Gesundheit : Kampf um den Kuchen

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Von Bas Kast

Frisch Verliebte hören es nicht gern, wenn ihnen ein Evolutionspsychologe sagt, dass sie gerade zu Sklaven ihrer Gene geworden sind. Der Schweiß auf den Händen, die Schmetterlinge im Bauch, die zwanghaften Gedanken, man versucht sich zu konzentrieren, nur um festzustellen, dass man sich doch nur auf eins konzentrieren kann: auf sie, auf ihn . . . Das sollen wir unseren Genen verdanken? So ist es, sagen die Evolutionspsychologen. Und bei dem Versuch, uns den Kopf zu verdrehen, haben die Gene nur ein Ziel vor Augen: Ihre eigene Vermehrung.

Wie sehr sich die Gene auf dieses Kopierziel fixiert haben und wie egoistisch sie dabei vorgehen, zeigt eine neue Studie im Fachmagazin „Nature“. Bei jedem sich sexuell fortpflanzenden Organismus sehen sich unsere Erbanlagen nämlich mit einer lästigen Hürde konfrontiert: Um sich zu kopieren, brauchen sie einen Partner. Sie, die Gene, gaukeln uns vor, in dem oder der Geliebten den perfekten Partner gefunden zu haben. Aus Sicht der Gene aber ist der Partner nur ein lästiges Mittel zum Zweck, ein Zweckverbündeter, dem man nicht trauen kann, ja, dem man am besten von Anfang an übers Ohr haut.

Genau das zeigt die neue „Nature“-Studie. Der Genetiker Miguel Constância von der Universität Cambridge und seine Kollegen untersuchten dazu den Mutterkuchen von Mäusen. Wie das Forscherteam nachweisen konnte, ist es die männliche Maus, die die Größe der Plazenta mit einem Gen ns IGF zu bestimmen versucht. Das Ziel des Männchens: Einen so großen Mutterkuchen wie möglich rauszuschlagen. Das Weibchen wehrt sich gegen den Größenwahn des Männchens, indem sie ihr eigenes IGF-Gen still legt. Der Kampf der Geschlechter ist bereits im Mutterleib eröffnet.

IGF steht für „insulin-like growth factor“. Das Gen enthält die Bauanleitung für ein Insulin-ähnliches Wachstumshormon. Wird das Gen aktiviert, führt das zur Produktion des Hormons. Das wiederum stimuliert das Wachstum des Mutterkuchens – und je größer der Mutterkuchen, um so besser hat es das werdende Kind. Entfernte Constância das IGF-Gen bei den männlichen Mäusen, fiel der Mutterkuchen deutlich kleiner aus. Die Folge: Die Nahrungsversorgung war nun stark vermindert, der Fötus blieb deutlich kleiner als sonst.

Ressourcen mobilisieren

Man weiß, dass unterernährte Babies eher sterben. Dass die Gefahr von Behinderungen bei ihnen größer ist. Ein geringes Säuglingsgewicht bei der Geburt geht mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes und Atemwegsproblemen einher. Also wollen die Gene des Mannes unter allen Umständen dafür sorgen, dass es dem Baby – ihrer Genkopie – nicht an Nahrung fehlt.

Nur will das Weibchen nicht genau das Gleiche? Im Prinzip schon, das Weibchen aber muss seine Energie verteilen. Wenn sie all ihre Ressourcen an einen Wurf vergibt, dann bleibt für ihre nächsten Kinder nicht mehr viel übrig.

Dem Mann kann das – genetisch gesehen – gestohlen bleiben: Schließlich weiß er nicht, ob er es sein wird, von dem das Weibchen seinen nächsten Nachwuchs bekommt . Er muss seine Chance nutzen, hier und jetzt. „Weibliche Gene haben einen Vorteil, wenn sie die Ressourcen bei einer Befruchtung begrenzen“, kommentieren die Genetiker Benjamin Tycko und Argiris Efstratiadis vom New Yorker Columbia University College in einem Begleitartikel in „Nature“. „Männliche Gene dagegen bekommen einen Vorteil, wenn sie so viel wie möglich weibliche Ressourcen mobilisieren.“

Wie wehrt sich das Weibchen gegen die Vergrößerung des Mutterkuchens? Die Antwort darauf führt in die „Epigenetik“. In den letzten Jahren haben Genetiker entdeckt, dass beide Eltern ihre Gene schon vor der Verschmelzung von Samen und Eizelle gezielt an- und ausschalten können. Der Vorgang nennt sich „Imprinting“.

Das Männchen aktiviert in seinen Samen das IGF-Gen, das Weibchen legt es still. Bei der Befruchtung bekommt der Embryo beide Gene. „Unsere Studie gibt den experimentellen Nachweis, dass diese Gene die Nahrungsversorgung des Fötus direkt kontrollieren“, berichten die Forscher in „Nature“. „Damit bestätigt sich die Genkonflikt-Theorie des Imprinting.“ Das heißt: Die Eltern schalten ihre Gene an- und aus, um damit dem Partner ein genetisches Schnippchen zu schlagen.

Versteckter Eisprung

Der Kampf der Geschlechter betrifft nicht nur Mäuse, sondern auch Menschen. Und er beginnt nicht erst mit der Scheidung, sondern schon lange vor der Befruchtung.

Beim Menschen ist es beispielsweise so, dass Frauen ihre fruchtbare Phase, den Zeitpunkt des Eisprungs, verbergen. Kein Mann kann erkennen, wann eine Frau ihren Eisprung hat. Beim Schimpansen zeigen die Weibchen, wann sie fruchtbar sind: Pünktlich zum Zeitpunkt ihres Eisprungs schwillt ihr Hintern an. Das Männchen weiß nun, dass sich Sex lohnen würde. Die Folge: Das Männchen muss das Weibchen nur begatten, wenn sie fruchtbar ist. Den Rest des Monats kann er sich auf andere Aktivitäten stürzen, das unfruchtbare Weibchen kümmert ihn nicht.

Ganz anders die Situation beim Menschen. Da der Mann keine Ahnung hat, wann die Frau fruchtbar ist, muss er ständig auf der Hut sein. Mit der Verbergung ihres Eisprungs setzt die Frau eine entscheidende Waffe im Krieg der Geschlechter ein: Sie sorgt dafür, dass sich ein Mann an sie binden muss. Sie zieht sich einen Ernährer und Beschützer für sich und ihr Kind an Land. Es reicht für den Mann nicht mehr, einfach nur das Fruchtbarkeitssignal abzuwarten, um sich dann mit der Frau zu paaren. Nein, er muss sich ständig mit der Frau paaren, um seine Gene zu kopieren. 1:0 für die Frau.

Aber die Strategie fordert ihren Preis. Der größte genetische Albtraum des Mannes besteht nämlich darin, Gene zu unterstützen, die nicht seine sind. Wenn er sich ständig mit einer Frau paart und so anfängt, sich an eine Frau zu binden, dann muss er auch sicher gehen, dass es seine Gene sind, die die Frau bekommt. Nur wenn er sicher sein kann, dass die Frau tatsächlich sein Kind bekommt, lohnt es sich auch, sie und den Nachwuchs zu unterstützenen. Wie kann er das bewerkstelligen? Er muss die Frau kontrollieren, notfalls sogar bewachen.

Somit, sagen Evolutionsbiologen, haben wir unseren Genen nicht nur für die Verliebheit zu danken. Sie sorgen auch für eines der grausamsten Gefühle, das wir kennen: die Eifersucht.

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