Gesundheit : Kämpfer mit Weitblick

Zum Tod des Mediziners Rolf Winau

Rosemarie Stein

„Da müssen wir was tun“ – diesen Satz hörten die Mitarbeiter des Instituts für Geschichte der Medizin oft. Rolf Winau, der das FU-Institut (seit 2001 mit dem der Charité vereinigt) von 1976 bis 2001 leitete, steckte immer voller Pläne, hatte realistische Visionen, war offen für neue Ideen in der Wissenschaft.

Der leidenschaftliche Historiker, der sich 1972 in Mainz für Medizingeschichte habilitierte, sah sein Fach als Teil der Sozial- und Kulturgeschichte. So lehrte der FU-Professor seit 1995 auch am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichte. Der Arzt könne beim Blick in die Vergangenheit seines Fachs lernen, die historische Bedingtheit medizinischen Handelns und damit auch die Bedingtheit der eigenen Position zu erkennen, sagte er einmal in einem Vortrag über seine Disziplin.

Darin nahm er „Abschied vom Familienalbum des Fachs“. Unterhaltsames Blättern in diesem „Album“ mit Bildern berühmter ärztlicher Ahnen erwarteten die Kollegen von dem glänzenden Redner. Aber er mischte seine Festvorträge meist bis ans gerade noch Verträgliche mit Kritischem auf. Die Medizinverbrechen während der Nazizeit gehörten ebenso zu seinen Forschungsschwerpunkten wie die „Medizin in Berlin“, wie der Titel einer seiner unendlich vielen Publikationen lautete.

Großes strategisches und taktisches Geschick zeigte Rolf Winau in der Hochschulpolitik. Von 1979 bis 1995 war er Dekan oder Prodekan der FU-Medizin, 2004 bis 2005 dann Studiendekan der gesamten Berliner Universitätsmedizin, als welcher er besonders stolz auf den Reformstudiengang war. Bewundernswert war der Weitblick, mit dem er sich schon sehr früh gegen viel Widerstand dafür einsetzte, die vernachlässigten geistes-, sozial- und gesundheitlichen Grundlagenfächer der Medizin in einem interuniversitären Zentralinstitut zu bündeln. 1997 wurde er schließlich zum Gründungsdirektor des „Zentrums für Human- und Gesundheitswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin“ berufen.

Als die Charité ihn im März dieses Jahres in einem gar nicht feierlich-steifen „Festakt“ in den Ruhestand verabschiedete, zog er, nach sehr persönlichen Beiträgen von Schülern, Bilanz mit runden Zahlen: 100 Semester an Universitäten, 50 Semester Institutsdirektor, mehr als 30 Semester Dekan oder Prodekan. Kollegen, Mitarbeiter und Studenten erlebten ihn als begeisterten und begeisternden Hochschullehrer, schildern ihn als väterlich-fürsorglich, verantwortungsbewusst, optimistisch, auf Ausgleich und Harmonie bedacht, aber freundschaftlicher Kritik zugänglich. Es fielen sogar Worte wie „gütig“ und „weise“.

Seine immer wieder erwähnte Offenheit konnten auch Journalisten erfahren. Souverän sprach er selbst über die eigene Krebskrankheit und die Hoffnung auf Hilfe durch eine noch experimentelle Therapie. Wenige Monate später starb er (am 15. Juli) mit 69 Jahren.

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