Gesundheit : Joseph Wolf: Darwins malender Bote

Mathias Orgeldinger

Der Tiermaler Joseph Wolf zeichnete und malte im Niemandsland zwischen Wissenschaft und Kunst. Vielleicht ist er deshalb in Vergessenheit geraten. Joseph Wolf (1820-1899) war der bedeutendste Tiermaler des 19. Jahrhunderts. Ein Team von Historikern, Kunstgeschichtlern und Zoologen hat den Grenzgänger wieder entdeckt und die erste repräsentative Werkschau zusammengestellt. Ausgangspunkt war das Biohistoricum in Neuburg an der Donau. Mit weiteren Ausstellungen in Darmstadt, Leiden und London folgt die Retrospektive den drei wichtigsten Stationen im Leben des deutsch-englischen Tiermalers.

Persönlichkeiten, die sich nicht eindeutig etikettieren lassen, werden von der Geschichtsschreibung leicht übersehen. Am Fortschritt der Wissenschaft nahm Josef Wolf scheinbar nur als Zeichner teil, der die bedeutenden Werke anderer illustrierte. In Künstlerkreisen war er zwar allseits geachtet, doch ohne eigene Schule und ohne Nachfolger. Seine Bilder seien - so ein zeitgenössischer Kritiker - "Naturkundlern zu künstlerisch und vielen Künstlern zu wissenschaftlich". Hinzu kam, dass seine Fähigkeit, Tiere naturgetreu abzubilden, durch die Erfindung der Fotografie entzaubert wurde.

Der Bauernsohn aus der Eifel besaß das "absolute Auge". Anstatt auf dem Feld zu arbeiten, durchstreifte er lieber die Wiesen und Wälder seiner Heimat, um Wildschweinen, Mardern, Füchsen und Raubvögeln nachzustellen. Am Abend skizzierte er seine Beobachtungen allein aus der Erinnerung. Als der Vater erkannte, dass aus Joseph nie ein Bauer werden würde, schickte er ihn in die Lithographenanstalt der Gebrüder Becker nach Konstanz. Nach Abschluss der Druckerlehre ging er zu Johann Jakob Kaup, dem Direktor des Großherzoglichen Naturalienkabinetts in Darmstadt. Dieser sorgte für seine künstlerische Weiterbildung und empfahl ihn als Illustrator an Forschungsreisende und Zoologen.

Für den Leidener Zoologen Hermann Schlegel illustrierte Wolf 1843 das berühmte Falkenbuch "Traité de Fauconnerie". Die zwölf großformatigen Lithographien von Falken und Habichten begründeten seine Karriere als Tierillustrator. Als Vorlage dienten ihm nicht nur Vogelbälge, sondern auch lebende Tiere, die er eigens für diesen Auftrag gefangen hatte. Dabei gelang es dem jungen Künstler, die charakteristischen Verhaltensweisen der Raubvögel festzuhalten, ohne die anatomischen Details zu vernachlässigen. Form und Zeichnung des Federkleides sind mit fotografischer Genauigkeit wiedergegeben. In unserer bildüberfluteten Zeit hat man kaum noch eine Vorstellung, wie sehr das naturgetreue Tierporträt den Fortschritt der Zoologie beförderte.

Die vielen neuen Arten, die aus den Kolonialgebieten nach Europa gebracht wurden, mussten für Bestimmungsbücher gezeichnet und ins zoologische System eingeordnet werden. Lebende Tiere bekam man nur selten zu Gesicht. Wer sich zum Beispiel über die gänzlich unbekannte Tierwelt Japans informieren wollte, griff zur "Fauna Japonica" von Philipp Franz von Siebold. Joseph Wolf, der viele Tafeln dieses Standardwerkes anfertigte, tritt dabei ebenso in den Hintergrund wie die vielen Wissenschaftler, die als "akademisches Proletariat" in den Genlabors der Spitzenforscher malochten.

1848 folgte Wolf einer Einladung nach London, wo er bis zu seinem Tode lebte und arbeitete. Die Hauptstadt des britischen Empire war damals das Mekka der Naturkunde. Hier gab es nicht nur einen zoologischen Garten, in dem Wolf nach Herzenslust exotische Tiere beobachten konnte, sondern auch reiche Bürger, die Tiergemälde in Auftrag gaben. Dazu kamen zahlreiche wissenschaftliche Zeitschriften. Für die Publikationen der "Zoological Society of London" zeichnete er über drei Jahrzehnte seltene und exotische Tiere aus aller Welt. 1858 sah Wolf den ersten Gorilla, der in Europa eintraf: ein halb verwester Kadaver in einer Tonne voller Alkohol. "Allein der Geruch hätte ausgereicht, um ein ganzes Regiment von Soldaten zu vergiften", berichtete der Illustrator später. Obwohl die Leiche stark beschädigt war, schuf Wolf die erste realistische Darstellung eines Gorillas, die das Bild dieser Menschenaffenart über Jahrzehnte beeinflusste. Seine Farblithografie von 1865 zeigt drei Tiere in Aktion: Mutter und Kind fressen Früchte und Blätter, während ein anderer Artgenosse in Gorillamanier davon trottet.

Der erste lebende Gorilla, der 1887 im Londoner Zoo eintraf, bestätigte Wolfs außergewöhnliche Fähigkeit, vom toten Präparat auf die natürliche Körperhaltung, die Bewegungsform und das Verhalten der entsprechenden Spezies zu schließen. Einige Gemälde zeigen sein Gespür für ökologische Zusammenhänge. Obwohl Wolf den europäischen Kontinent nie verlassen hatte, konnte er beispielsweise eine afrikanische Wüstenlandschaft aufs Papier zaubern, in der sich Gazellen und Flughühner an einem Wasserloch gütlich tun. Auch wandernde Großtierherden oder jagende Raubtiere setzte er mit naturkundlicher Intuition in die entsprechende Landschaft.

Am liebsten stützte er sich jedoch auf eigene Beobachtungen im Zoo. Nächtelang studierte er etwa das Verhalten eines jungen Fingertieres. Dieser scheue, hasengroße Halbaffe aus Madagaskar, der mit seinem langen, dünnen Mittelfinger nach Insekten angelt, sollte der Wissenschaft noch lange Rätsel aufgeben. Wolfs dynamische Illustrationen standen am Anfang dieses Weges. Mit zunehmendem Alter fielen ihm die detailreichen Kleinformate immer schwerer. Daher nahm er nur noch selten wissenschaftliche Aufträge an und wandte sich - mit großem finanziellen Erfolg - der Tiermalerei zu. Seine Bilder erzählen nun vom Überlebenskampf in der Natur, den Charles Darwin zum Motor der Evolution erhoben hatte. Doch offenbar fröstelte ihn bei diesem Gedanken, denn seine Sympathie galt stets den "Opfern": der Adler verfehlt die Beute, der Fuchs lässt sich vom Schattenspiel zweier Vögel narren. An die Stelle der kühlen Naturbetrachtung trat die poetisch ausgemalte Tierliebe.

"Unsere Kunsthistoriker im Haus rümpfen über Joseph Wolf die Nase", meint Marianne Jacoby, Projektleiterin der Ausstellung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Wolfs Gemälde seien zu pathetisch, zu dramatisch, zu nahe am "röhrenden Hirsch". Im Mittelpunkt der Darmstädter Ausstellung mit ihren 80 Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken steht folglich auch der Illustrator Joseph Wolf. Besonders gelungen ist die Gegenüberstellung von Tierpräparat und Zeichnung: Gorilla, Beutelwolf und Fingertier aus den Vitrinen naturkundlicher Museen stehen noch einmal Modell. Dabei mag sich jeder Besucher selbst die Frage beantworten, ob ein Kunstbegriff der nur anthropozentrische Bedeutungsebenen zulässt, nicht zu kurz greift. Tierdarstellungen können weit mehr sein als fotografische Schnappschüsse, wenn sie aus einer intensiven Auseinandersetzung mit der Biologie und dem einer entsprechenden Tierart entstanden sind. Doch um diese Bildsprache zu verstehen, muss man die Naturwissenschaft als Teil unserer Kultur begreifen und Naturkundemuseen wie Zoos ebenso fördern wie Opernhäuser und Theater.

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