Gesundheit : Kaltstart der Massen

Erwachsene bewegen sich im Schnitt nicht mehr als 20 Minuten täglich – doch der Zulauf zum Marathon steigt

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Adelheid Müller-Lissner

Die Extreme liegen weiter auseinander als Start- und Endpunkt einer Marathonstrecke. In einer Gesellschaft von Bewegungsmuffeln nehmen immer mehr Freizeit-Sportler an Mega-Events wie einem Marathon teil. Ein Marathon stellt eine große Herausforderung für die individuelle Fitness dar. Mit über 41000 Anmeldungen von Läufern, Skatern und Walkern wurde beim Berlin-Marathon diesmal schon im Vorfeld ein neuer Rekord aufgestellt.

Sportliche Leistungsfähigkeit ist für eine wachsende Gruppe von Menschen Bestandteil der eigenen Lebensqualität. Damit wächst auch der Ehrgeiz. Doch viele Teilnehmer sind über ihre Gesundheitsrisiken nicht genügend informiert und muten sich zu viel zu. „Wir müssen immer damit rechnen, dass etwas passiert“, sagt Lars Prechtel von der Abteilung Sportmedizin der Humboldt-Universität vor dem Start.

Denn dem Hang zum Marathon steht ein gegenläufiger Trend gegenüber. Wir leben in einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten „sehr solide dem kinetischen Nullpunkt zustrebt“. So drückt es jedenfalls der Sportmediziner Willi Heepe aus, seines Zeichens Medizinischer Direktor des Berlin-Marathon. Die erstaunlichen Ergebnisse einer Studie der Sporthochschule Köln, derzufolge das „durchschnittliche Bewegungsaufkommen“ erwachsener Deutscher bei weniger als 20 Minuten täglich liegt, gibt ihm Recht.

Die Folgen sind Besorgnis erregend: Sie reichen von Übergewicht und „Alters“-Diabetes schon bei Kindern über Erkrankungen der Herzkranzgefäße bis zu einseitigen Veränderungen des Bewegungsapparats. „Für die hohen Anforderungen im Beruf gibt es heute keinen ausreichenden Ausgleich durch Körperlichkeit mehr“, sagt Heepe.

Beim Ersten Internationalen Ausdauer- und Sportmedizin-Kongress, den das Institut für Sportmedizin der Humboldt-Universität zusammen mit der Berliner Akademie für Sportmedizin und dem Berlin-Marathon bewusst im Vorfeld dieses Lauf-Ereignisses in Berlin organisierte, war ausführlich von beiden Gruppen die Rede: von den Fitness-Bewegten und von der Mehrheit der Bewegungsmuffel. Die moderne Sportmedizin nimmt sich der Frage nach dem besten Laufschuh und dem optimalen Trinkverhalten an. Sie fühlt sich aber auch dafür zuständig, den Betroffenen zu sagen, welcher Sport für welches Gesundheitsproblem und welchen Einsteiger am besten geeignet ist.

Die rettende Spritze

Man will mehr sein als der prominente Helfer in der Not, der den verletzten Fußball-Profi so schnell wie möglich mit der rettenden Spritze versorgt, damit Zuschauer ihn möglichst schnell wieder spielen sehen. Heepe sieht sich und seine Kollegen in der Pflicht, die ganze ärztliche Zunft für die Bewegungs-Beratung fit zu machen: „Jeder Arzt muss präzise körperliche Aktivität in Intensität und Dauer individuell verordnen.“

Der Gastredner Klaus Kinkel ergänzte dies bei dem Berliner Kongress durch ein engagiertes Plädoyer für die Förderung des Schul- und Breitensports als gesellschaftliche und politische Aufgabe. Der 66-jährige Ex-Außenminister und Freizeitläufer, der in der letzten Legislaturperiode im Sportausschuss tätig war, sieht die Folgen der „In-Door-Gesellschaft“ vor allem für die Kids. „Der Alte joggt, der Junge hockt.“

Claude Bouchard von der Louisiana State University machte deutlich, was ein „Sport-Rezept“ des Arztes bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bewirken könnte. In einer Studie zeigte sich, dass gefährdete Versuchspersonen mit einem gezielten Bewegungsprogramm und einer Gewichtsabnahme von fünf Prozent, ihr Diabetes-Risiko um 58 Prozent senken konnten. „Wenige Medikamente schaffen das!“

Allerdings muss man fairerweise sagen, dass nicht alle Menschen mit erhöhten Blutfett- oder Blutzuckerwerten auf körperliche Aktivität gleich gut ansprechen. Bouchard und seine Arbeitsgruppe widmen sich seit einigen Jahren der Frage, welche Rolle die Gene dabei spielen. Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass es in punkto „Trainierbarkeit“ große Unterschiede zwischen Familien gibt. Sie haben dafür die Veränderung der maximalen Sauerstoffaufnahme und der Muskeln bei nachweislich sesshaften Studienteilnehmern gemessen. Die Teilnehmer mussten unter Aufsicht ein regelmäßiges Bewegungsprogramm absolvieren.

„Die Gene spielen hier eine wichtige Rolle“, ist Bouchard überzeugt. Darüber hinaus fiel den Forschern auf, dass auch das Ausmaß, in dem eine Person von sich aus körperlich aktiv wird, zwischen Eltern und Kindern erstaunliche Übereinstimmung zeigt. Zwischen Adoptivkindern und den Eltern zeigten sich größere Abweichungen. Nun wird intensiv nach den Genen gesucht, die über Bewegungsdrang und Fitness mitbestimmen. „Wir möchten eines Tages besser vorhersagen können, wer zusätzlich Medikamente zur Bekämpfung von Risikofaktoren braucht und wem Bewegung allein genauso gut hilft“, sagt Bouchard. Dass es für jeden – unabhängig vom genetischen Profil, das wir heute noch gar nicht kennen – gut ist, durch Training fit zu werden oder zu bleiben, steht dabei außer Frage.

16 000 Ex-Raucher am Start

Der Sportmediziner Lars Brechtel von der Humboldt-Universität wiederum hat mit einem Fragebogen Informationen über den Gesundheitszustand von über 1500 Läufern des letzten Berlin-Marathons gesammelt. Fast 15 Prozent der im Durchschnitt 40-Jährigen gingen erstmals an den Start. Über die Hälfte klagte anschließend über Beschwerden, vor allem im Knie und Oberschenkel.

Mehr Sorgen macht dem Sportmediziner, dass bei 38,5 Prozent der Läufer noch nie ein Belastungs-EKG gemacht wurde und dass über 40 Prozent ihre Blutdruckwerte nicht kennen. Gerade für die „älteren Läufer“ – aus sportmedizinischer Sicht die nicht gerade wenigen Teilnehmer ab 35 Jahren aufwärts – wäre ein solcher Check vor dem 42-Kilometer-Lauf seiner Ansicht nach wichtig. Eine andere Prozentzahl gefällt ihm aber sehr: 37,5 Prozent der Teilnehmer haben früher einmal geraucht. „Beim Berlin-Marathon sind also 16 000 Ex-Raucher am Start!“ Der Laufsport ist sicherlich die bessere Droge.

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