Gesundheit : Kapitale Köpfe

Können höhere Ausgaben für die Bildung das Rentenproblem lösen? Was Wirtschaft und Politik wollen – und wie wir tatsächlich dastehen

Amory Burchard,Anja Kühne

Von Amory Burchard

und Anja Kühne

Würde eine Bildungsoffensive das deutsche Rentenproblem lösen? SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hatte diesen Zusammenhang kürzlich im Tagesspiegel-Interview hergestellt. Es ginge darum, möglichst viele Menschen gut auszubilden und sie in qualifizierte Arbeit zu bringen, damit sie nicht im Alter auf staatliche Transferleistungen angewiesen seien. Deutschland müsse folglich viel mehr Geld als bisher in die Bildung seiner Kinder und Jugendlichen investieren. Das sei „von größerer Bedeutung als das konkrete Rentenniveau“, sagte Scholz.

Damit knüpfte der Generalsekretär an eine Erklärung des Bundeskanzlers zum Reformprojekt Agenda 2010 an. In fast allen Ausgabenbereichen müsse der Staat sparen, sagte Schröder Mitte August, aber in der „Bildung, Kinderbetreuung sowie Forschung und Entwicklung seien zusätzliche Anstrengungen erforderlich“. Zuvor hatte schon Wirtschaftsminister Clement „mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung“ gefordert, damit Deutschland international wettbewerbsfähig bleibe.

Olaf Scholz war es allerdings, der die geplante Bildungsoffensive mit der Rentendiskussion in Verbindung brachte – und dafür sofort scharf von der Opposition kritisiert wurde. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Friedrich Merz, nannte es den „Gipfel der Unverschämtheit“, Ausbildungsprogramme durch Einsparungen bei den Renten zu finanzieren. Einen solchen Zusammenhang habe er gar nicht hergestellt, wehrte sich Scholz und wiederholte, dass eine „gute und frühzeitige Ausbildung wichtig für die Beschäftigungspolitik“ sei.

Wirtschaftsforscher fordern unabhängig von der Agenda 2010 eine Bildungsoffensive „aus Wachstums- und Demographiegründen“. Bildung entscheide über Lebensperspektiven, über Zugang zu Arbeit und zu Einkommen, sagt Gerhard Fels, Direktor des unternehmensnahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Bildung als der einzige nachwachsende Rohstoff in Deutschland sei aber dramatisch unterfinanziert. Gleichzeitig würden immer weniger Kinder geboren – in ein defizitäres Bildungssystem hinein. Fels’ Schlussfolgerung: „Wenn die Köpfe knapper werden, dann muss auch mehr in die Köpfe hinein.“

Wie steht Deutschland tatsächlich mit seinen Ausgaben für Bildung im internationalen Vergleich da? Die letzten Vergleichszahlen der OECD wurden im vergangenen Jahr veröffentlicht und beziehen sich auf das Jahr 1999. Das ist das Bild: Durchschnittlich wenden die OECD-Mitgliedsstaaten 5,5 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts für Bildungs auf. Deutschland liegt mit 5,6 Prozent kaum über dem Schnitt. Deutlich darüber liegen Länder wie Österreich (6,3 Prozent), Kanada (6,6 Prozent), Dänemark (6,7 Prozent), Frankreich (6,2 Prozent), Korea (6,8 Prozent), Norwegen (6,6 Prozent), Schweden (6,7 Prozent), die USA (6,5 Prozent). In Deutschland sanken die Ausgaben zwischen 1995 und 1999 von 5,8 auf 5,6 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts. Australien, Schweden oder die USA haben ihre Ausgaben dagegen gesteigert.

Anders als gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der Anteil der Ausgaben für Bildung an den öffentlichen Haushalten in Deutschland nicht gesunken: Er liegt bei 9,7 Prozent. Aber das ist unterdurchschnittlich: 12,7 Prozent beträgt der OECD-Durchschnitt. Der private Anteil an den Bildungsausgaben liegt in Deutschland hingegen deutlich über dem OECD-Mittel und entlastet die Haushalte, denn die Unternehmen leisten durch die Finanzierung der dualen Ausbildung einen wesentlichen Beitrag.

Deutschland gibt weniger als im OECD-Durchschnitt pro Schüler aus, jedenfalls für Schüler in der Grundschule und der Mittelstufe. Die Ausgaben für die Oberstufe sind jedoch über dem internationalen Durchschnitt. Kritiker wie etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sagen deshalb, das Geld müsse anders verteilt werden – das Gymnasium sei zu teuer. Für die Lehre pro Student an den Hochschulen gibt Deutschland ebenfalls knapp weniger aus als das Ländermittel (6493 US-Dollar pro Student) - am meisten geben die USA für Lehre aus (17 000 US-Dollar). Allerdings investiert Deutschland für die Forschung an den Hochschulen pro Student mehr als der Durchschnitt.

Wie effizient ist das deutsche Bildungssystem? Nur 30 Prozent der deutschen Schulabsolventen nehmen ein Hochschulstudium auf, damit liegt Deutschland an sechstletzter Stelle. Und nur 19 Prozent eines Altersjahrgangs erreichen einen Hochschulabschluss. Auch damit liegt Deutschland weit unter dem OECD-Durchschnitt von 26 Prozent.

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