Gesundheit : ISS: Die Internationale Raumstation wird bewohnbar

Rainer Kayser

In der kommenden Nacht wird ein neuer Stern über das Firmament ziehen: Swesda, das lang ersehnte russische Servicemodul für die Internationale Raumstation ISS. Swesda - russisch für "Stern" - soll heute vom Startplatz Baikonur in Kasachstan aus starten und in zwei Wochen automatisch an die ISS andocken. Mit einer Länge von 13 Metern und einem Gewicht von 19 Tonnen hat das Modul die Dimension eines Reisebusses. Mit Swesda steht den Astronauten endlich eine Unterkunft - komplett mit Schlafnischen, Badezimmer und Kücheneinrichtung - für die monatelangen Aufenthalte an Bord des Raumlabors zur Verfügung.

Mehr noch: Das russische Modul soll mit seinen großen Sonnenpaddeln auch die Energieversorgung der Station sichern; außerdem besitzt es einen eigenen Antrieb, mit dem sich die Bahn der Raumstation korrigieren lässt. Und das ist auch dringend nötig: Die ständigen Verschiebungen des Swesda-Starts - zunächst durch finanzielle Engpässe beim Bau des Moduls, dann durch Probleme mit der Proton-Rakete, die es ins All hieven soll - hatten den Amerikanern schon den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Durch die verstärkte Sonnenaktivität hat sich nämlich die Atmosphäre der Erde in den vergangenen Monaten soweit ausgedehnt, dass die Umlaufbahn der Raumstation sich durch Luftreibung um 2,7 Kilometer in der Woche abzusenken begann. Im Mai wurde die Bahn der ISS dann mit dem Antrieb einer amerikanischen Raumfähre um 32 Kilometer angehoben.

Erste Crew im September

Doch erst mit dem russischen "Stern" ist die Gefahr endgültig gebannt. Mit zwei weiteren Shuttle-Flügen soll im September die Ausstattung der Station vervollständigt werden. Ende Oktober fliegt dann die erste dreiköpfige Crew hinauf. Vier Monate sollen der amerikanische Kommandant William Shepherd und seine russischen Kollegen Juri Gidzenko und Sergej Krikaljow an Bord der ISS bleiben, dann werden sie von der zweiten Mannschaft abgelöst.

Mit Swesda erwartet die Astronauten freilich kein Luxushotel im All: Die Einrichtung des Wohnmoduls ist eher spartanisch. Grelles Neonlicht beleuchtet weiße Decken und schmutzigbraune Wände und Böden. Die Schlafnischen sind winzig und nur durch Vorhänge vom Rest des Moduls abgetrennt - leider gibt es nur zwei davon. Der dritte Raumfahrer muss seinen Weltraum-Schlafsack irgendwo anders im Modul verankern. "Doch dafür ist der Ausblick fantastisch", schwärmt Astronaut John Blaha, der vier Monate an Bord der russischen Station Mir verbrachte. Jede Schlafnische besitzt ein winziges Fenster, ähnlich den Bullaugen in den Kabinen von Kreuzfahrtschiffen, durch welches sich der Blick auf die blaue Erde oder auf die Sterne im All genießen lässt.

Im Badezimmer des Moduls befinden sich zwar ein Waschbecken und eine Dusche, doch deren Benutzung ist unter Astronauten wenig beliebt: Der Betrieb und vor allem die Reinigung der Einrichtungen sind unter Schwerelosigkeit ausgesprochen schwierig. Da greifen die Raumfahrer lieber zu feuchten Schwämmen bei der Körperpflege. Um körperlich fit zu bleiben, können die Astronauten - festgeschnallt - auf einem Heimtrainer und einem Laufband trainieren. Und gegen Langeweile ist in einem "Unterhaltungszentrum" mit Videorecorder, CD-Player und einer kleinen Bibliothek vorgesorgt. Begonnen hat der Aufbau der Internationalen Raumstation bereits Ende 1998 mit dem Start der russischen Versorgungseinheit Sarija ("Morgendämmerung") und dem amerikanischen Verbindungsknoten Unity ("Einheit"). Im Januar 2001 soll das große amerikanische Labormodul Destiny ("Schicksal") angekoppelt werden, das europäische Labor "Columbus" folgt erst im Herbst 2004.

Während des gesamten Aufbaus der Station muss sich die Besatzung mit den bescheidenen Verhältnissen der Swesda-Wohneinheit zufrieden geben: Das große, in den USA gefertigte Wohnmodul für bis zu sieben Astronauten setzt erst im Jahre 2005 den Schlusspunkt.

Fertig zusammengebaut wird die Station eine Gesamtmasse von über 400 Tonnen besitzen und so groß sein wie ein Fußballfeld - 88 mal 108 Meter. Die Bauteile der Station müssen in der Erdumlaufbahn von Astronauten und Kosmonauten in mühsamer Arbeit unter den harten Bedingungen der Schwerelosigkeit miteinander verbunden werden: Mit rund 1000 Stunden Arbeitsaufenthalt im freien Weltall rechnet die NASA. Anfänglich wird die Station die Erde in einer Höhe von 350 Kilometern umkreisen, im Jahr 2002 wird sie dann langsam auf eine Höhe von 460 Kilometern angehoben, um sich der Reibung der irdischen Lufthülle weiter zu entziehen. Je höher die ISS fliegt, desto geringer wird auch die Gefahr, durch die im erdnahen Raum umherschwirrenden Trümmerteile geborstener Raketenstufen und Satelliten getroffen zu werden.

Um diese Bedrohung zu verringern, werden zwar alle wichtigen Teile der Station mit einer zusätzlichen Schutzhülle versehen - größere Brocken könnten jedoch diese Hülle ebenso wie die Außenwand der Station durchschlagen, wichtige Geräte zerstören oder gar Besatzungsmitglieder verletzen. Da hilft nur Ausweichen: Mit Hilfe leistungsstarker Radaranlagen sollen gefährliche Objekte bis hinab zu zehn Zentimetern Größe geortet werden, damit die Station ihnen durch kleine Flugbahnänderungen rechtzeitig aus dem Weg gehen kann.

Befreit von der Schwerkraft

Schon während der Bauphase sollen an Bord der Station die wissenschaftlichen Experimente beginnen: Befreit von der Schwerkraft können Studien in den Bereichen Materialwissenschaften, Biologie und Medizin durchgeführt werden, die auf der Erde nur für jeweils wenige Sekunden in Falltürmen oder bei Sturzflügen in Spezialflugzeugen möglich sind. Während Kritiker die menschliche Besatzung der ISS als Stör- und Kostenfaktor sehen - bemannte Raumflüge sind allein wegen der erheblich höheren Sicherheitsstandards wesentlich teurer als automatische Missionen - , betonen andere Experten, dass sich nur durch die Anwesenheit von Menschen die Experimente flexibel gestalten lassen. Wie im irdischen Labor, so muss auch beim Experimentieren in der ISS nicht jede Einzelheit im Voraus geplant sein. Jederzeit kann eingegriffen werden, abhängig von den Ergebnissen können gezielt Umbauten an den Versuchseinrichtungen vorgenommen werden.

Die Versorgungsflüge zur ISS machen es möglich, ohne großen Planungsaufwand neue Zusatzgeräte oder Ersatzteile für Experimente nachzuliefern. Und Erfahrungen mit dem Langzeitaufenthalt von Menschen im All lassen sich natürlich nur dadurch gewinnen, dass Menschen sich tatsächlich lange im All aufhalten. Das ist eine wichtige Grundlage für künftige Vorstöße der Menschen in das Sonnensystem.

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