Gesundheit : "Jugend übernimmt Verantwortung": Heime bauen statt Steine werfen

Amory Burchardt

Als Rechtsextreme 1992 das Storkower Asylbewerberheim attackierten, habe es Bürger gegeben, die applaudierten, sagt Frauke Postel. Andere organisierten ein Alarmsystem mit Trillerpfeifen und Fahradkurieren. Sie stellten sich während der Angriffe vor das Heim. Diese Initiative war es auch, die sich kurz darauf im Trägerverein für das Friedensdorf Storkow engagierte. Für Frauke Postel, Projektleiterin des Friedensdorfes, war die Bedrohung der Stadt eine Schlüsselsituation, aus der die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung entstand. Das "Lernziel Verantwortung", so der Titel einer Konferenz der Stiftung "Brandenburger Tor", ist hoch gesteckt.

Das breit angelegte Stiftungs-Programm "Jugend übernimmt Verantwortung" gründe auf der Überlegung, dass die Schule kaum Spielräume für eigenverantwortliches Handeln bietet, sagte Wolfgang Edelstein vom Max Planck-Institut für Bildungsforschung. Das rein leistungsorientierte Lernen erzeuge Vereinzelung und viele Verlierer. In Brandenburg hätten schon 50 Prozent der Hauptschüler eine negative Einstellung zu Schule und Bildung. Verantwortungs-Projekte müssten sich deshalb vor allem an benachteiligte Schüler wenden - auch um sie vor dem Abrutschen in die rechte Szene zu bewahren.

In Storkow wurde viel erreicht. Beim Bau der Häuser für das interkulturelle Wohnprojekt mit Begegnungsstätte absolvierten arbeitslose Jugendliche, die zuvor Steine geworfen hatten, ein Berufsvorbereitungsjahr. Mit ihnen ausgebildet wurden junge bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge. Alle deutschen Jugendlichen hätten, so weit es abzusehen sei, dem rechtsextremen Gedankengut abgeschworen, sagte Postel.

Der Trierer Soziologe Roland Eckert lobt das, was in Storkow angeboten wurde und wird. Solche "Aktivitäts-Sinn-Pakete" müssten Pädagogen schaffen, denn der kommerzielle Freizeitmarkt biete nur "Fun, Leistung und Anerkennung", aber kaum inhaltlich bestimmte Werte und Zielsetzungen. Da die Familie für viele Jugendliche keine Orientierung mehr biete, richteten sie sich nach Gleichaltrigen, Cliquen und Modetrends aus. Umfragen beweisen: Ein Engagement in Parteien und Organisationen ist für die meisten Jugendlichen nicht interessant, weil sie sich in aktuellen Szenen und Bewegungen schneller einbringen können.

Es gebe zu wenige institutionelle Möglichkeiten für verantwortliches, solidarisches Handeln, so Eckert. Klassische Sportvereine oder Freiwillige Feuerwehren böten zwar "feste Aktivitäts-Sinn-Pakete", seien aber nicht offen genug für individuelles Handeln.

"Verantwortung als Sein für andere" ist aber auch ein Charakteristikum von fanatischen Nationalistengruppen. Rechtsextremen Jugendlichen mit dem Konzept des Lernziels Verantwortung zu kommen, heiße, "den Tiger zu reiten", meint der Jugendforscher Eckert. Andererseits böten selbst kurzfristige Gruppenprojekte außerhalb der Familie durchaus Chancen, die Verantwortungsbereitschaft zu stärken.

Ein Beispiel für institutionelle Angebote sind die Projekte des Augsburger Vereins "Die Brücke". Straffällige, gewaltbereite Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren bekommen die Chance, an einem viermonatigen Trainingskurs teilzunehmen. Auch Mehrfachtäter können damit einer Jugendstrafe entgehen. Für die jungen Männer geht es darum, zunächst die Verantwortung für ihre Tat zu übernehmen, berichtete Brücke-Geschäftsführer Erwin Schletterer auf der Tagung in Berlin. Wenn sie die von ihnen verschuldete Schlägereien in der zweiten von zwölf mehrstündigen Abendsitzungen schildern, dürfen sie die Taten nicht bagatellisieren. Sie sollen herausfinden, was ihre Aggression ausgelöst hat, und üben in Rollenspielen, anders als mit Gewalt zu reagieren. Am Ende des Trainings steht ein halber Tag und eine Nacht im Wald. Die Trainingsgruppe muss sich eigenständig im Gelände orientieren, natürliche Hindernisse überwinden. Wenn das einzige Mädchen in der Gruppe es schafft, die schweren Jungs zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen, wenn bei Dunkelheit alle ganz nah zusammenbleiben und hinterher am Lagerfeuer einer seine Angst eingesteht - dann haben sie beim Lernziel Verantwortung einen Etappensieg errungen.

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