Gesundheit : Ist Mobilfunk schädlich? Wirkung auf Zellen untersucht

Adelheid Müller-Lissner

Seit einiger Zeit leidet die 50-Jährige unter Schlafstörungen. Es ist nicht lange her, dass ihrem Wohnhaus direkt vis-à-vis ein Sendemast errichtet wurde. Ist es die elektromagnetische Strahlung, die ihre Befindlichkeitsstörung ausgelöst hat? Ein Buch über „Elektrosmog“ bestärkt sie in ihren Ängsten. Sind sie berechtigt?

Der Mediziner Rudolf Fitzner und seine Arbeitsgruppe forschen am Institut für Klinische Chemie und Pathobiochemie der Charité Campus Benjamin Franklin über Elektromagnetfelder. Über ihre Untersuchungen an Zellen, die gleichzeitig an mehreren Universitäten läuft und von der EU im Rahmen des REFLEX-Projekts gefördert wird, berichteten die Forscher jetzt auf dem Deutschen Ärztekongress.

Was in Sachen Elektromagnetfelder zu hören war, hat für die ärztliche Praxis noch keine unmittelbare Bedeutung. Die Berichte aus der Grundlagenforschung waren dennoch spannend: Wenn bestimmte Zelltypen im Reagenzglas in festgelegten Abständen hochfrequenten elektromagnetischen Feldern ausgesetzt werden, wie sie im Mobilfunk entstehen, zeigen sich Veränderungen an ihrem Erbgut.

Die Zellen des blutbildenden Systems (HL-60-Zellen) wiesen unter dem Einfluss eines Feldes von 1800 MHz Chromosomenbrüche auf. Christian Maercker vom deutschen Ressourcenzentrum für Genomforschung in Heidelberg berichtete zudem, dass der Stoffwechsel in den untersuchten Zellen angeschoben wurde, die Aktivität bestimmter Gene verringerte sich. Darin sieht der Experte mögliche Anzeichen für eine Stressreaktion.

Doch alle Grundlagenforscher mahnten, diese frühen Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen. „Zunächst müssen andere Forschergruppen unsere Daten bestätigen“, sagte Fitzner dem Tagesspiegel. Vor allem müsse man im Auge behalten, dass es sich um Ergebnisse handelt, die an Zellen im Labor gewonnen wurden.

„Wir hatten nicht das Ziel, ein Gesundheitsrisiko herauszuarbeiten, sondern wollten Grundlagen für die Forschung liefern“, sagte Maercker. Die Ergebnisse sind darüber hinaus natürlich auf die untersuchten Zelltypen beschränkt. „Und auch hier haben wir keine Gesamtveränderung oder Veränderung des Wachstums der Zelle bemerkt“, sagt Fitzner. Noch haben die Forscher zudem die indirekten Mechanismen, die hier offensichtlich auf die Zelle einwirken, keineswegs verstanden.

Seit sich die Netz-Betreiber im Jahr 2001 zu breiter Information der Bevölkerung verpflichtet haben, ist es um den unglücklichen Begriff „Elektrosmog“ etwas ruhiger geworden. Nach wie vor gilt: Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über Schädigungen von Zellen des menschlichen Organismus durch schwache hochfrequente elektromagnetische Felder.

Ein latentes Misstrauen werden viele Laien aber trotzdem nicht los, zumal viele Informationen von „interessierter“ Seite kommen. Deshalb ist es beruhigend, dass die Forscher die Hände keineswegs in den Schoß legen, sondern weiter auch nach minimalen Effekten suchen.

„Forschungsbedarf wird auf diesem Feld immer bestehen“, sagte beim Ärztekongress der Physiker Egon Zemann vom Institut für Elektrische Energietechnik der TU Berlin. Nicht nur wegen der Handys: „Wir leben in einer Welt, die von elektrischen und magnetischen Feldern durchsetzt ist.“ Deshalb empfehle es sich übrigens nach wie vor, im Flugzeug vor Abflug das Mobiltelefon auszuschalten: „Irgendwo im Leitungswirrwarr der Maschine ist vielleicht eine undichte Stelle, die für eine Einkoppelung in Frage kommt.“

Und was soll der Arzt nun der Patientin sagen, die ihre Schlafstörungen auf den Sendemast direkt gegenüber ihrer Wohnung zurückführt? Zemann gab aus physikalischer Sicht Entwarnung, weil die Anlage weit in die Ebene hineinstrahle und die Strahlung nicht geballt bei den Anwohnern ankomme. Kupferbänder oder andere „Hausmittelchen“, mit denen Räume von Strahlung befreit werden sollen, erklärte er für sinnlos.

Der Mediziner Fitzner mahnt seine Kollegen dennoch, die Beschwerden ernst zu nehmen. Er plädiert dafür, in einem Fall wie dem geschilderten die elektromagnetischen Felder in der Umgebung zu messen.

„Wir müssen die technische, aber auch die medizinische Seite prüfen.“ Denn die Beschwerden verschwinden ja nicht einfach, wenn die Ergebnisse der Messungen beruhigend ausfallen. Der Laboratoriumsdiagnostiker kennt Fälle, in denen etwa Bluttests und eingehende Untersuchungen zu ganz anderen Erklärungen der Erkrankung führten.

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