Gesundheit : Jedes Kind ist exzellent

Wer Eliten will, muss mit der Förderung schon früh beginnen Von Annette Lepenies

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Die Exzellenzinitiative der Bundesregierung hat die Wissenschaftslandschaft verändert. Begriffe wie „Elite“ und „Hochbegabung“sind zu Schlüsselworten geworden. Es vollzieht sich ein Mentalitätswechsel. Diese Veränderung betrifft aber nicht nur die Universitäten. Es wird deutlich, dass die Grundlagen für exzellente Universitäten in den Schulen und – früher noch – in den Kindergärten gelegt werden. Hier verknüpfen sich zwei aktuelle Debatten: die „Entdeckung“ der Unterschichten und die Akzeptanz des Elitegedankens. Die fortdauernde Bildungsarmut weiter Bevölkerungskreise – verstärkt durch eine unzureichende Familien- und Integrationspolitik – wird eine wirksame Elitenbildung verhindern. Voraussetzung ist ein Bildungsreservoir auf hohem Niveau. Eliten bedürfen darüber hinaus einer Legitimation durch offene und faire Aufstiegschancen, die niemandem den Elitenzugang von vornherein unmöglich machen.

Aus diesem Grund wird ein Schwerpunkt der bundesdeutschen Bildungspolitik seit einigen Jahren auf die Kindergärten gesetzt. Exzellenz – möglichst früh, heißt das Motto.

1983 gründete Margy Whalley in Corby, einer Stadt in England, die nach dem Ende der lokalen Stahlindustrie von hoher Arbeitslosigkeit betroffen war, das „Pen Green Centre for Children Under Fives and Their Families“. Dieser Kindergarten wurde zum Modell der „Early Excellence“-Bewegung, die seit 1997 von der Labour-Regierung flächendeckend gefördert wurde und nun auch die Schule miteinbezieht.

„Early Excellence“ ist auch in Deutschland zu einer bildungspolitischen Leitidee geworden. Beispielsweise sind in Berlin alle Einrichtungen des Pestalozzi-Fröbel-Hauses zu „Early Excellence“-Zentren geworden. Modellprojekt ist das Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße, das von der Heinz- und-Heide-Dürr-Stiftung bereits seit sieben Jahren gefördert wird. Drei Leitgedanken liegen der Arbeit zugrunde: 1. Jedes Kind ist exzellent. 2. Eltern sind die Experten ihres Kindes. 3. Die Kita wandelt sich zu einem gemeindeorientierten Dienstleistungszentrum.

Jedes Kind ist exzellent: Exzellenz bedeutet auf dieser Stufe keine Frühselektion. Es geht nicht darum, die hochbegabten Kinder herauszufinden, sondern die Exzellenz in jedem Kind. Die Erzieher werden mit einer Vielfalt von Beobachtungsinstrumenten geschult, die Stärken jedes Kindes herauszufinden und noch stärker zu machen. Auf dieser Grundlage werden individuelle Förderprogramme entwickelt. Der für die deutsche Erziehungsphilosophie typische Defizitblick hat hier keine Chance. Die Zusammenarbeit mit den Eltern wird so erleichtert: Allen Eltern liegt daran, dass ihr Kind im besten Licht erscheint und besonders gut gefördert wird.

Eltern als Experten: Eltern als Erziehungsexperten wahrzunehmen, fällt aber sowohl im Milieu der Schule wie des Kindergartens schwer. Das „Early Excellence“-Konzept hat hier eine revolutionäre Wahrnehmungsveränderung bewirkt. Im Bereich des anglo-amerikanischen Pragmatismus ist es leichter, Erfahrung als die entscheidende Grundlage von Lernen und Erziehung anzusehen. Besonders beim kleinen Kind handelt es sich dabei um die Erfahrung der häuslichen Lebenswelt. Im Mittelpunkt stehen dabei die Eltern – und daher sind die Erzieher auf die Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen, um diesen Erfahrungshintergrund des Kindes angemessen kennenzulernen. Alle Untersuchungen zeigen, dass Kinder sich in intellektueller, emotionaler und sozialer Hinsicht besonders gut entwickeln, wenn sie spüren, dass Eltern und Erzieher gemeinsam zu ihrem Besten beitragen. Wohlgemerkt, es sind die Erzieher, die von den Eltern lernen für ihre Arbeit mit deren Kind!

Die Kita als Dienstleistungszentrum: Kinder sind immer noch die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Für Eltern wird die Erziehungszeit zu einer besonders angespannten Phase ihres Lebens. Unterstützen kann man Eltern dabei, dass man ihnen eine möglichst hohe Erziehungssicherheit bietet. Gesundheitsberatung und Weiterbildung, auch Freizeitaktivitäten, gehören dazu. Auf diese Weise sollen sich nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern in der Kita wohlfühlen, die sich zu einem Familien- und Dienstleistungszentrum wandelt. Diese Veränderungen haben ihren Preis. Ihn zu zahlen, liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse.

Gerecht ist ein Exzellenzwettbewerb nur dann, wenn er den Zugang dazu möglichst vielen offenhält. In der frühkindlichen Erziehung kommt es darauf entscheidend an.

Die Autorin, Diplom-Psychologin, arbeitet am Berliner „Early Excellence – Zentrum für Kinder und ihre Familien e. V.“

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