Gesundheit : Jürgen Kocka: Historiker und Bürger

Shulamit Volkow

Will man Jürgen Kocka gerecht werden, kann man mit der Aufzählung seiner Berufungen und Auszeichnungen beginnen. Da waren zunächst 15 Jahre an der Universität Bielefeld, wo er, gemeinsam mit Hans-Ulrich Wehler, die Hochburg der Sozialgeschichte aufbaute. 1988 folgte der Ruf an die FU Berlin auf einen Lehrstuhl mit der ungewöhnlichen Bezeichnung "Geschichte der industriellen Welt", kurz darauf die Ernennung zum "Permanent Fellow" am Wissenschaftskolleg. Weitere Ämter und Würden schlossen sich an, so 1992 der Leibniz-Preis - er nutzte ihn, um eine "Arbeitsstelle für Vergleichende Gesellschaftsgeschichte" zu etablieren. 1998 rief er mit drei Kollegen das "Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas" ins Leben und seit Jahresbeginn leitet er das Wissenschaftszentrum zu Berlin - als erster Historiker. Außerdem ist er Präsident des Internationalen Historikerverbandes.

Vor allem aber bieten die sechzig Jahre, die Jürgen Kocka an diesem Donnerstag vollendet, das exemplarische Bild eines Historikerlebens. Die Dissertation, ein Mammutwerk mit dem spröden Titel "Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft am Beispiel Siemens 1847-1914" war eine Pionierarbeit. Sie beschrieb die Entstehung einer neuen Klasse - die in der Industrie tätigen Angestellten. Mit ihnen kam gewissermaßen ein "neuer" Mittelstand auf, der die Gesellschaft des Kaiserreichs entscheidend prägte. Vier Jahre später entwarf er mit einem eher schmalen Band "Klassengesellschaft im Krieg" die Grundelemente seines historischen Ansatzes, eine "Sozialstrukturgeschichte", an der er künftig festhielt. Das schließt die vorsichtige Öffnung gegenüber der Kulturgeschichte in späteren Jahren ein. Mit einer Fülle von Studien hat er in den folgenden Jahren diese Perspektive erweitert.

Schließlich schulterte er ein weiteres Großprojekt: eine Geschichte der Entstehung der Lohnarbeiterschaft für die von seinem Lehrer Gerhard A. Ritter edierte monumentale Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland. Das hieß, bis ins 18. Jahrhundert zurückzublicken und sich damit sozusagen der Basis der Sozialgeschichte zuzuwenden. Die beiden Bände "Weder Stand noch Klasse" und "Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen" wurden Meisterwerke.

Neben diesen Projekten nutzte Kocka seine Erfahrungen, um über den akademischen Tellerrand hinaus zu schauen. Der Wendepunkt - von außen betrachtet - war 1989, der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der DDR. Als Mitglied des Wissenschaftrates spielte er eine führende Rolle bei der Neu-Organisation der Wissenschaft in der ehemaligen DDR. Zugleich richtete er sein Interesse darauf, die deutsche Geschichte um eine östliche Perspektive zu erweitern. Deshalb beschäftigten sich die beiden Institute, die er in den 90er Jahren mitgegründet hat, mit der Zeitgeschichte der DDR sowie mit der vergleichenden Geschichte Deutschlands und Osteuropas.

Doch die Erkenntnis einer engen Nachbarschaft von Gegenwart und Geschichte hatte Kocka bereits früher. Die Historiker seien herausgefordert, so schrieb er in einem Aufsatz von 1989, für einen "aufgeklärten Umgang mit Geschichte". "Auch und gerade wenn man den Fortschrittsoptimismus der Aufklärer des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts nach den Erfahrungen des 20. nicht mehr zu teilen vermag und von den Gefahren beeindruckt ist, die dem Projekt der Aufklärung drohen, mag man sich für ihn einsetzen - schon aus Mangel an begehbaren Alternativen. Als Wissenschaftler ist man gewissermaßen verpflichtet, die aufklärerische Karte zu spielen, sie ergibt sich aus dem eigenen Metier, das selbst ein Produkt der Aufklärung ist. Und als Bürger kann man meinen, dass aufklärerischer Umgang mit Geschichte im Interesse einer freiheitlichen, demokratischen und solidarischen Gesellschaft möglichst mündiger Individuen unabdingbar ist." Historiker und Bürger! Es ist das Credo eines Historiker in und aus unserer Zeit.

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