Gesundheit : Juniorprofessor habil.?

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Von Bärbel Schubert

„Ich mache beides! In den Geisteswissenschaften hat die Juniorprofessur noch ziemlich viel Gegenwind. Und da ich mir nach der Juniorprofessur alle Optionen offen halten will, habilitiere ich außerdem noch." - Mit ihrem Eingangsstatement hat die angehende Juniorprofessorin Mirjam Goller bei der Podiumsdiskussion der Humboldt-Universität am 30. Mai gleich den Hauptstreitpunkt beim Thema Juniorprofessur getroffen. Wird die Habilitation als Zugangsvoraussetzung zum Professorenamt von der neuen Qualifikation abgelöst - wie das Gesetz es will, werden beide Wege gleichberechtigt nebeneinander bestehen oder werden sich die Traditionshüter durchsetzen und die neue Qualifikation aus ihren Fächern heraushalten?

Für Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die die neue Struktur durchgesetzt hat, ist das ganz klar: „Auf längere Sicht wird die Habilitation keine Rolle mehr spielen." Mehrere wissenschaftliche Arbeiten würden aber sicherlich in den Geisteswissenschaften auch in Zukunft verlangt werden. Wesentlicher Vorteil der Juniorprofessur gegenüber den bisherigen Assistenten: Sie können selbst entscheiden, worüber sie forschen. Gegen den Zwang zur Doppelqualifikation hat Bulmahn im neuen Hochschulrahmengesetz die Habilitation nahezu verboten. Die Juniorprofessoren sollen die „Regel“ werden, heißt es da. Dagegen opponieren jedoch einige CDU-geführte Länder und Fakultätentage.

Wettbewerb der Titel

Auf den liberalen Wettbewerb beider Titel setzt der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek: „Entscheidend ist die Qualität der Bewerber!“ Jede Hochschule, die das anders handhabe, schade sich selbst.

Vor einem Jahr hatte die Humboldt-Universität sich als erste Hochschule bundesweit entschlossen, Stellen für Juniorprofessoren einzurichten. Damals gab es nicht viel mehr als den Gesetzentwurf und die Ankündigung von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, das neue Modell mit mehreren Millionen Mark anzuschieben.

Während vor einem Jahr noch die grundsätzlichen Meinungen pro und contra Juniorprofessur aufeinander prallten, wird nun die Auseinandersetzung um die Details geführt. Denn die Juniorprofessur als solche ist zwar im Rahmenrecht des Bundes verankert. Doch es sind noch viele Details offen, da die Länder ihre Gesetze dem Bundesrecht noch nicht angepasst haben. So ist in etlichen Ländern unklar, wieviele Stunden Lehre ein Juniorprofessor künftig erbringen muss. Gänzlich offen ist auch, nach welchen Kriterien die Leistung der angehenden Wissenschaftler denn bewertet werden soll. Denn eine Begutachtung steht ihnen spätestens nach drei Jahren bevor, zur Mitte ihrer zwei mal drei Jahre Juniorprofessorenschaft. Die Erfahrungen in anderen Ländern, etwa den USA oder Israel, soll man nach Bulmahns Worten nutzen, um Bewertungskriterien zu entwickeln.

Und wohin nach der Juniorprofessur? Nicht an dieselbe Hochschule, forderte die Soziologin Heike Solgar. Zur Juniorprofessur müsse unbedingt das amerikanische „tenure-track“-Modell eingeführt werden, das eine Zusage auf Festeinstellung im „Bewährungsaufstieg“ vorsieht. Für Juniorprofessoren soll aber ein striktes Hausberufungsverbot gelten. „Nicht unbedingt“, hielt Mlynek dagegen. „Natürlich freue ich mich, dass schon etliche meiner Schüler selbst Professor geworden sind.“ Aus Sicht der Hochschulleitung sei das aber auch „Ressourcenverschwendung“. „Man investiert viel, baut Schwerpunkte auf. Warum soll man dann nicht versuchen, die Besten zu halten?“ In den USA schade diese Möglichkeit der wissenschaftlichen Qualität nicht. Das Hochschulrahmengesetz schreibe jedenfalls einen Wechsel der Hochschule in der Zeit von Studienbeginn bis zur Professur zwingend vor, ergänzte Bulmahn.

Sparschwein Juniorprofessor

Haben die jetzt Habilitierten Grund für Zukunftsängste, weil alles sich an dem brandneuen Modell orientiert? Diese Frage begleitet seit über einem Jahr jede Diskussion über veränderte Qualifikationen. Die Antwort darauf wird aus der Statistik abgeleitet und lautet ebenfalls immer gleich: Seit langem hatte keine Wissenschaftlergeneration so gute Chancen wie diese; denn in diesem Jahrzehnt wird ungefähr jede zweite Professorenstelle aus Altersgründen frei.

Mit 150 000 Mark fördert ein Bundesprogramm die neuen Stellen. Das reiche in den Naturwissenschaften nicht weit, monierte Holger Lode, Nachwuchsgruppenleiter an der Charité. Doch woher soll das Geld kommen – das zusätzliche und das für die Juniorprofessuren, wenn es kein Bundesprogramm mehr gibt? Die Humboldt-Universität hat ihre rund 50 neuen Juniorprofessuren in einer Good-will-Aktion bei den Professoren zusammengekratzt. Etliche gaben Stellen aus ihren Berufungszusagen. Damit sollen auch Kandidaten ausgebildet werden für die Lücken nach der anstehenden großen Emeritierungswelle. Dabei sind die Frauen recht gut vertreten: Knapp 30 Prozent Juniorprofessorinnen hat die Humboldt-Universität in dieser Berufungsrunde gewonnen, wie Mlynek stolz berichtet.

Doch man kann den Juniorprofessor auch als „Sparschwein“ sehen, als Möglichkeit, „den Laden in schlechten Zeiten am Laufen zu halten“, wie sich in der Diskussion ergab. Denn er hat Lehrverpflichtungen und kann prüfen. Diese Sichtweise erbost die Bildungsministerin allerdings sehr: „Wer damit Geld sparen will, wird keinen Erfolg haben; denn ein Juniorprofessor ist teurer als der Assistent.“ Den aber soll er ersetzen, nicht den Lebenszeit-Professor. Teurer als die Assistenten muss der Junior schon wegen seiner eigenen Forschungsausstattung sein.

Mlynek jedenfalls ist optimistisch, dass viele der Detailfragen noch in diesem Jahr gelöst werden. An der Hochschule werde versucht, auszuräumen, was noch nicht klappt. Und Regelungen im Landesrecht zeichneten sich ebenfalls ab: Es gibt einen ersten Entwurf für ein neues Landeshochschulgesetz. Bis zum Herbst soll es verabschiedet sein.

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