Gesundheit : Julius-Stern-Institut: Früh übt sich, was ...

Carsten Niemann

"Früh übt sich, was ein Meister werden will" lautet die Binsenweisheit von der Notwendigkeit, frühzeitig etwas aus seiner musikalischen Begabung zu machen. Doch wo? In Berlin hört die Antwort seit 150 Jahren auf den Namen Julius Stern. Am Julius-Stern-Institut an der Berliner Hochschule der Künste ist nämlich eines der größten Institute zur musikalischen Nachwuchsförderung angesiedelt, das an einer deutschen Hochschule besteht. Das Institut ist 17 Jahre älter, als die Hochschule der Künste, zu der es erst seit 1975 gehört. 1850, als es von dem Chorleiter und Gesangspädagogen Julius Stern als erstes Berliner Musikkonservatorium mitbegründet wurde, war die Nachwuchspflege allerdings nur ein kleines wenngleich innovatives Ausbildungsangebot.

Es zählt der internationale Vergleich

In absoluten Zahlen gemessen ist das Institut mit etwa 50 Schülern zwischen 11 und 19 Jahren noch immer überschaubar. Denn in der Musik zählt nicht nur der nationale, sondern auch der internationale Vergleich, wie die Leiterin Professor Doris Wagner-Dix und ihr Kollege in der Leitung, Professor Wolfgang Siggemann finden: In den USA würden an Musikhochschulen vergleichbarer Größe bis zu 400 "Jungstudenten" systematisch auf eine musikalische Laufbahn vorbereitet. An den Größenordnungen lässt sich zur Zeit nichts ändern: Die Nachwuchsmusiker werden von den Dozenten der HdK mit unterrichtet und deren Lehrdeputat sei ausgereizt. Doch mit Engagement arbeitet das seit zwei Jahren tätige Leitungsteam an der Steigerung der Qualität.

Die Erinnerung an die bewegte aber glanzvolle Vergangenheit mit Lehrerpersönlichkeiten wie Arnold Schönberg und Hans Pfitzner ist denn auch nur ein Aspekt der Veranstaltungen, mit denen das Jubiläum am 4. Und 5. November im Konzerthaus an der Bundesallee begangen wird. Beim Eröffnungskonzert am Sonnabend um 15 Uhr können Kinder erst ihren fortgeschrittenen Altersgenossen zuhören, danach steht eine Beratung über die Chancen einer Aufnahmeprüfung und über den Beruf eines Orchestermusikers auf dem Programm. Kontaktpflege ist wichtig: Es gilt Schwellenängste abzubauen, aber auch zu vermeiden, dass ein begabtes Kind durch eine womöglich zu früh angegangene Aufnahmeprüfung demotiviert wird. Bei den Aufnahmeprüfungen sind die Ansprüche gestiegen: Zwei Werke aus unterschiedlichen Epochen müssen die Kinder, in der Regel von dem achten Lebensjahr an, vortragen und außerdem ihre musikalische Hörfähigkeit demonstrieren sowie elementare Theoriekenntnisse vorweisen. Aber auch die Eltern der Hochbegabten brauchen Informationen. Denn es gibt sowohl diejenigen, die ihre eigenen Karrierewünsche auf das Kind projiziieren, als auch diejenigen, die ihr Kind keinem Drill aussetzen wollen. Beide Extrempositionen machen es den Pädagogen schwer.

Eltern die Angst nehmen

Um den Eltern die Angst zu nehmen, hat Siggemann viele Argumente parat. "Kinder lernen nicht für die Karriere" meint der Flötist, der selbst als Jungstudent in Detmold startete. Während ein Kind übe, lerne es über die Beherrschung des Instruments auch viel allgemeinere und unentbehrliche Fähigkeiten: sich zu konzentrieren, sich mit sich selbst zu beschäftigen und schließlich selbstständig Lernstrategien zu entwickeln. Und dass den hochbegabten Musikerkindern die "Einzelhaft am Klavier" erspart bleibt, dafür sorgt neben Gruppenunterricht und dem Spiel in Kammermusikformationen seit 1998 auch das Spiel in dem neuen Julius-Stern-Kammerorchester. Wenn der Plan gelingt, außer Kindern, Eltern und Dozenten auch noch Sponsoren zu gewinnen, könnte mit dem 150. Jubiläum vielleicht gerade eine neue Zukunft beginnen.

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