Gesundheit : Kammerjäger an Bord

Schädlingsbekämpfung im Flugzeug soll Krankheiten vorbeugen

Anja Garms

Am Anfang dachten die Ärzte, es handele sich um eine Grippe. Ihr 54-Jähriger Patient hatte Fieber, klagte über Kopf- und Gliederschmerzen, fühlt sich abgeschlagen. Einige Tage später verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Patienten. Er litt unter Fieberschüben und Krampfanfällen. Schließlich versagten seine Nieren. Der Mann starb.

Die Untersuchungen zeigen, dass sein Blut mit dem Erreger der Malaria, Plasmodium falciparum, überschwemmt war. Nur eines gibt den Ärzten Rätsel auf – der Mann war nie in ein Malaria-Gebiet gereist. Wie also konnte er sich mit dem Erreger angesteckt haben? Dann ergeben Nachforschungen, dass sein Wohnort nur gut zwei Kilometer vom Genfer Flughafen Cointrin entfernt liegt. Wahrscheinlich, so folgerten die Ärzte, wurde er von einer infizierten Mücke gestochen, die als blinder Passagier per Flugzeug aus einem Malaria-Gebiet in die Schweiz gereist war.

Fällen wie diesem kann mit einer Schädlingsbekämpfung im Flugzeug vorgebeugt werden, auch wenn sie eher selten sind. Zwischen 1969 und 1999 wurden der Weltgesundheitsorganisation WHO aus zwölf Ländern 87 Fälle von „Flughafen-Malaria“ gemeldet. Dennoch fürchten Experten, dass mit dem zunehmenden Tourismus Insekten, die Krankheitserreger übertragen, aus tropischen Regionen eingeschleppt werden. Gelbfieber, Dengue-Fieber oder Leishmaniose könnten dann auch in Ländern der gemäßigten Breiten zum Problem werden.

Bereits geschehen ist dies beim West-Nil-Virus: Dieses ursprünglich aus Afrika stammende Virus gelangte 1999 vermutlich mit infizierten Mücken per Flugzeug nach Nordamerika. So erkrankten bereits im Jahr der Ankunft des Virus im Großraum New York mehr als 60 Personen. Heimische Mücken verbreiteten das Virus weiter, so dass 2002 aus verschiedenen Bundesstaaten schon über 4000 Infektionen gemeldet wurden, mehr als 280 der Infizierten starben. Mittlerweile ist das Virus in fast allen Staaten der USA verbreitet.

Obwohl das Virus auch in einigen Vögeln in Frankreich nachgewiesen worden ist, hält Matthias Niedrig vom Robert-Koch-Institut in Berlin eine generelle Ausbreitung des West-Nil-Virus in Europa für unwahrscheinlich. Gerade das Auftreten der Flughafen-Malaria zeige aber, dass mit dem Auftreten exotischer Infektionen immer wieder gerechnet werden müsse. „Durch den Flugverkehr können sich die Krankheitserreger rasend schnell um die Welt ausbreiten, die damit verbundenen Probleme einzugrenzen, ist dann sehr schwierig“, so der Virologe.

Eine Möglichkeit, die Ausbreitung gefährlicher Erreger zu unterbinden, besteht darin, die Überträger-Insekten im Flugzeug mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel abzutöten. Auf einigen interkontinentalen Flugrouten ist so eine „Desinsektion“ vorgeschrieben. Meist werden dabei die Chemikalien im voll besetzten Flugzeug versprüht. Ein Verfahren, dass auch für Besatzung und Fluggäste nicht ganz ungefährlich ist.

„Stellen Sie sich vor, sie sitzen im Flugzeug, und kurz vor der Landung besprüht eine freundlich lächelnde Stewardess sie mit Insektiziden“, verdeutlicht Jürgen Kundke von der Pressestelle des Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR) das bisherige Vorgehen. Immer wieder hätten Passagiere, vor allem aber auch Mitglieder der Crew, nach dem Chemikalien-Einsatz über vorrübergehende gesundheitliche Probleme berichtet.

Gemeinsam mit der Deutschen Lufthansa, dem Umweltbundesamt und dem Fraunhofer-Institut für Toxikologie und experimentelle Medizin entwickelten Wissenschaftler um Klaus Erich Appel vom BfR deshalb jetzt ein Verfahren, das für Crew und Passagiere weniger belastend ist. Dabei werden die Schädlingsbekämpfungsmittel in der leeren Kabine versprüht. Fluggäste und Besatzung steigen erst ein, wenn die Konzentration des Insektizids auf ein ungefährliches Niveau gesunken ist.

Auch Insekten, die mit den Passagieren an Bord kommen könnten, sind kein Problem. Denn bei dem Verfahren wird ein länger wirkendes Mittel verwendet, das an möglichen Kontaktflächen haftet und die Tiere so nachträglich vernichtet. „Die Versuche haben gezeigt, dass auf diese Weise praktisch alle Insekten abgetötet und gleichzeitig Passagiere und Crew geschont werden“, sagt der BfR-Sprecher Kundke.

Die Wissenschaftler wollen das Verfahren nun bei der WHO vorlegen, damit es in den Maßnahmen-Katalog zur Flugzeug-Desinsektion aufgenommen werden kann. Dann könnten blinde Passagiere künftig von Bord gejagt werden, ohne die regulär Reisenden zu gefährden.

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