Gesundheit : Kämpfen und schreiben

Was junge Leute mitbringen müssen, um Journalisten zu werden

Juliane von Mittelstaedt

Man liest derzeit viel von arbeitslosen Edelfedern, fristlos gekündigten Redakteuren und freien Mitarbeitern, die unterm Sozialhilfesatz Zeilen schinden. Wenn die Profis schon gehen müssen, was ist dann mit uns?, fragt sich seitdem der Nachwuchs besorgt. Braucht die Medienbranche überhaupt noch so viele Journalisten – oder sollten wir besser etwas „Ordentliches“ lernen? Das Thema bewegt. Der Hörsaal im Henry-Ford-Bau der Freien Universität war voll, als am Montag Winfried Göpfert vom Publizistikinstitut vier Experten aus der Medienwelt zusammenrief, um über „Journalismus zwischen Markt und Moral“ zu diskutieren.

Journalismus ist anscheinend noch immer ein Traumberuf. Bloß dass der Weg dorthin in keinem Studienführer steht. Braucht man für ein Praktikum schon einen Ordner mit Arbeitsproben? Und für ein Volontariat den Doktortitel? Mehr hilft mehr, auch in der Ausbildung, sagten die anwesenden Journalisten. Denn „superscharf“ sei die Auslese heute, so der freie Kulturjournalist Clemens Goldberg. „Ich hätte heute keine Chance mehr auf ein Volontariat.“ Damals ist er einfach „reinmarschiert“. Selbstbewusst müsse der Nachwuchsjournalist auf jeden Fall sein, vielfältig, flexibel und persönlich gewinnend. Und „fighten“ muss er wollen – um gute Stories. Den Studierenden raten die Medienprofis allesamt: Wer schreiben will, muss schreiben. Egal, ob für die Studentenpostille oder das Anzeigenblättchen. Üben übt. „Journalismus fängt nicht erst an, wenn man durch die Tür des SFB tritt“, fasst es Abendschau-Reporter Christian Walther zusammen. Manchmal aber doch: Eigentlich sollte das Praktikum Übungsraum sein. Doch in der Realität ist es oftmals eine Probebühne für Erfahrene, die schon woanders geübt haben. Nur wo?

Krisenfeste Talente

Eine Studentin wirft ein: „Dann muss ich also als Freie arbeiten, nebenbei in der Regelstudienzeit einen exzellenten Abschluss machen, am besten gleich die Promotion hinterher schieben, drei Sprachen beherrschen und auch noch Jobben?“ Am besten ja.

Aber das sei kein Grund zur „depressiven Verstimmung“, meinte Ernst Elitz, Intendant vom Deutschlandradio. Allerdings, gibt er zu bedenken: Wenn die Nachfrage kleiner, aber das Angebot immer größer wird – dann haben nur die Besten eine Chance. Doch die Besten, das sind keineswegs immer die mit Doktortitel und Hochglanzvita, widersprach Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des Tagesspiegels: „Auf die Person kommt es an – und auf das Talent.“ Wer will und kann, der solle sich vom Krisengerede nicht abhalten lassen, ermutigte er die Studierenden.

„Vielleicht gab es vorher auch einfach viel zu viele Journalisten?“, fragte di Lorenzo provokant. Ein reinigendes Gewitter also? Den Qualitätsjournalismus sieht er daher nicht in Gefahr: „Wir müssen nur vieles anders machen.“ Dagegen befürchtet Goldberg einen erheblichen Niveauverlust, wenn Journalisten aus finanziellen Gründen immer häufiger als geheime PR-Mitarbeiter von Unternehmen und Politikern agieren und die Grenze zwischen Kommerz und Kommentar verschwimmt. Für die Zukunft sieht er eine „kleine, aber feine Oberklasse“ von Journalisten und ein breites „Proletariat“.

Geknickte Lebensplanung? Entmutigt sahen die Studierenden nach zwei Stunden „Praxissprechstunde“ nicht aus, eher bereit, sich in den journalistischen Klassenkampf zu stürzen.

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