Gesundheit : Junge deutsche Historiker erforschen die heikle Figur des Hofjuden als Impulsgeber der Moderne

Clemens Wergin

Das Thema ist heikel. Seit dem grandiosen Aufstieg und tiefen Fall des Jud "Süß" Oppenheimer ist der Hofjude das stereotype Bild des reichen und skrupellosen Juden, der nicht nur in den Hetzschriften und Flugblätter seiner Zeit verhöhnt wurde, sondern auch den Nazis noch das Gerüst für ihren Propagandafilm "Jud Süß" lieferte. Ein reicher Emporkömmling, der das Gefüge des Ständestaates Württemberg durcheinander brachte, sich ihm nicht zustehende Ämter anmaßte und das Volk mit immer neuen Steuern und Münzverschlechterung verarmen ließ - so wollten ihn die schäumenden Zeitgenossen sehen. Anlässlich seiner öffentlichen Erhängung nach dem Tod seines Fürsten Karl Alexander von Württemberg jubilierte die Menge, dass "der Jud" nun wieder den ihm zugewiesenen Platz einnehme - am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter.

Die Figur des jüdischen Hoffaktors scheint alles Geheimnisvolle der Macht in sich zu bündeln: ein als fremd betrachteter Einflüsterer des absoluten Herrschers, ein Strippenzieher im Hintergrund, der die etablierten Stände umgeht und dabei zu sagenhaftem Reichtum gelangt, diesen aber auch ebenso schnell wieder verlieren kann. Trotz Lion Feuchtwangers Versuch der Ehrenrettung ist Jud "Süß" Oppenheimer und seine ganze Zunft nie vom Image des düsteren Geldschneiders losgekommen.

Nach Auschwitz schien die Behandlung dieses mit antisemitischen Stereotypen gepflasterten Themas deutschen Historikern als allzu gefährlich, außerdem war die Mehrzahl der Gelehrten, die die jiddischen und hebräischen Selbstzeugnisse entziffern konnten, emigriert. Erst die Enkelgeneration nimmt sich im Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Hofjuden und Akkulturation" unter der Anleitung von Friedrich Battenberg jetzt dieses Themas an. Im ehemaligen orthodoxen Rabbinerseminar, heute Moses Mendelssohn Akademie, in Halberstadt wurden nun die ersten Ergebnisse zur Frage präsentiert: Wer waren eigentlich die Hofjuden und brachten sie den Prozess der jüdischen Aufklärung voran?

Juden an den Höfen der Herrscher, sei es als Leibärzte, Berater oder Organisatoren, hatte es immer gegeben, angefangen vom babylonischen Hofe Xerxes I. bis zum marokanischen König Mohammed V., dem Vater des eben verstorbenen Hassan II.. Doch nur in den deutschen - und teilweise den polnischen - Territorien war das Phänomen der jüdischen Hoflieferanten und -finanziers so weit verbreitet und führte zu solch erstaunlichen Karrieren, dass man von einer eigenen Kategorie des "Hofjuden" sprechen kann. Die Forscher des an der TU Darmstadt angesiedelten Projektes definierten den Hofjuden als einen jüdischen Kaufmann - in Ausnahmefällen wie der "Madame Kaulla" in Hechingen auch eine Frau -, der in auf Kontinuität angelegten wirtschaftlichen Beziehungen zu einem Fürstenhof stand.

Im und nach dem Dreißigjährigen Krieg schlug die Stunde der Hoffaktoren. Oft waren es Zuliefererdienste zum Heer, die ihnen Zugang zum Hof verschafften und einen weiteren Aufstieg vorbereiteten. Dabei kamen Sachkenntnisse besonders im Pferdehandel - dem Hauptrüstungsgut der damaligen Zeit - sowie ein weitverzweigtes Netz von Zwischenhändlern und ein ausgeprägtes Organisationsgeschick hinzu, das den jüdischen Hoffaktoren meist einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren christlichen Konkurrenten sicherte. Waren sie aber nun, neben ihren erstaunlichen Erfolgsbiografien, auch die Vorbereiter des modernen Staates, wie Werner Sombart sie sah, gar trojanisches Pferd der Judenemanzipation, die ihren Einfluss bei Hof geltend machten, um entsprechende Toleranzedikte zu erlangen? Oder war der Hoffaktor doch einfach nur Nebeneffekt deutscher Kleinstaaterei und des prunksüchtigen Absolutismus, mithin also bloß Teil des Ancien Régime, mit der Modernisierung dazu verurteilt zu verschwinden?

In der Halberstadter Klaus, die 1712 von einem der bedeutendsten Norddeutschen Hofjuden, Behrend Lehmann, gestiftet wurde, entwickelten sich zwei Diskussionspole. Mordechai Breuer aus Jerusalem sprach den Hofjuden ab, entscheidenden Anteil an der jüdischen Aufklärung und Emanzipation gehabt zu haben. Auf der anderen Seite reklamierte Julius Schoeps aus Potsdam den bedeutenden Anteil der Hoffaktoren nicht nur am Wirtschaftsleben ihrer Zeit, sondern auch am militärischen und damit politischen Geschehen in Europa. "Kaum ein Krieg wurde in Europa ohne maßgebliche Beteiligung jüdischer Hoffaktoren geführt", meinte der Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam. Dass die Hofjuden nicht nur Politik finanzierten, sondern auch emanzipatorischen Einfluss ausübten, konnte er jedoch nicht beweisen.

Was die Hofjuden so wertvoll für "ihre" Fürsten machten war ihre prekäre gesellschaftliche Stellung. Als Pariahs der Gesellschaft, die kaum rechtlichen Schutz genossen, mussten sie immer fürchten, ihre Ansiedlungspatente zu verlieren und des Landes verwiesen zu werden. Sie waren auf Gedeih und Verderb ihrem Fürsten ausgeliefert und wurden so zum willigen Werkzeug absolutistischer Herrscher. "Der Hofjude musste alles übernehmen, was man ihm zumutete, wollte er nicht seine Stellung, sein Vermögen, seine Sicherheit, ja sein Leben aufs Spiel setzen", bekräftigte Breuer. Hinzu kam großes organisatorisches Geschick, das teilweise, wie im Falle von "Jud Süß", auch zur Modernisierung des Staates und zur Straffung der Verwaltung führte.

Es war aber vor allem ein enorm fein ausgesponnenes Netz aus Zulieferern, Geldgebern und anderen Kontakten, die es den großen Familien der Hoffaktoren ermöglichte, nicht nur in relativ kurzer Zeit sowohl umfangreiche Waren- als auch Geldmengen zu beschaffen, sondern auch als Informationspool zu dienen, der manchmal den gewissen Zeitvorsprung bedeutete, der auch in der Postkutschenzeit von Bedeutung war. Die heutigen Modewörter Flexibilität und Netzwerk beschreiben ihre Fähigkeiten wohl am treffendsten. Ob es die Itzigs aus Berlin, die Oppenheimers und Wertheims aus Wien oder die Lehmanns aus Halberstadt waren: Stets versuchten sie durch strategische Heiraten unter ihresgleichen ein festgefügtes Netz von Wirtschaftsbeziehungen zu knüpfen, das einen Bankrott verhindern sollte. Denn ein Vabanquespiel war es allemal, wie das Beispiel Wolf Wertheimers zeigt, der fast das ganze Familienvermögen durch die Zahlungsunfähigkeit des kurbayrischen Hofes verlor.

Ob sie aber auch Katalysatoren jüdischer Aufklärung und Emanzipation waren, ist zweifelhaft. Zwar lässt sich über die Generationen hinweg ein Prozess der Akkulturierung nachzeichnen: Von der sehr gläubigen, dem traditionellen Judentum verbundenen ersten Generation zu einer mittleren, unentschiedenen Phase führte der Weg in der dritten und vierten Generation oft zur Konversion. Die innerjüdischen Reformer kamen aber eher aus der Schicht der Angestellten der Hofjuden. Eine Art jüdische Mittelschicht, die aber nicht wie das aufstrebende Bildungsbürgertum der christlichen Gesellschaft auf eine Anstellung beim Staat hoffen konnte. Die geistigen, aufklärerischen Impulse gingen also nicht von den Hofjuden selber aus, diese bildeten aber das ökonomische und soziale Umfeld und sorgten oft genug für das Auskommen der "Maskilim", der nach Innen wirkenden jüdischen Aufklärer. Wie im Falle des Seidenfabrikanten Isaac Bernhard, bei dem Moses Mendelssohn zunächst als Hauslehrer, dann als Buchhalter arbeitete.

Vom Anfang des 18. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Hoffaktoren dann jedoch langsam ab. Viele nutzen das Angebot der französischen Besatzer, integrierten sich in die Bürgerschicht als Bankiers, Fabrikanten oder Großhändler, um dem riskanten Geschäft bei Hofe zu entkommen. Das beste Beispiel sind hier die alles überragenden Rothschilds, die stets beim Judentum verblieben. Nach Hannah Arendt symbolisieren sie "die entscheidende Veränderung ", die sich "im Verhältnis der Juden zum Staat vollzog, als aus den Hofjuden der feudalen Herren und absoluten Monarchen die Staatsbankiers des 19. Jahrhunderts geworden waren". So handelten die Rothschilds mit als erste in grossem Stil mit dem neuen Finanzierungsinstrument der Staatsanleihen.

Modernisierer waren die Hofjuden wohl nicht, sondern meist mehr Getriebene als souveräne Akteure. Eines hat die Tagung in Halberstadt jedoch gezeigt: Die Enkelgeneration deutscher Historiker ist durchaus in der Lage, solch ein heikles Thema zu behandeln, ohne in Fettnäpfchen zu treten. Und, wie der israelische Experte für europäisch-jüdische Geschichte, Michael Silber meinte: "Die deutschen Historiker haben sich, was jüdische Geschichte anbetrifft, enorm entwickelt. Sie sind dabei, die Forschung wieder voranzubringen."

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