Gesundheit : Kalenderblatt: Staatsgefährdende Leibesertüchtigung

Ingo Bach

Vor 182 Jahren, am 2. Januar 1820, erlitt die deutsche Turnerbewegung von "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn einen herben Rückschlag. Nachdem sie sich seit 1811 erfolgreich über ganz Deutschland verbreitet hatte, verbot der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Turnbewegung als "staatsgefährdend". Ihr Gründer hatte zu dieser Zeit bereits fast sieben Monate Festungshaft verbüßt. Nach dem königlichen Verbot verfielen im Laufe der Zeit dann die Turnplätze auf der Berliner Hasenheide, wo Jugendliche seit 1811 ihren Leib ertüchtigten.

Anlass des rigiden Vorgehens war das Attentat des deutschen Burschenschafters und Turners August Sand auf den Theaterautor und Staatsrat in russischen Diensten, August von Kotzebue, im März 1819. Doch die wahren Ursachen der staatlichen Verfolgung waren andere. Die Turner waren eine erfolgreiche Jugendbewegung, die nationalstaatliche und antifeudale Ziele verfolgte. Beides musste den europäischen Königen und Fürsten der nachnapoleonischen Restauration als große Gefahr erscheinen.

"Turnen" von "Turnier"

Besonders der österreichische Staatskanzler von Metternich und der preußische König Friedrich Wilhelm III. sahen die Turner schon vor 1819 mit Sorge. Friedrich Ludwig Jahn - der für die deutsche Sprache so schwärmte, dass er das Wort "Turnen" kreierte als vermeintlich deutsches Stammwort des mittelalterlichen "Turniers" - hatte die reine Körperertüchtigung nach 1817 mit massiver Propaganda für einen deutschen Nationalstaat verknüpft. Das verstand Friedrich Wilhelm III. als Angriff auf Preußen - und ließ die Turnvereine zunächst von der Polizei überwachen, später den Turnvater einsperren.

Erst Friedrich Wilhelm IV., Sohn und Nachfolger des turnerfeindlichen Königs, hob das Verbot von 1820 im Jahre 1842 wieder auf. Die Situation hatte sich in der Zwischenzeit geändert: Die Turner waren nun keine Gefahr mehr, sondern lieferten ganz im Gegenteil mit ihren sportlichen Übungen eine Generation sportlicher Rekruten für die Armee. Und so überrascht es nicht, dass Turnen zwei Jahre danach sogar in die preußische Schulbildung aufgenommen wurde.

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