wurde, alle Frauen sollten Hormone nehmen. Aber auch aus der Ablehnung kann man eine Ideologie machen. Manche Frauen haben sogar so gravierende Beschwerden, dass sie Depressionen entwickeln. Dann kann eine Kombination aus Hormonen und kurzfristiger Gabe eines Antidepressivums wirklich zu neuem Lebensmut verhelfen. Beides verträgt sich gut miteinander.

Sie berichten auch über die Möglichkeiten der ästhetischen Chirurgie. Ist das nicht geradezu eine Ermunterung, sich unters Messer zu begeben?

Ich hatte das Ziel, meine Leserinnen so aufzuklären, wie ich mir das für mich selbst auch wünschen würde. Meine Patientinnen, die ich wegen ihrer Depressionen behandle, fragen mich ganz oft, was ich von Schönheitsoperationen halte. Man muss darüber genauso aufklären wie über Psychotherapien oder Medikamente. Ich finde es wirklich sinnlos, wenn man dann nur gebetsmühlenartig auf die inneren Werte verweist.

Wann schreiben Sie ein Buch für die Männer in der Lebensmitte?

Worüber soll man da schreiben? Männer beschweren sich ja bekanntlich nicht, das gilt als unmännlich. Sie suchen außerdem weniger Hilfe in Ratgebern. Gegen eines der verschwiegenen Probleme, die Potenzschwierigkeiten, gibt es inzwischen wirksame Medikamente. Frauen scheinen allgemein stärker als Männer das Bedürfnis nach fachlicher Zuwendung zu haben - und in dieser verwundbaren Phase ohnehin.

Vielleicht bekommen Sie in Ihrer Sprechstunde ein etwas verschobenes Bild. Die selbstbewussten Frauen zwischen 50 und 60 kommen doch jetzt an die Macht.

Ja, wir haben eine Bundeskanzlerin, in Frankreich hätten wir um ein Haar Ségolène Royal als Präsidentin bekommen, in den USA kommt vielleicht Hillary Clinton: Das ist eine wunderbare Entwicklung. Aber die Frauen haben es schwerer, sie schaffen das alles trotz ihres doppelten biologischen Problems. Sie bekommen die Kinder und sie kommen in die Menopause. Danach, ab 60, geht es in der Lebenszufriedenheit der Frauen übrigens nach oben. Wir vermuten sogar, dass sie zufriedener sind als die Männer, wenn sie diese Kurve genommen haben.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

Isabella Heusers Buch „Glücklichmacher. So kommen Frauen entspannt durch die Lebensmitte“ ist im Ullstein-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.



ISABELLA HEUSER (54) ist Psychologin und Psychiaterin und leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Campus Benjamin Franklin.

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