Gesundheit : Jacke mit Pommesgeruch

Die Studentin Sabine Greunig entwirft Filmkostüme – auch die für „Halbe Treppe“ sind von ihr

Alva Gehrmann

Ihr Name steht auf Filmplakaten, wird im Abspann eingeblendet, und doch wird er häufig überlesen. Sabine Greunig hat einen der stillen, unbeachteten Filmberufe. Aber ohne sie würden die Schauspieler nackt dastehen: Greunig ist Kostümbildnerin. Zuletzt hat sie für den Kinofilm „Halbe Treppe“ die Schauspieler eingekleidet. In der preisgekrönten Tragikkomödie von Andreas Dresen, in der die Beziehungen zwischen zwei befreundeten Ehepaaren in Frankfurt (Oder) erzählt werden, ist Uwe – der Imbissbudenbesitzer – eine der Hauptfiguren.

Doch wie ist so ein Imbissbudenbesitzer in Frankfurt eigentlich gekleidet? Um das herauszufinden, fuhr Greunig vor Ort, und fand in Eberhard Urban die ideale Vorlage. Dessen Imbissbude „Halbe Treppe“ gab dem Film seinen Namen und ist zugleich einer der Drehorte. „Eberhard trägt gern zwei Pullover übereinander und darüber noch eine lindgrüne Blouson-Jacke, im Stil der 80er Jahre des Ostens“, erzählt die Kostümbildnerin. „Eine Jacke, der man den Pommesgeruch förmlich ansieht.“ Diese Blouson-Jacke war so perfekt, dass Schauspieler Axel Prahl, der den Uwe spielt, sie auch im Film getragen hat.

Greunig ist leger gekleidet, trägt eine enganliegende Kapuzenjacke. Eigentlich ist die 38-Jährige schon seit fünf Jahren mit ihrem Modedesign-Studium an der Kunsthochschule Weißensee fertig, nur die schriftliche Diplomarbeit fehlt noch. Schon immer wollte Greunig an der Kunsthochschule Weißensee studieren. Doch das klappte erst später, im zweiten Anlauf. Nach ihrer Ausbildung zur Maßschneiderin bei der DEFA wurde sie zunächst abgelehnt. Also studierte sie in Dresden an der Hochschule der Bildenden Künste drei Jahre Kostümgestaltung. Das war Anfang der 90er Jahre. In dieser Zeit lernte die Studentin auch Andreas Dresen kennen, der gerade seinen Debütfilm vorbereitete und noch eine Kostümbildnerin suchte. So wurde „Stilles Land“ auch Greunigs Debütfilm. Seitdem arbeiten die beiden zusammen.

Heute entwirft Greunig nur noch selten eigene Kostüme, meist trägt sie die Kleidung „aus allen möglichen Ecken zusammen“. Im Kostümfundus, im normalen Kleidungsgeschäft oder auf dem Trödelmarkt. Für „Halbe Treppe“ etwa ging sie dort hin, wo auch viele Frankfurter ihre Kleidung kaufen: auf den Polenmarkt. „Das Besondere war, dass ich für jeden der Hauptdarsteller einen eigenen Kleiderschrank zusammengestellt habe“, sagt Greunig. So gab es kein Drehbuch, die Geschichte wurde erst vor Ort entwickelt. So musste für jede Gelegenheit das passende Kostüm vorliegen: Sei es das Nachthemd, die Sporthose oder der Wohlfühlpulli. Normalerweise liest Greunig in der Vorbereitung zuerst das Drehbuch, anhand dessen fertigt sie dann Skizzen von den Kleidern an. Anschließend trifft sie sich mit den Schauspielern. „Meistens schaue ich, was sie privat in ihrem Kleiderschrank haben, so dass ich, falls die Geschichte es zulässt, nah an der privaten Person dranbleibe.“

Derzeit bereitet sie den Kinofilm „Der Blindgänger“ vor. Hier muss sie vor allem Teenager einkleiden. Was bei Zwölf- bis 14-Jährigen derzeit angesagt ist, weiß Greunig ohnehin, schließlich hat sie eine Tochter im gleichen Alter. Doch die Hauptdarstellerinnen sind blind. Dabei stellt sie sich auch die Fragen, wie Blinde Stoffe wahrnehmen und ob man Farben fühlen kann.

In jedem Theaterstück und jedem Film wird etwas anderes von der Kostümbildnerin verlangt. Bei den Dreharbeiten zu „Halbe Treppe“ ging ihr Aufgabengebiet auch über den eigentlichen Beruf hinaus. Da Regisseur Dresen unbedingt mit einem kleinen Team arbeiten wollte, hatte jeder am Set gleich mehrere Jobs: Sabine Greunig war ihre eigene Garderobiere, hat die Filmklappe geschlagen und eine kleine Nebenrolle als Zahnarzthelferin gespielt. Und manchmal, da hat sie auch noch den Kaffee gekocht. Aber da war jeder mal dran, sagt Greunig und lacht.

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