Gesundheit : Jüdische Kultur: "Judentum ist nicht Klezmermusik"

Sie sind nicht die erste Rabbinerin. Im konservati

Eveline Goodman-Thau wurde 1934 in Wien geboren und überlebte die Schoah in einem niederländischen Versteck. In Jerusalem lehrte sie jüdische Religionsgeschichte.Sie pendelt seit 1985 zwischen Israel und Deutschland, um als Gastprofessorin zu unterrichten. Im April wurde sie als erste Frau mit der orthodoxen Smicha als Rabbinerin zugelassen. Derzeit ist sie Rabbinerin in der progressiven jüdischen Gemeinde "Or Chadasch" in Wien.

Sie sind nicht die erste Rabbinerin. Im konservativen Judentum und im Reformjudentum in Amerika und in Europa sind Frauen dies schon lange. Aber Sie sind die erste Rabbinerin, die ihre Ordination von einem orthodoxen Rabbiner erhalten hat. Was bedeutet das für Sie?

Ich komme aus dem orthodoxen Judentum. Es ist mein geistiger Nährboden. Der Schritt, Rabbinerin zu werden, ist für eine orthodoxe Frau nicht selbstverständlich. Für mich ist das ein neues Terrain. Ich will als Frau Verantwortung für die Tradition übernehmen. Ich überlasse das nicht den Männern oder anderen, die über mir stehen. Man muss von innen reformieren, und dazu muss man zum Ursprung zurück.

Das Thema der Bet Debora Tagung hier in Berlin lautete "Die jüdische Familie - Mythos und Realität". Was ist für Sie Familie?

Familie heißt für mich, eine Zukunft aufzubauen. Zwanzig Jahre lang hat sich mein Leben um die Familie gedreht. Ich fühlte mich wirklich als eine mater familias, die auch eine geistige Verantwortung für die Erziehung der Kinder trägt. Mein Hauptberuf war damals Mutter und Hausfrau, nebenberuflich habe ich ein bisschen studiert und ein Institut für die Erforschung des niederländischen Judentums gegründet. Erst als die jüngsten Kinder schon älter waren, bin ich wieder zurück an die Uni und habe promoviert. Aber wenn ich heute 20 oder 25 Jahre alt wäre, glaube ich nicht, dass ich heiraten würde. Ich würde das heute anders machen und mir erst einmal eine gute Basis bauen, um mein eigenes Geld zu verdienen.

Wo sehen Sie innerhalb der jüdischen Tradition Ansätze, um über eine veränderte Rolle von Frauen nachzudenken?

Es gibt diesen Satz: "Höre, mein Sohn, auf die Tradition deines Vaters und halte nicht ab von der Lehre deiner Mutter." Diese Thora (Lehre) von der Mutter ist noch nicht geschrieben worden. Vielleicht ist das die Thora für die Familie, die noch nicht geschrieben ist, aber von uns Frauen schon praktiziert wird. Frauen haben den Männern lange genug die Gelegenheit gegeben, alles richtig zu machen. Aber sie haben es vermasselt. Jetzt sollen sie uns einmal ran lassen.

Was hat sich für Sie geändert seitdem Sie Rabbinerin sind?

Bevor ich diesen Rabbinertitel hatte, habe ich kluge Sachen gesagt - vielleicht waren es ja auch dumme Sachen, jedenfalls sage ich jetzt als Rabbinerin dasselbe und - die Leute hören zu. In nicht einmal 50 Jahren werden Frauen auch im orthodoxen Judentum Rabbinerinnen sein, da bin ich mir sicher. Die unterschiedlichen Richtungen im Judentum - orthodox, konservativ und Reform - sind bereits überholt. Wir kämpfen heute alle mit der Spannung zwischen Tradition und Moderne, besonders die Frauen. Ich wünsche mir, dass die Frauen, die im konservativen und im Reform-Judentum bereits Rabbinerinnen sind, die orthodoxen Frauen unterstützen, die sich bereits heute darauf vorbereiten, Rabbinerinnen zu werden.

Sie haben den Holocaust im niederländischen Versteck überlebt und haben viele Mitglieder Ihrer Familie verloren. Jetzt leben und arbeiten Sie in Österreich und Deutschland. Warum?

Ich will die Schlagwörter "Opfer-Täter" und "Antisemitismus" vom Judentum loslösen und ihm die Würde zurückgeben, die ihm gebührt. Es ist eine der Traditionen, die Europa geprägt haben: die griechisch-römische Tradition, der Islam, das Christentum, das Judentum. Das ist Europa. Juden und Nicht-Juden haben eine gemeinsame Geschichte, wir haben eine gemeinsame Aufgabe. Mir geht es um die Einbettung des Judentums im Abendland.

Wird in Deutschland zu viel oder zu wenig über das Judentum geschrieben und geredet?

Auf vielen Ebenen wird viel zu viel gesagt, und das verdeckt andere wichtige Dinge, die gesagt werden sollten. Judentum ist nicht Klezmermusik, und es ist falsch, immer nur über Antisemitismus oder die Schoah zu reden. Die Schoah sollte nichts mit dem Judentum zu tun haben. Die Schoah sollte das Problem der Deutschen sein, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und nicht mit dem Judentum. Antisemitismus besteht für mich vor allem auch darin, dass ich als Jüdin rausgeschrieben werde aus der Identitätsfrage von Deutschen. Ich bin ein Teil der deutschen und europäischen Identität.

Wie haben Sie sich gefühlt, als sie Rabbinerin wurden?

Das war für mich ein unglaublicher Moment. Viele Mitglieder meiner Familie sind in Wien umgebracht worden und ich stand da im Prunksaal der österreichischen Nationalbibliothek mit meiner Enkeltochter aus Israel, die eine Rede gehalten hat. Es war ein Tikkun, eine Korrektur, etwas ist gutgemacht worden. Und da oben, im Himmel, da haben einige gelacht.

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