Gesundheit : Kardiologie: Mehr Vernunft in Herzensdingen

Adelheid Müller-Lissner

Wird von deutschen Ärzten zu viel oder zu wenig getan, wenn es um Erkrankungen von Herz und Herzkranzgefäßen geht? Auf dem Berliner Ärztekongress vertrat der Herzspezialist Wolfgang Dissmann die Meinung, dass in gewisser Hinsicht beide Aussagen stimmen. "Irrationale Wege in der Kardiologie", so lautete der Vortrag des langjährigen Chefarztes im Urban-Krankenhaus. In vielen Punkten konnte er sich dabei auf eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zur Über-, Unter- und Fehlversorgung in der Gesetzlichen Krankenversicherung stützen.

Zu viel scheint ihm: 3900 Herzkatheter-Untersuchungen auf eine Million Einwohner wurden im Jahr 1993 in Deutschland gemacht. Tendenz steigend. Damit liegt Deutschland in der "Weltspitze", deutlich über den USA. Viel zu schnell sei der Hausarzt mit seiner Überweisung zur Herzkatheter-Untersuchung bei der Hand, statt zunächst im Gespräch und mit anderen Untersuchungsmethoden den Fall genauer abzuklären, sagte Dissmann.

Für eine Herzkatheter-Untersuchung wird ein dünner, biegsamer Schlauch meist in der Leistengegend in ein Blutgefäß eingeführt und unter Röntgenkontrolle weiter bis zum Herzen vorgeschoben. Nach dem Einspritzen eines Kontrastmittels werden die Strukturen des Herzens auf dem Monitor sichtbar. Gleichzeitig können bestimmte Werte gemessen werden, die für die Herzfunktion bedeutsam sind.

Man kann das Verfahren, auch als Angiografie bekannt ist, aber ebenfalls zu Behandlungszwecken nutzen, also verengte Herzkranzgefäße unter Röntgenkontrolle mit einem Ballon weiten (PTCA). Wenn sich bei der aufwändigen und nicht ganz risikolosen Untersuchung an einer oder mehreren Stellen eine Verengung der Blutgefäße zeigt, entschließt sich der Herzspezialist häufig sofort zu einer solchen Erweiterung, Dilatation genannt.

"Bei den Dilatationen sind wir Weltmeister", sagte Dissmann. Dass sie das Leben der Patienten tatsächlich verlängern, ist allerdings wissenschaftlich noch keinesfalls gesichert. Gegen die Beschwerden können auch Medikamente helfen. "Eine Koronarangiografie darf nicht die Voraussetzung dafür sein, dass ich als Arzt mit einem Patienten überhaupt über Schmerzen in der Brust sprechen kann", spitzte Dissmann zu.

Dabei ist der Kardiologe kein Technikmuffel, setzte er sich doch seinerzeit vehement für die Errichtung des Deutschen Herzzentrums Berlin, das mittlerweile sein 15-jähriges Bestehen feiern konnte, und des Herzkatheter-Labors im Urban-Krankenhaus ein. In einem anderen Bereich wird Dissmanns Ansicht nach zudem viel zu wenig getan: Bei der Vorbeugung der koronaren Herzkrankheit, etwa durch Programme zur Umstellung der Ernährung, wie sie in Finnland Erfolge feiern. Eine Unterversorgung sieht er jedoch auch bei Medikamenten, die das Risiko für eine Verstopfung der Arterien mit den Folgen Herzinfarkt oder Schlaganfall verringern: "Bei der Senkung von Blutdruck und Cholesterin haben wir schlechte Ergebnisse."

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