Gesundheit : Jerusalemer Talmud: Ein Tempel aus Worten

Clemens Wergin

Darf ein Rabbiner in ein heidnisches Bad gehen? "Weshalb badest du in einem Bad der Aphrodite?" fragt der Philosoph Peroqlos den Rabbi Gamliel während dieser sich gerade im Wasser vergnügt. Die Szene spielt etwa im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in Akko in Palästina und wird berichtet im Jerusalemer Talmud. Dessen weltweit erste wissenschaftliche Ausgabe wurde jetzt in Berlin an der Freien Universität abgeschlossen. Geistiger Vater ist Peter Schäfer, Leiter des Fachbereichs Judaistik. Er hat zehn Jahre lang immer wieder Gelder bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben und Generationen von Studenten an eines der wichtigsten Textkompendien der rabbinischen Literatur herangeführt. Und so kann man nur ahnen, was das schüchtern-stolze Lächeln des großgewachsenen Mannes verbirgt, der jetzt die zwei letzten Bände einer epochalen Forschungsarbeit in Händen hält.

"Der Jerusalemer Talmud ist so wichtig, weil wir über ihn viel über das damalige jüdische Leben in Palästina erfahren", sagt Schäfer. Anders als sein im Babylonischen Exil entstandenes umfangreicheres Pendant sei der "Yerushalmi", wie er auf Hebräisch heißt, "roher und offener, weniger literarisch durchgebildet" und deswegen für den Historiker interessanter, weil die rabbinischen Diskussionen kaum gefiltert sind. So erfährt man einiges über die Beziehungen der Juden zur römisch-griechischen Umwelt. Etwa über die gemeinsame Benutzung der Badehäuser. Denn von Peroqlos in die Enge getrieben, ist Rabbi Gamliel nicht um eine Antwort verlegen - allerdings erst, nachdem er das Bad wieder verlassen hat. Es sei für einen Juden kein Problem, vor einer Statue der Aphrodite zu baden, denn: "Nicht das Bad ist zur Ausschmückung der Aphrodite gemacht worden, sondern die Aphrodite ist zur Ausschmückung des Bades gemacht worden." Soll heißen, es ist kein Tempel, wofür Gamliel drastische Beweise liefert: "Würdest du etwa nackt oder samenergußbehaftet zu deinem Götzen eintreten und vor ihm urinieren?" fragt er.

Transportierfähiges Judentum

Der Talmud dokumentiert Diskussionen antiker Rabbiner über die Inhalte der Mischna, die im 2. Jahrhundert zusammengestellt wurde, um die religions-, zivil- und strafrechtlich relevanten Regeln des Judentums zu systematisieren. Nötig geworden war dies wegen der Zerstörung des Tempels 70 n.Chr. durch die Römer. Nun gab es kein nationales Zentrum mehr. Und es ist den antiken Rabbinern zu verdanken, dass das Judentum nicht ganz verschwand, sondern die auf das Land Israel, die Priestergeschlechter und den Tempel ausgerichtete Religion in den Schriften sublimiert wurde zu einem neuen, geistigen und somit "transportablen" Kern des Judentums.

Zwei Zentren hatten sich nach dem verheerenden Krieg gegen Rom herausgebildet. Ein kleines, aber bedeutendes in Palästina. Und ein mächtiges und wohlhabendes in Babylon, das Palästina zunehmend die Führungsrolle streitig machte. Und so sind die beiden konkurrierenden "Talmudim" auch Ausdruck jüdischen Lebens in zwei unterschiedlichen Kulturräumen: Palästinensische Juden kamen durch das erstarkende Christentumzunehmend in Bedrängnis. Weswegen der Jerusalemer Talmud im 5. Jahrhundert einfach abbricht. Die Kommentare zu den letzten beiden Abschnitten ("Ordnungen") der Mischna fehlen fast vollständig. Und so ist es auch einer nicht erfolgten Schlussredaktion zuzuschreiben, dass der Jerusalemer Talmud im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geriet und nur in wenigen Handschriften überliefert ist. Anders der Babylonische Talmud. Er wurde erst im 7. Jahrhundert unter islamischer Herrschaft abgeschlosssen - und ist Ausdruck einer literarisch verfeinerten, blühenden jüdischen Kultur.

Da es keine wirkliche "Urfassung" des Jerusalemer Talmud gab, ist die nun fertiggestellte Ausgabe keine wissenschaftlich-kritische Edition. Vielmehr handelt es sich um eine Synopse: Alle maßgeblichen, manchmal auch nur in Teilen überlieferten Schriften stehen gleichberechtigt nebeneinander. Was für eine Pioniertat die Berliner Ausgabe ist, zeigt die Tatsache, dass bisher die 1523 in Venedig erschienene erste Druckfassung als Referenzausgabe galt. Ein Vergleich mit den in Leiden und im Vatikan befindlichen Abschriften des 13. Jahrhunderts und den Manuskripten in London und Paris bestätigte eine Vermutung Schäfers: "Der Text ist an vielen Stellen fluide, nicht endgültig festgelegt", sagt der zwischen Princeton und Berlin pendelnde Judaist.

Der größte Unterschied zum Babylonischen Talmud besteht in den umfangreichen Kommentaren zur Landwirtschaft. Dazu hatte man in Babylon wenig zu sagen, galten die meisten Regeln der ersten Ordnung der Mischna doch nur im Heiligen Land. Und so lässt sich einiges auch über die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen im antiken Palästina erfahren mit Hilfe der Kommentare der Rabbiner etwa über den Zehnten oder die Armenecke auf den Feldern, wo Grundbesitzer ein wenig vom eigenen Reichtum für Hungernde übrigließen.

Mehr als 1500 Jahre alt ist der Jerusalemer Talmud. Dass er jetzt gerade in Berlin für die erste wissenschaftliche Ausgabe bearbeitet wurde, ist auch moderner Technologie zu verdanken. "Wir waren mit die ersten, die mit Computern gearbeitet haben", sagt Schäfer. "Sonst hätte man ja 50 Jahre an solch einem Projekt gesessen." Früh führte Schäfer seine Studenten an das Talmud-Projekt heran. "Manche haben sich erstaunlich schnell in die schwer zu entziffernden Handschriften eingelesen", sagt er. Manchmal habe man eine halbe Stunde nur über einen unklaren Buchstaben diskutiert. Jetzt hofft er, die DFG davon zu überzeugen, die Übersetzung des Jerusalemer Talmuds intensiver zu fördern. Zwei Drittel sind bis jetzt ins Deutsche übertragen - ein langwieriges Verfahren, das bisher nur einem Wissenschaftler vorangetrieben wird.

Doch wozu dient die jetzt vorliegende Edition? Rabbiner sind wenig daran interessiert - sie ziehen den Babylonischen Talmud vor. Und Althistoriker, die sich mit der Geschichte des römisch-griechischen Mittelmeerraumes beschäftigen, ziehen noch viel zu selten aramäische und hebräische Quellen zu Rate. Wenn Schäfer aber in Princeton lehrt, merkt er, dass sich dies ändert. Interkulturelle Forschung auch in der Antike sei im Moment in den USA die Avantgarde der Geschichtswissenschaft. Seit einigen Jahren leitet Schäfer daher ein Leibniz-Projekt, das sich mit dem historischen Umfeld beschäftigt, in dem der Jerusalemer Talmud entstand. Man untersucht die gegenseitigen Einflüsse - Abgrenzungen untersucht. Denn die jüdischen Quellen sind erstaunlich selbstbezogen. So diskutieren die Rabbiner die Erlebnisse Gamliels nicht etwa unter dem Blickwinkel des Umgangs mit Nichtjuden. Was sie interessiert ist vielmehr: Darf man Fragen, die nicht das Bad betreffen im Bad diskutieren? So akademisch konnten antike Diskussionen sein.

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