Gesundheit : Ist das Leitbild schon das Leitbild?

Uwe Schlicht

Dreieinhalb Jahre dauert die Suche der Humboldt-Universität Berlin nach einem Leitbild nun schon. Immer wieder wurde vertagt, was einst so verheißungsvoll mit großer Geste begonnen hatte: dem Entwurf des Philosophieprofessors Volker Gerhardt. Er hatte für die Leitidee den herausfordernden Satz aus der Antrittsrede des Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel aus dem Jahre 1818 aufgegriffen: Die Berliner Universität als die Universitä t der Mitte - nicht nur der damaligen preußischen Hauptstadt, sondern Europas. Das sollte die Humboldt-Universität jetzt wieder werden - eine Universität, deren Modell Wilhelm von Humboldt 1810 so ideal formuliert hatte, dass es im 19. Jahrhundert beispielgebend für die moderne Universität in vielen Ländern wurde.

Aber wie kann man heute noch, angesichts der Willfährigkeit vieler Professoren im Kaiserreich, der ideologischen Dienste im Nationalsozialismus und in der Zeit der DDR, nur an die positiven Seiten der Geschichte denken, wenn so viele dunkle Kapitel zum Bild der heutigen Humboldt-Universität gehören? Es gab eben nicht nur den Glanz der 29 Nobelpreisträger der alten Friedrich-Wilhelms-Universität. Das sind die Gründe, warum sich die Mitglieder des Konzils so schwer mit der Formulierung eines Leitbildes tun. Zumal auch noch der Anspruch besteht, heute wieder eine Universität der Exzellenz zu sein. Unleugbar ist die Humboldt-Universität mit über 30 000 Studierenden auch eine Massenuniversität geworden.

Immerhin hat es das Konzil der Humboldt-Universität am Mittwochabend geschafft, mit der großen Mehrheit von 28 Stimmen gegen eine ein Leitbild zu bejahen, das noch der Überarbeitung durch eine Redaktion bedarf. Damit ist die Abstimmung vom Mittwoch vielleicht noch nicht die letzte. Denn wenn eine der Gruppen - Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studenten oder Dienstkräfte den redaktionellen Änderungen widerspricht, muss eine Schlussabstimmung im Konzil anberaumt werden.

Wie stellt sich die Hochschule in dem Leitbild dar? Als eine Universität, die sich der Humanität in enger Verbindung zur Wissenschaft bewusst ist und ihren Reformimpuls von 1810 bewahren will und zwar "im Zeichen der Exzellenz". Diese Formulierung hat die Mehrheit der Studenten und Wissenschaftlichen Mitarbeiter in einer Zwischenabstimmung abgelehnt, die Mehrheit der Professoren hat sie befürwortet. Für die Professoren darf ein Leitbild nicht beliebig ausfallen. Man wünscht keine Formulierungen, die für jede andere Universität auch passen. Besonders umstritten waren die Aussagen zur gesellschaftlichen Verantwortung. Da heißt es: "Der Bezug der Humboldt-Universität auf ihre Tradition erfolgt auch im Bewusstsein ihrer schuldhaften Verstrickung in die Politik. Zur Geschichte der Universität gehören auch Obrigkeitshörigkeit, ständische Überheblichkeit und Beispiele menschenverachtender Forschung und Lehre. Seit ihrer Selbsterneuerung im Jahre 1989 versteht sich die Humboldt-Universität gerade auf Grund dieser Geschichte als eine Institution, die sich bewusst zur kritischen Distanz gegenüber institutionalisierter Macht entschieden hat. Sie wendet sich gegen jede Form von Diskriminierung, Intoleranz und kultureller Selbstüberhö hung."

Dagegen wenden mehrere Professoren ein, dass der erklärte Wille zur kritischen Distanz gegenüber institutionalisierter Macht heute missverstanden werden könne: Will sich die Universität auch von der Macht im demokratischen Staat distanzieren? Hier ist eine redaktionelle Überarbeitung wahrscheinlich. Das eigentlich gemeinte, fasste ein Charité-Professor in der Formulierung zusammen: "Es geht darum, dass deutsche Professoren den jeweils Herrschenden nicht mehr in den Hintern kriechen."

Zentral sind auch die Aussagen über Forschung und Studium: Traditionell profiliert sich der deutsche Professor über die Forschung und so wird diese als "Lebensnerv der Universität" definiert. Nach dem Leitbild werden auch die Studenten an das forschende Lernen herangeführt. Als Aufwertung der Lehre muss man den Satz verstehen: "Die auf Dauer angelegte Reform des forschenden Lernens kann aber nur gelingen, wenn das Prestige der Lehre wächst." In einer anderen These steht gar: "Daher haben die Studierenden das Recht und die Pflicht zur Übernahme von Verantwortung - nicht nur in der Selbstverwaltung, sondern auch in Lehre und Forschung."

Entscheidend für die Hochschule ist ihr Anspruch, Volluniversität zu bleiben. "Als Stätte der Forschung legt die Humboldt-Un großen Wert auf den Erhalt ihrer Wissens- und Forschungsbereiche. Erst die Präsenz der Natur-, Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften sowie der Medizin gewährleitestet Interdisziplinarität." Brisanz gewinnt dies durch die Klinikumsdebatte und die Gefahr, die Freie Universität könnte den Charakter als Volluniversität verliert. Zufrieden sind die Charité-Mediziner dennoch nicht - das Wort "sowie" erscheint ihnen, als werde die Medizin als Anhängsel betrachtet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar