Gesundheit : Karl der Große: Der Mann, der Europa erfunden hat

Ingo Bach

Wie an jedem Weihnachtsmorgen zuvor zog auch an diesem 25. Dezember des Jahres 800 eine feierliche Prozession zur Peterskirche in Rom, um der Geburt des Heilands zu gedenken. Eine Menge Volk hatte sich versammelt, um den Zug zu beobachten. An seiner Spitze schritt Papst Leo III. in üppigem Ornat, auch das nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich hingegen war sein Begleiter: der Frankenkönig Karl der Große, Gebieter über ein europäisches Reich, das von Nordspanien und Italien bis an den Balkan und die Oder reichte - ein Territorium, das erst 1160 Jahre später wieder durch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft geeint werden sollte. Mit feierlichen Gesängen zog die imposante Prozession in die Peterskirche ein, alle außer dem Papst knieten nieder zum stillen Gebet. Plötzlich griff das Kirchenoberhaupt nach einer bereitliegenden Krone und setzte sie dem Frankenkönig aufs Haupt. Die anwesenden Römer brachen in Jubel aus und akklamierten Karl zum Römischen Imperator. Damit reaktivierten sie einen Titel, der seit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahre 476 geruht hatte.

Diese Aktion wurde für die Zeitgenossen so inszeniert, als sei sie für Karl überraschend gekommen. Sein Biograph, der Mönch Einhard, schrieb sogar, Karl hätte die Kirche nicht betreten, wenn er gewusst hätte, was ihn erwartete. Dabei war die Krönung von langer Hand vorbereitet worden. Schon beim ersten Treffen des Frankenkönigs mit dem - nach einem Aufstand aus Rom vertriebenen - Papst in Paderborn 799 schmiedeten beide entsprechende Pläne. Leo hatte wenig Freunde in Rom. Man warf ihm sexuelle Verfehlungen und Korruption vor. "Unüberprüfbare Standardvorwürfe, die man immer erhob, wenn man einen Papst loswerden wollte", urteilt der Mittelalterhistoriker Michael Borgolte von der Humboldt-Universität. Es ging wohl weniger um Moral, als um die reichen Pfründe der Kirche. Leo galt als Außenseiter, weil er nicht dem römischen Stadtadel angehörte. Und so suchte sich der Papst andernorts Freunde, um seine Autorität wiederherzustellen. In Karl dem Großen, dem damals mächtigsten Herrscher der Christenheit, fand er einen unwiderstehlichen Verbündeten.

Natürlich betrieb auch Karl Machtpolitik. Er strebte nach der Kaiserkrone, um seine Herrschaft der von Byzanz - dem ehemaligen Oströmischen Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel - auch symbolisch ebenbürtig zu machen. Militärisch hatte er dies längst erreicht. Gleichzeitig aber fürchtete sich Karl vor dem Titel. "Er sah Verwicklungen mit den Byzantinern voraus", sagt der Mediävist Borgolte. Denn die Herren am Bosporus führten ihre Tradition in ungebrochener Folge auf die römischen Cäsaren zurück. Und ihrer Ansicht nach konnte es nur einen Kaiser geben: den in Byzanz. "Deshalb hat Karl auch den Titel Imperator vermieden", sagt Borgolte. Er betitelte sich lieber als "Leiter des Römischen Reiches". Doch änderte dieser Euphemismus nichts an dem Faktum. Erst nach einem zwölfjährigen Verhandlungsmarathon arrangierten sich die beiden Kaiserhäuser miteinander.

Der nur wenige Minuten dauernde Krönungsakt des 25. Dezember hatte weitreichende Folgen für die Entwicklung Europas. Die römische Kirche trennte sich damit endgültig von der alten Reichskirche des Imperium Romanum ab. Politisch erwies sich die Erhebung Karls als Keil und Klammer zugleich. "Zum einen sprengte sie den auf der Idee des Römischen Reiches fußenden mediterranen Kulturkreis auf, und zwar zu Gunsten der europäischen mittelalterlichen Kultur", sagt Michael Borgolte. "Zum anderen wurde Italien dauerhaft mit dem nordalpinen Kulturkreis verbunden." Das östliche Mittelmeer spielte von nun an eine immer geringere Rolle für Europa - eine Weichenstellung, die bis in die Gegenwart hinein wirkt. Borgoltes Resümee: "Sicher gibt es einige Daten, die man als den Beginn des Mittelalters werten könnte - die Kaiserkrönung Karls des Großen ist sicher eines der wichtigsten davon."

Dabei war diese Entwicklung gar nicht so folgerichtig, wie es zunächst scheint. Denn um 800 stand Europa an einem Scheideweg. Es gibt Hinweise darauf, dass Irene, die zu der Zeit auf dem Kaiserthron am Bosporus saß, dem Frankenkönig Karl Avancen machte. Sie bot ihm ihren Kaisertitel an, auf dem Weg der Ehe. Borgolte: "Hätte Karl tatsächlich Irene geheiratet, wäre die Entwicklung eines eigenständigen Europa ins Stocken geraten." Die Verbindung der beiden Reiche wäre ein riesiger Schritt in Richtung der Restauration des Römischen Imperiums gewesen. "Die mediterrane Welt hätte sich dadurch einige Zeit erkauft", sagt Borgolte, und das mittelalterliche Europa, wie wir es kennen, wäre wohl einige Zeit später entstanden. So bekommt die oft kolportierte Rolle Karls des Großen als Vater Europas eine neue Dimension.

0 Kommentare

Neuester Kommentar