Gesundheit : Jüdische Kultur: Der Mythos der jüdischen Traumfamilie

Sibylle Salewski

Eigentlich ist es selbstverständlich: Längst hat sich die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie aufgelöst, ist das Bild glücklicher Klein- und Großfamilien zum Mythos verblasst. Für jüdische Familien gilt das genauso wie für andere. Doch Religion besteht nicht zuletzt aus Tradition, die im Judentum vor allem in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Damit haben veränderte Lebensformen unmittelbare Auswirkungen auf das religiöse Leben.

Wie kann jüdisches Leben heute nach dem Ende der "Normalfamilie" aussehen? Was passiert, wenn Frauen anfangen, als Rabbinerinnen und Kantorinnen Verantwortung für das Leben der Gemeinde zu übernehmen - und so alte Traditionen neu gestalten? Darum ging es auf der zweiten Konferenz von Bet Debora, einer Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden. Gegründet wurde Bet Debora 1999 von Elisa Klapheck und Lara Dämmig aus der jüdischen Gemeinde Berlin. "Bei der ersten Konferenz ging es uns noch allgemein darum, europäische Rabbinerinnen zusammenzubringen und so ein Netzwerk zu schaffen", so Elisa Klapheck. Diesmals sollte es um Inhalte gehen: "Bei vielen in der Gemeinde herrscht immer noch ein mythisches Bild von der heilen jüdischen Traumfamilie. Aber das ist längst vorbei", meinte Lara Dämmig. "Viele von uns sind Singles oder Alleinerziehende, lesbisch oder schwul. Das verändert die Gemeinde und das religiöse Leben."

Pessach, das Gedenken an den Auszug der Juden aus Ägypten, wird mit einem Essen in der Familie gefeiert. Dazu werden Freunde und Verwandte eingeladen. In ihrer Gemeinde, erzählte Rabbinerin Elizabeth Tikvah Sarah aus London, hätten sie Pessach dieses Jahr hingegen in der Gemeinde gefeiert. So werde die traditionelle Familie durch Wahlfamilien ersetzt. Auch Menschen ohne Familie könnten in das Leben der religiösen Gemeinschaft integriert werden.

Die Verantwortung, neue Formen religiösen Lebens zu ermöglichen, neue Rituale und eigene Liturgien zu schaffen, müssten in Zukunft vor allem Frauen übernehmen, meinte die englische Rabbinerin Sylvia Rothschild. Die Rabbinerin aus dem Reformjudentum betonte vor allem die Notwendigkeit, jüdische Traditionen kontinuierlich zu überdenken und zu verändern, um sie so am Leben zu halten.

Die Mehrheit der anwesenden Rabbinerinnen und Frauen bei Bet Debora gehören wie Rothschild zum Reformjudentum, in dem Frauen schon seit längerem Rabbinerinnen werden können. Mit Eveline Goodman-Thau war nun die erste Rabbinerin auf der Konferenz, die aus der orthodoxen Tradition kommt. Zwar gibt es bisher nach wie vor keine orthodoxe Gemeinde mit Rabbinerin. Vor drei Monaten aber bekam Eveline Goodman-Thau als erste Frau die orthodoxe Smicha, die Zulassung als Rabbinerin. Nun übt sie dieses Amt in der progressiven Wiener Gemeinde "Or Chadasch" aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar