Gesundheit : Jedes Leben ist wert, erzählt zu werden Katrin Rohnstock über ganz

NAME

Jedes Leben ist es wert, erzählt und aufgeschrieben zu werden, meint Katrin Rohnstock. Menschen, die ihre Lebenserinnerungen festhalten, aber nicht selbst schreiben wollen, können es ihr oder ihren Mitarbeitern erzählen. Aus Gesprächen, Briefen, Fotos wird dann ein individuelles „Buch des Lebens“ gestaltet. Knapp 60 Bücher liegen schon vor, 25 weitere sind in Arbeit. In Rohnstocks „Erzähl-Akademie" werden ihre Mitarbeiter zu professionellen Autobiographikern ausgebildet. Außerdem gibt es Kurse für Menschen, die ihre Erinnerungen selbst schreiben möchten, und für alle, die lernen wollen, lebendig und fesselnd zu erzählen.

Frau Rohnstock, haben ältere Menschen mehr zu erzählen als jüngere?

Jedenfalls blicken sie stärker zurück, sind nicht so in Alltagshektik verstrickt und haben ein größeres Bedürfnis, aus ihrem Leben zu erzählen - um für sich selbst Bilanz zu ziehen und um sich ihren Nachkommen zu erklären. Jüngere Leute erzählen und schreiben auch autobiographisch, aber es dient ihnen eher dazu, ihre Identität zu bilden. Das Erzählen der Jungen richtet sich auf die eigene, das der Alten auf die Zukunft der Nachkommen. Beides brauchen wir.

Wollen denn die Jüngeren ihren Eltern und Großeltern überhaupt zuhören?

Oh ja! Oft unterschätzen die Älteren sogar, wie sehr sich die Jungen für das Leben ihrer Vorfahren interessieren - vorausgesetzt, es wird lebendig erzählt, ohne erhobenen Zeigefinger. Aber viele haben das Erzählen verlernt - und die Jungen, die ihrerseits vielleicht auch das Fragen verlernt haben, merken erst nach dem Tod ihrer Eltern und Großeltern, wie wenig sie von ihnen wissen und dass es dann unwiderruflich zu spät ist. Mit unseren Projekten wollen wir die Kultur des mündlichen Erzählens wiederbeleben und entwickeln. Wer eine Geschichte erzählt, erobert die Herzen der Hörenden ...

Sie haben als Thema für den Erzähl-Wettbewerb vorgeschlagen: „Fremd in Berlin - Wie ich ankam". Warum scheint Ihnen das so reizvoll?

Berlin ist schon lange eine Einwanderungsstadt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren 30 Prozent der Berliner Hugenotten. Es kamen auch viele protestantische Schlesier, Sudetendeutsche, Ostpreußen. Im 19. Jahrhundert dann die so genannten Ostjuden, nach dem 2. Weltkrieg die Flüchtlinge, später im Westen Italiener und Türken, im Osten Vietsen, nach der Einigung Russlanddeutsche und russische Juden - nicht zu vergessen all die Zugewanderten aus ganz Deutschland. Unter unseren Erzählern sind besonders viele, die es durch den Krieg nach Berlin verschlug - sie wollen mit dem Erzählen auch ihre ehemalige Heimat bewusst machen. Aber „Ankommen in Berlin" bietet Stoff für viele Geschichten.

Bleiben die alteingesessenen Berliner bei diesem Thema außen vor?

Wieso denn? Jeder macht doch hier die Erfahrung, immer wieder in einem neuen Berlin anzukommen. Die Geschichten können auch davon handeln, wie eine West-Berlinerin zu DDR-Zeiten Ost-Berlin erlebte, wie Ost-Berliner nach West-Berlin kamen, wie ein Zehlendorfer zum ersten Mal nach Kreuzberg fährt - oder wie ganz einfach eine Schülerin, ein Student von heute aus dem Urlaub zurückkommt und die Stadt mit anderen Augen sieht.

Das Gespräch führte Elisabeth Mortier. Kontakt: Katrin Rohnstock Medienbüro, Prenzlauer Allee 217, 10405 Berlin, Tel. 42 85 22 55, www.katrin-rohnstock.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben