Gesundheit : Justitia stürzt sich auf einen Laib Brot

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Von Dorothee Nolte

Da sitzt man nun vor Kriminal-Akten aus dem 19. Jahrhundert, die noch niemand gesichtet hat. Das Historiker-Herz schlägt höher, man erwartet Spannendes, Skurriles, Mord und Totschlag - und dann? Seitenlang Gerichtsdokumente über kleine Diebstähle unter Bettlern und Tagelöhnern, Aufzählungen von banalen gestohlenen Gegenständen, von Kappen, Garnrollen, Taschen und Brotlaibern .... „Langweilig!" stöhnt Rebekka Habermas. Sie hat trotzdem weitergelesen, und irgendwann ist die Langeweile verflogen. Denn, so die These der Göttinger Historikerin, gerade die Betonung der Gegenstände in den Akten ist aufschlussreich - für eine veränderte Einstellung zum Eigentum ab 1830 und für die Entwicklung des Rechtsstaats.

Rebekka Habermas, die im Einstein Forum über „Die Erfindung des Kriminellen im 19. Jahrhundert" sprach, hat sich bisher vorwiegend mit Geschlechterforschung und historischer Anthropologie beschäftigt und ein Buch über „Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750-1850)" (Vandenhoeck & Ruprecht 2000) vorgelegt, ihre Habilitationsschrift.

Das Thema Kriminalität ist für sie eher neu, wie sie einräumt. Aber es drängt sich in gewisser Weise auf, denn im 19. Jahrhundert war allenthalben davon die Rede: Juristen und Journalisten beklagten eine angebliche Zunahme der Kriminalität und insbesondere der Eigentumsdelinquenz. Dank öffentlicher Gerichtsverhandlungen berichtete die Presse immer ausführlicher darüber, die Gerichtsreportage entstand, ganze Zeitschriften widmeten sich allein diesem Thema. „Ob die Kriminalität tatsächlich zunahm, ist schwer zu klären und letztlich nicht die interessante Frage", so Habermas. Sicher ist, dass Diebstähle häufiger angezeigt wurden - und dass sie am häufigsten auf dem Land und innerhalb der Unterschicht vorkamen. „Es war also keine Umverteilungskriminalität", betonte Habermas - auch wenn die zeitgenössische Öffentlichkeit das anders empfand.

Eine Kultur des Eigentums

Für die 43-Jährige, die früher als Lektorin des Fischer-Verlags amerikanische Vertreter der Historischen Anthropologie in Deutschland eingeführt hat, ist dabei vor allem interessant, wie über Kriminalität geredet und geschrieben wurde. Bis etwa 1820 nämlich schilderten die Juristen die Täter in schillernden Farben, beschrieben ihr Aussehen, ihre Motive, ihr Alter, ihren Status und ihr Verhalten vor Gericht.

Ab 1830 änderte sich das. Statt auf den Täter und die Tat konzentrierten sich die Gerichtsschreiber nun auf die minutiöse Beschreibung der gestohlenen Gegenstände. In einem für heutige Maßstäbe absurden Ausmaß: Für einen Fall von 1854 etwa, in dem ein hessischer Tagelöhner zwei Bettlerjungen anderthalb Laib Brot und eine Kappe weggenommen hatte, wurden über 20 Zeugen verhört, fünf Justizbeamte waren über Wochen mit der Untersuchung und Verhandlung beschäftigt, kurz: Die Justiz betrieb einen Aufwand, der in keinerlei Verhältnis zum Delikt stand.

Was hat diese Fixierung auf Gegenstände nun zu bedeuten? Für Habermas zeigt sich darin ein Wandel in der Eigentumskultur. Auf dem Land herrschte im 19. Jahrhundert vielfach noch eine „Ökonomie des Alltags jenseits der reinen Geldwirtschaft": Man bezahlte in Naturalien, tauschte Dinge, Dienstleistungen und Nutzungsrechte, lieh sich Gegenstände unter Verwandten und Nachbarn, man bettelte, gab Almosen und verhökerte Gebrauchtes.

Der Rechtsstaat bildet neue Facetten

Indem nun die Gerichte die einzelnen Gegenstände und ihren Geldwert in den Mittelpunkt rückten, „stärkten sie die Vorstellung vom absoluten Wert des Eigentums und etablierten eine neue Eigentumskultur", so Habermas. Die bürgerliche Idee, dass Eigentum die persönliche Autonomie garantiere, setzte sich so langsam auch auf dem Land durch. Als eine reine Disziplinierungsmaßnahme von oben nach unten im Sinne Foucaults könne man diesen Vorgang aber nicht begreifen. Schließlich war es die - arme und ledige - Mutter des Bettlerjungen selbst, die den Fall vor Gericht brachte, obwohl derartige Streitigkeiten früher auch ohne Einschaltung der formalen Justiz gelöst worden waren.

Vielleicht ging es der Frau mehr um die Ehre - wie es der Mentalität der frühen Neuzeit entsprochen hätte - als um den Laib Brot. Aber was sie erreichte, war letztlich eine Ausdifferenzierung des Rechtsstaats, der anhand dieser Fälle seine Verfahrensweisen erprobte und verfeinerte. Und am Ende musste die Mutter eine hohe Geldstrafe bezahlen, weil sie, Analphabetin wie sie war, der schriftlichen Vorladung vor Gericht nicht gefolgt war.

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