Gesundheit : „Jede Sekunde nutzen“

Zu wenige Menschen werden wiederbelebt: Der Herzspezialist Dietrich Andresen fordert ein Umdenken

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Kreislaufzusammenbruch und Herztod: Sie haben zusammen mit anderen Berliner Ärzten untersucht, wie häufig Ersthelfer lebensrettende Sofortmaßnahmen wie die Herzdruckmassage anwenden. Wie lauten Ihre Ergebnisse?

Wir haben bei 313 Menschen mit plötzlichem Herztod die näheren Umstände untersucht. Was geschieht nach dem Kreislaufzusammenbruch? Vier von fünf Personen brachen in ihrer Wohnung zusammen. Positiv ist, dass 60 Prozent der Menschen in dieser Situation nicht allein waren, und positiv ist auch, dass die Zeugen den Zusammenbruch auch als Notfall einschätzten und rasch die Feuerwehr riefen.

Und die Wiederbelebung?

Die ist ein Riesenproblem. Nur bei jedem dritten Bewusstlosen wurde durch die Zeugen mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen.

Woran liegt das?

Es gibt aus unserer Erfahrung drei wesentliche Gründe: Die Leute nehmen fälschlicherweise an, dass der Bewusstlose noch atmet. Oder sie haben Angst, bei ihren Wiederbelebungsversuchen etwas falsch zu machen und zum Beispiel Rippen zu brechen. Und drittens sind viele Menschen in dieser Situation einfach überfordert und blockiert. Wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt.

Nun haben japanische Ärzte festgestellt, dass Menschen, die wiederbelebt werden, bessere Chancen haben und weniger Schäden davontragen, wenn nur eine Herzmassage gemacht wird und auf die Mund-zu-Mund-Beatmung verzichtet wird.

Das ist ein sehr spannender Ansatz. Die internationalen Leitlinien für die Wiederbelebung empfehlen bisher sowohl die Herzdruckmassage als auch die Beatmung. Der Patient muss also auf den Rücken gelegt werden und dann wird eine Herzmassage gemacht, und zwar 30mal. Dann soll der Kopf nach hinten gestreckt und zweimal mit dem Mund beatmet werden. Das ist die „30-zu-2-Regel“ (30mal Herzmassage, 2mal Beatmung). Noch vor anderthalb Jahren galt die „15-zu-2-Regel“. Man hat also immerhin schon die Herzmassage etwas aufgewertet.

Was sind die Gründe für diese Aufwertung?

Die Beatmung ist nun einmal weniger wichtig. Gerade in den ersten Minuten nach einem Kreislaufzusammenbruch gibt es im gesamten Körper noch viel Sauerstoff. Denken Sie an Taucher, die einige Minuten ohne zu atmen unter Wasser bleiben können. Sauerstoff ist in dieser Phase nicht das Problem. Entscheidend ist, dass der Sauerstoff nicht ins Gehirn gelangt, wenn der Kreislauf stillsteht. Deshalb die Herzmassage, bei der das Herz zusammengedrückt und dadurch das Blut in den Kopf gedrückt wird, um hier die kleinen Zellen in der Hirnrinde am Absterben zu hindern. Natürlich enthält das Blut nicht viel Sauerstoff. Aber das ist wie bei einer Pflanze, die noch ein paar Tropfen Wasser bekommt. Es reicht zwar nicht zum Blühen, aber zum Überleben.

Der amerikanische Herzspezialist Gordon Ewy hat aus Anlass der japanischen Studie im Fachblatt „Lancet“ geschrieben, dass das Abschaffen der Mund-zu-Mund-Beatmung die Hilfsbereitschaft von Zeugen eines Zusammenbruchs dramatisch erhöhen und auch die Überlebenschancen steigern könnte.

Das sehe ich genauso. Man sollte jede Sekunde nutzen, um den Sauerstoff ins Gehirn zu pumpen. Ich glaube auch, dass Angehörige oder Zeugen mehr machen würden, wenn sie auf die Beatmung verzichten könnten. Natürlich muss man ihnen sagen, dass sie nichts falsch machen können, dass eine gebrochene Rippe kein Problem darstellt. Erst recht nicht, wenn es ums Überleben geht. Aber es ist natürlich viel einfacher, nur auf den Brustkorb zu drücken, statt eine komplizierte Regel mit Beatmung und Herzmassage im Kopf zu haben und dann auch noch die Atemspende zu machen, die nicht gerade einfach ist. Und schließlich die Hygiene – viele Leute schrecken vor der Hilfe zurück, weil sie Angst vor Aids haben oder sich vor Erbrochenem ekeln. Bei der Herzmassage wäre das kein Problem.

Sehen Sie eine Chance, dass in Deutschland die Erste-Hilfe-Regeln geändert werden?

Nichts ist so schwer, wie solche Richtlinien zu ändern und bis zum „Verbraucher“ durchzureichen. Schließlich sind viele Rettungsorganisationen von solchen Änderungen betroffen. Die neuen internationalen Leitlinien gehen schon in diese Richtung.

Inwiefern?

Immerhin heißt es in ihnen: Wenn man sich außerstande sieht zu beatmen, soll man darauf verzichten und nur die Herzdruckmassage machen.

Würden Sie persönlich denn empfehlen, im Ernstfall auf die Beatmung zu verzichten?

Ich kann mich nicht einfach über die Richtlinien hinwegsetzen. Aber ich empfehle, die obige Empfehlung in dieser Richtung sehr frei auszulegen.

Sie haben zu Beginn gesagt, viele Leute glauben, dass ein Mensch mit Kreislaufzusammenbruch noch atmet, obwohl das gar nicht der Fall ist. Wie kann man sicher sein?

Dazu hat man die Richtlinien bereits sinnvoll vereinfacht. Entscheidend ist die Prüfung des Kreislaufs. Der Ersthelfer braucht nicht mehr den Puls zu fühlen, weil das zu fehleranfällig ist und viele Menschen in der Aufregung ihren eigenen Herzschlag für den des Bewusstlosen halten. Stattdessen spricht man den Bewusstlosen an, fasst ihn an den Schultern, schüttelt ihn oder klopft auch gegen seine Wangen. Wenn er sich bewegt, hat er einen Kreislauf. Wenn man Zweifel hat, sollte man mit der Herzmassage beginnen. Aber nicht vergessen, vorher Hilfe über die Feuerwehr (Telefon 112) zu holen.

Wie macht man eine Herzdruckmassage?

Ganz einfach: man legt den Handballen der einen Hand – der Rechtshänder sollte die Linke nehmen – auf die Mitte des Brustbeins. Dann verkreuzt man darüber die andere Hand, kniet sich neben den Patienten und drückt das Brustbein mit gestreckten Armen vier bis fünf Zentimeter hinunter. Also nicht etwa die Arme anwinkeln, sondern mit dem ganzen Oberkörper auf den Bewusstlosen drücken. Gebeugt wird in der Hüfte.

Wie oft in der Minute?

Etwa 100mal.

Das kostet Energie.

Man hat in dieser Situation unglaubliche Kraft und Ausdauer, erst recht Angehörige. Ist ein zweiter Helfer da, kann man sich auch ablösen lassen. Die meisten Leute erschöpfen nur deshalb, weil sie die Arme anwinkeln.

Was kann der Notarzt tun?

Ich bin ein Anhänger der gezielten Unterkühlung, das kann die Chancen für ein Überleben des Gehirns deutlich verbessern. Der Notarzt legt dazu noch in der Wohnung dem Bewusstlosen Eispakete um den Hals, um die Halsschlagadern zu kühlen. Zusätzlich wird gekühlte Kochsalzlösung gespritzt. Und in der Klinik wird der Patient in einem speziellen Kühlzelt von 36 auf 32 Grad heruntergekühlt. Wir machen das 24 Stunden lang. Die Idee, dies zu tun, stammt aus Einzelbeobachtungen. So wurde ein Kind, das in Norwegen ins Eis eingebrochen war und eine dreiviertel Stunde ohne Atmung und Kreislauf war, erfolgreich wiederbelebt. Es trug keine Schäden davon.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

DIETRICH

ANDRESEN

ist Herzspezialist im Vivantes-Klinikum Am Urban in Berlin-Kreuzberg.

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