Gesundheit : Jugend in Angst

Die Heranwachsenden von heute sind fleißig, stehen aber unter Druck, zeigt die neue Shell-Studie

Uwe Schlicht

Auf den ersten Blick erscheint das Bild der Jugend von heute erstaunlich positiv. Ihre Grundhaltung, in Bildung und Beruf etwas zu leisten, ist pragmatisch. Die Jugend sehnt sich nach Geborgenheit und findet diese vor allem in den privaten Beziehungen und in der Familie. Aber diese pragmatische und optimistische Stimmung wird „wahnsinnig strapaziert“, weil die Sorgen um die Zukunft, die Angst vor Arbeitslosigkeit und die Frage, ob man einen angemessenen Beruf finden wird, seit 2002 enorm zugenommen haben.

Diese zwei Seiten des Jugendbewusstseins macht die Shell-Studie „Jugend 2006 – eine pragmatische Generation unter Druck“ sichtbar. Der Leiter der Studie, der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann, sagte gestern in Berlin: „Der Pragmatismus gerät ins Schleudern. Unter der Oberfläche entsteht Unruhe. Die heutige Jugend lebt mehr in der Angst als jemals zuvor in der Nachkriegszeit.“

Die neue Shell-Studie ist überfällig, weil ihre Vorläuferinnen aus den Jahren 2000 und 2002 noch auf eine andere Situation zugeschnitten waren. Im Jahr 2000 erlebte Deutschland den Pisa-Schock: An deutschen Schulen erreichen 23 Prozent der 15-Jährigen ein so niedriges Kompetenzniveau in Lesen und Mathematik, dass sie in der Berufswelt scheitern werden. Im Jahr 2002 war die Erinnerung an die Terroranschläge in New York unmittelbar präsent. Zum Vergleich sollte man wissen: Die Shell-Jugendstudie untersucht nicht in erster Linie wie Pisa, welche Leistungen sich in der Schule abbilden lassen. Sie erfasst das Wertebewusstsein der jungen Generation, ihre Einstellung zu Familie und Religion, ihr Urteil über die Politik und die Demokratie und vor allem das Verhalten in der Freizeit.

Zukunftserwartungen

In der Jugendstudie von 2002 stand noch die Angst vor Terroranschlägen an der Spitze der Probleme. Heute ist die Angst vor der steigenden Armut aufgrund der schlechten Wirtschaftslage für 72 Prozent der große Angstmacher. Die Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren oder keinen Ausbildungsplatz zu bekommen, nennen 69 Prozent der Jugendlichen. Erst an dritter Stelle ist die Angst vor Terroranschlägen für 67 Prozent gegenwärtig. Sehr ambivalent sind die Aussagen zur Migrantenfrage. Auf der einen Seite befürchten 42 Prozent eine wachsende Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, auf der anderen Seite bereitet ein Anstieg der Zuwanderung von Ausländern nach Deutschland 34 Prozent der Jugendlichen Sorge. Die in den Unterschichten verbreitete Angst vor der ausländischen Konkurrenz am Arbeitsmarkt hat also auch einen Teil der Jugendlichen erreicht.

Die Sicht auf die Zukunft ist differenziert. Wenn es um die eigenen Perspektiven geht, so überwiegt bei 50 Prozent der Jugendlichen eher die Zuversicht. 42 Prozent haben eine gemischte Vorstellung von der eigenen Zukunft, acht Prozent sehen sie düster. Wenn es aber um die allgemeine Zukunft der Gesellschaft geht, dann sind inzwischen 53 Prozent der Jugendlichen skeptisch. Das war bei der Shell-Studie aus dem Jahr 2002 noch anders. Damals beurteilten mehr Jugendliche – nämlich 56 Prozent – ihre eigene Zukunft zuversichtlich. Die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft bezeichneten damals 45 Prozent als eher düster.

Familie und Werte

72 Prozent der Jugendlichen äußern sich uneingeschränkt positiv zur Familie. Gerade wenn in der Gesellschaft die Zukunftsperspektiven düsterer werden, scheinen die Jugendlichen in ihrer Familie emotionale Unterstützung und sozialen Rückhalt zu finden. Das gilt natürlich nur für die intakten Familien und sehr viel weniger für die Familien der Unterschicht. 71 Prozent würden ihre eigenen Kinder etwa so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Innerhalb der Familie wird auch den Großeltern vergleichbare Liebe und Achtung entgegengebracht. 43 Prozent der Jugendlichen sehen die Verteilung des Wohlstandes zwischen den Generationen als gerecht an, 34 Prozent fordern, dass die Älteren zurückstecken sollten.

Gleichzeitig wächst die Zahl der jungen Erwachsenen, die sich trotz eines starken Kinderwunsches – bei den Mädchen sind das 69 Prozent, bei den jungen Männern 57 Prozent – wegen ungünstiger Rahmenbedingungen den Wunsch nach Nachwuchs nicht erfüllen können.

Von einer „Renaissance der Religion“ kann keine Rede sein. Nur 30 Prozent der Jugendlichen glauben an einen persönlichen Gott, weitere 19 Prozent an eine unpersönliche höhere Macht. 28 Prozent stehen der Religion fern. Besonders in den neuen Ländern hat die große Mehrheit kaum einen Bezug zu Religion und Kirche. Die meisten westdeutschen Jugendlichen allerdings pflegen eine Art „Religion light“ – aus religiösen und pseudoreligiösen Versatzstücken.

Freizeit und Gesundheit

Schon in der Shell-Studie 2000 war deutlich geworden, dass die Kinder aus kaputten Familien und der sozialen Unterschicht in ihrer Freizeit vor dem Fernsehschirm herumhängen. Die Kinder aus intakten Familien mit einer klaren Bildungs- und Zukunftsperspektive nutzen dagegen Computer und Internet, auch wegen des Lerneffekts. Diese Spaltung hat sich nicht verändert. Hurrelmann brachte es auf den Punkt: Die einen „nutzen die Medien kompetent, die anderen aus der Unterschicht unterwerfen sich einem Medienkonsum ohne Bildungseffekt“. Oft gehe diese Hinwendung zu Fernsehen und Computerspielen mit einer „Abwendung von Schule und Berufsausbildung“ einher. Auch in der Ernährung zeigen sich solche Unterschiede. Gesundheitsgefährdender Massenkonsum von Limonaden ist bei 46 Prozent der Jugendlichen aus der Unterschicht zu beobachten, mangelnde Bewegung bei 38 Prozent und regelmäßiges Rauchen bei 37 Prozent. In der Oberschicht ist ein solches Verhalten nur bei 12 bis 15 Prozent der Jugendlichen verbreitet.

Politik und Gesellschaft

Die deutschen Jugendlichen bekennen sich zur Demokratie, schätzen aber die aktiven Politiker negativ ein. Ihnen liege eher der persönliche Machterhalt als das Gemeinwohl am Herzen. Insofern spricht Hurrelmann von einer Politik- und Parteienverdrossenheit. Eine ganz klare Mehrheit der Jugendlichen hält die Demokratie für eine gute Staatsform. Nur neun Prozent in der alten Bundesrepublik und 14 Prozent in den neuen Ländern sind hier anderer Ansicht. Die grundlegenden Spielregeln der Demokratie wie freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Kompromisssuche und der Wechsel von Regierung und Opposition seien in Ost und West anerkannt. Aber Hurrelmann räumte ein, dass Extremisten wie die NPD wegen schlechter Zukunftsperspektiven und Ausländerfeindlichkeit Erfolg bei Landtagswahlen erreichen könnten, wie es sich bei den Erstwählern in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt habe.

Politische Konsequenzen

Familienministerin Ursula von der Leyen bezeichnete es als Herausforderung für die Politik, keinen Jugendlichen bei der Bildung zurückzulassen. Auch Schulverweigerer müssten eine zweite Chance bekommen. Sehr ernst sei es zu nehmen, dass Vorurteile gegen Zuwanderung unter Jugendlichen mit einem geringen Bildungsstandard zugenommen hätten – besonders in den neuen Ländern. Deutschlandweit müssten die Sprachtests bereits im vierten Lebensjahr beginnen. Wer dann auf einem Sprachniveau des zweiten oder dritten Lebensjahres sei, solle eine besondere Förderung erhalten, und zwar verpflichtend für alle. Eine Herausforderung seien die Probleme der jungen Männer, die hinter der Entwicklung der Mädchen immer stärker zurückblieben.

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