Gesundheit : Kalkuliertes Chaos

Rechenschwäche bei Schülern wird meistens ignoriert oder als Dummheit abgetan – zu Unrecht

Juliane von Mittelstaedt

3+4 muss nicht immer gleich 7 sein. Für Dennis könnte das Ergebnis auch 6 oder 99 heißen. Zahlen ergeben für ihn ebenso wenig Sinn wie chinesische Schriftzeichen, denn Dennis ist rechenschwach. Dass er trotzdem den Realschulabschluss geschafft hat, liegt an einem Abkommen mit seinem Lehrer. Der versprach: Wenn du nicht störst, dann bekommst du eine Fünf in Mathe. Da hat Dennis nicht gestört und die Note hat für den Abschluss gereicht, aber rechnen kann er immer noch nicht.

Rechenschwach gleich Rechnen schwach? Der Begriff irritiert. Er suggeriert, es ginge lediglich um eine „Schwäche“ im Rechnen, verursacht durch mangelnden Fleiß oder die Unfähigkeit, logisch zu denken. Ein häufiges Vorurteil. Aber Rechenschwäche, auch Dyskalkulie oder Arithmasthenie genannt, bedeutet mehr – nämlich die gänzliche Abwesenheit von einem Verständnis für Zahlen, Rechenregeln und Mengenverhältnisse. Statt zu rechnen wird gezählt, mit Fingern, Füßen oder im Kopf. Addition ist Vorwärtszählen, Subtraktion Rückwärtszählen.

Hohe Heilungsquote

Rechenschwache zählen auch da, wo sich Zählen erübrigt. Nach 7+8=15 zählen sie 7+9 erneut aus. So genannte dekadische Transferleistungen und Schätzungen sind ihnen nicht möglich, sie verwechseln Rechenarten und vergessen anscheinend Gelerntes schnell wieder. „Viele Betroffene komponieren sich ein eigenes algorithmisches Regelwerk, nach dem sie dann ‚rechnen’, also abzählen, um dem Unverständlichen eine Struktur zu geben“, erklärt Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter der privaten Zentren zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Halle und Leipzig. Obwohl Rechenschwache falsche Ergebnisse produzieren, folgen diese „Regeln“ oft sogar subjektiven Gesetzmäßigkeiten – der Vorwurf mangelnden logischen Denkens ist daher unbegründet. Viel spricht laut Steffen ebenso gegen eine Konzentrationsschwäche: „Die können sich konzentrieren wie die Wahnsinnigen.“

Jeder beherrscht doch das kleine Einmaleins, oder? Sind Kinder wie Dennis also Einzelfälle? Leider nicht. Eine Studie des Jugendpsychiaters Klaus-Jürgen Neumärker von der Charité ergab, dass 6, 6 Prozent aller Berliner und Brandenburger Grundschüler eine meist unentdeckte Rechenschwäche aufweisen. Unter den 120 000 Berliner Schülern wären also rund 10 000 Rechenschwache. Doch trotz dieser erschreckenden Häufigkeit ist Rechenschwäche – im Gegensatz zur Schreib-Lese-Schwäche Legasthenie – nahezu unbekannt. Der Lerndefekt wird meist ignoriert oder als „Dummheit“ abgetan.

„Nur etwa zwei von hundert Rechenschwächen werden entdeckt“, beklagt Rudolf Wieneke, Erziehungswissenschaftler und Leiter des ZTR in Berlin. Das Institut feierte jetzt sein zehnjähriges Bestehen. Lediglich 130 Kinder und Jugendliche sind derzeit bei den Dahlemer Psychologen, Pädagogen und Mathematikern in Behandlung. Insgesamt sind es 420 Patienten in bundesweit 14 Einrichtungen. Dabei liegt die „Heilungsquote“ bei 95 Prozent, denn die Rechenschwäche ist keine Krankheit, sondern ein „kumuliertes Wissensdefizit“, wie Irmgard Slotta, Leiterin des Dresdener Instituts betont. Und damit auch therapierbar: Während wöchentlicher Einzelsitzungen, meist ein bis zwei Jahre lang, versucht der Therapeut im Dialog mit dem Kind ein neues Zahlenverständnis zu erarbeiten.

Denn was den Kindern fehlt, ist der Kardinalzahlbegriff: Sie verstehen nicht, dass Zahlen Mengen symbolisieren. „Ihnen fehlt der grundlegende Baustein in der mathematischen Lernhierarchie, von diesem Zeitpunkt an tut sich eine Verständnislücke für alle weiteren Rechenschritte auf“, weiß die Psychologin. „Da muss nichts Besonderes passiert sein.“ Unentdeckte Hör- oder Sehschäden, Epilepsie oder eine Konzentrationsstörung sind nur in gut einem Drittel der Fälle die Ursache. Alle anderen Kinder sind unauffällig; Intelligenz oder soziales Umfeld haben anscheinend kaum Einfluss.

Die ZTR-Therapeutin sieht vor allem ein Versagen bei den Lehrern: „Es wird nicht geguckt, wie das Kind rechnet, sondern nur abgehakt, ob das Ergebnis richtig oder falsch ist.“ Auch kritisiert sie die Didaktik im Matheunterricht: Die Lehrer seien bei Lernstörungen meist ratlos. Die wenigsten wurden im Studium auf eine sinnvolle Strukturierung der Lerninhalte vorbereitet. Das sei der Nährboden für nicht diagnostizierte Rechenschwäche. „Der ist noch nicht so weit“, heiße es dann, berichtet Slotta. Die Kinder starten eine „Nachhilfekarriere“, werden „übertrainiert“ und bleiben trotz Fleiß immer erfolglos. Viele müssen Klassen wiederholen – aber die Rechenschwäche bleibt. Was man nicht begreift, kann man nicht lernen.

Die Folge: Mathe-Angst, die sich zu allgemeinem Schulfrust steigert. Dadurch nimmt die Leistung in anderen Fächern ab, das Selbstwertgefühl leidet, es gibt Ärger mit den Eltern. Ein Teufelskreis: „Die Kinder werden stigmatisiert und als ,dumm’ hingestellt – und irgendwann fühlen sich auch so“, sagt Slotta. Selbst bei ansonsten befriedigenden Leistungen ist der Abstieg auf die Förderschule vorgezeichnet. Die Schulkarriere endet meist ohne Schulabschluss.

Arbeitslose von morgen

Nicht umsonst sieht der Gesetzgeber in der Rechenschwäche eine „drohende seelische Behinderung“. Schließlich ist diese kein reines Schulproblem, das sich irgendwann von selbst erledigt, sondern Auslöser einer langen Leidenslaufbahn. „Der Rechenschwache von heute ist der Arbeitslose von morgen“, sagt Olaf Steffen. Studien ergaben eine extreme Häufung der Rechenschwäche bei jungen Sozialhilfeempfängern und benachteiligten Jugendlichen, die in Berufsbildungswerken „ausbildungsreif“ gemacht werden sollen. Ein normales Berufsleben ist für die meisten von ihnen nicht möglich. Selbst wer einen Ausbildungsplatz ergattert, der ist ihn schnell los, wenn der Chef den Mathe-Mangel erkennt.

Rechenschwache müssen sich durchs Leben schlängeln und schummeln, immer hoffend, dass niemand sie als „dumm“ outet. Ähnlich wie Analphabeten gehen sie dabei oft recht geschickt vor und versuchen alles zu vermeiden, was mit Rechnen zu tun hat. Doch das ist fast unmöglich: Ob Wahlergebnisse oder Schlussverkauf, Autokredit oder Börsenkurse – der Alltag steckt voller Mathematik. Trotzdem kommen kaum Erwachsene zur Therapie. „Sie haben sich mit einem Leben ohne Zahlen arrangiert“, sagt Wieneke, „und manche haben sogar studiert und Karriere gemacht.“

Mehr zum Thema im Internet unter:

www.ztr-rechenschwaeche.de

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