Gesundheit : Jüdische Geschichte ist nicht nur der Holocaust Experten fordern „erweiterten Blick“ im Unterricht

Uwe Schlicht

Der Holocaust war ein Zivilisationsbruch. Deutsche Schulen können sich dem Auftrag nicht entziehen, diese dunkelste Seite der Geschichte immer neuen Generationen vorzuführen. Aber Schüler des Jahres 2004 könnten sich wie Beschuldigte fühlen, denen man eine SS-Uniform überzieht, die überhaupt nicht zu ihnen passt. Ein solcher Unterricht verfehlt das Ziel.

Die deutsch-jüdische Geschichte wird in den Schulen zumeist einseitig behandelt: Das war das Ergebnis einer Expertise des Leo-Baeck-Instituts, das vor einem Jahr einen Orientierungsplan für deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht veröffentlichte. Die Experten beklagten, dass der Antisemitismus und der Holocaust so stark im Vordergrund stünden, dass daraus eine Verengung der Sichtweise folge. Bei einer Tagung des Leo-Baeck-Instituts im Berliner Jüdischen Museum forderte Joachim Schultz-Hardt, Mitglied im Kuratorium des Instituts, jetzt einen „Perspektivwechsel“, eine erweiterte Sicht auf die deutsch-jüdische Geschichte: Die Juden sollen nicht als Fremde erkannt werden, sondern als Mitgestalter und „Teil des eigenen Volkes“.

Schultz-Hardt erinnerte an seine Zeit als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz: Über viele Jahre sei er immer wieder von großen Organisationen aus dem Ausland gefragt worden: „Was macht ihr an deutschen Schulen mit dem Holocaust?“ So sind im Laufe der Zeit die Schulbücher neu geschrieben worden. Die ersten Schulbücher der Nachkriegszeit um 1950 knüpften noch an die – zum Teil überraschend positive – Darstellung der jüdischen Religion und Kultur in den Geschichtsbüchern des Kaiserreichs und der Weimarer Republik an. Sie enthielten aber nur wenige Sätze zum Holocaust, der in den 80er und 90er Jahren, unter anderem im Gefolge der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“, immer mehr in den Vordergrund rückte.

Die Forderung nach einer erweiterten Sicht auf die deutsch-jüdische Geschichte ist so neu nicht, hatte sie doch schon die deutsch-israelische Schulbuchkommission in ihren Empfehlungen aus dem Jahr 1985 formuliert: „Es sollte vermieden werden, dass Juden in den Geschichtsbüchern von den Kreuzzügen über den Schwarzen Tod oder Luthers antijüdische Polemik bis zum Antisemitismus . . . und dem Massenmord in der Zeit des Nationalsozialismus ausschließlich als Objekte und Opfer der Geschichte erscheinen.“ Die Schulexperten empfahlen, den Perioden relativ konfliktlosen Mit- und Nebeneinanders von Juden und Nicht-Juden stärkeres Gewicht zu geben.

Dies scheint heute übereinstimmender Wunsch des Zentralrats der Juden, des Leo-Baeck-Instituts, der Vertreter der Schulbuchverlage und der verantwortlichen Lehrplaner in den Schulministerien der Länder zu sein. Am Ende der zweitägigen Tagung des Leo-Baeck-Instituts hatten sie aber Zweifel, ob ihr Wunsch nach einem erweiterten Blick mit dem Begriff „Perspektivwechsel“ zu fassen sei. Als Schlagzeile in einer Zeitung oder als 30-Sekunden-Meldung im Fernsehen könnte das Wort „Perspektivwechsel“ zu dem Missverständnis führen, ein Schlussstrich sei gemeint. Darum geht es aber nicht, sondern im Gegenteil um einen ergänzenden Blick auf 2000 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte.

Wie könnte diese erweiterte Sicht gestaltet werden? Während man früher noch darauf vertrauen konnte, dass die Inhalte des Alten und des Neuen Testaments in der Konfirmandenzeit und im Religionsunterricht vermittelt wurden, kann man heute nicht mehr mit einer solchen Vorbildung rechnen. Die Berufung auf den einen Gott und die zehn Gebote hat unsere Zivilisation geprägt. Diese Selbstverständlichkeit muss heute in den Schulen erst wieder neu vermittelt werden, seitdem der Religionsunterricht an Besucherschwund leidet.

Die Experten empfehlen auch eine Erweiterung der Perspektive auf den gesamteuropäischen Zusammenhang. Schließlich war die Judenemanzipation eine Forderung der Aufklärung, sie wurde in der Französischen Revolution zum ersten Mal verwirklicht. Und der Antisemitismus, durch Wirtschaftskrisen besonders gefördert, sei nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern als Reaktion auf die Juden-Emanzipation zu verstehen. Die Schulexperten wollen natürlich auch die großen Namen an die Schüler von heute herantragen – Namen von bedeutenden Juden in Kultur und Wissenschaft wie Heinrich Heine, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Moses Mendelssohn, Max Liebermann oder Albert Einstein.

Allein diese Aufzählung zeigt, dass ein solches Programm allenfalls für die gymnasiale Oberstufe geeignet wäre. Wie aber soll man die Haupt- und Realschüler erreichen, die sich heute eher über Computerspiele und Fernsehen bilden als über Schulbücher? Selbst in der Oberstufe muss man befürchten, dass für dieses umfassende Thema noch weniger Zeit bleibt, wenn die Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre verkürzt wird. Welche Chancen bieten überhaupt noch Lehrpläne, wenn diese – zumindest in der alten Bundesrepublik – kaum noch beachtet werden? Wie kann man deutsch-jüdische Geschichte in jene Bildungsstandards einbringen, die künftig den Unterricht prägen werden? Wie erreicht man am besten die Lehrer?

Die Tagung warf mehr Fragen auf, als sie Antworten geben konnte. Aber das Problem ist erkannt. Das Leo-Baeck-Institut vertraut darauf, dass die Kultusminister die Botschaft verstanden haben. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen, verdeutlichte das mit ihrer Anwesenheit.

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