Gesundheit : Katastrophenmedizin: Sie kommen wie gerufen

Adelheid Müller-Lissner

In Deutschland sind in den letzten 25 Jahren 750 Menschen bei Katastrophen gestorben. Global betrachtet sind das vergleichsweise wenig: Von großen Naturkatastrophen sind wir verschont geblieben, es gab keine militärischen Interentionen, und Großunfälle wie das ICE-Unglück in Eschede sind sehr selten. Zudem ist "Eschede technisch und rettungsmedizinisch so gut es ging beherrscht worden", wie Bernd Domres betont. Der Chirurg ist Leiter der Abteilung Katastrophenmedizin an der Allgemeinchirurgie der Universität Tübingen und war lange Zeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin.

Versicherungstechnisch entscheiden Zahlen darüber, wann ein Unglücksfall als Katastrophe eingestuft wird: Wenn mehr als 50 Verletzte und/oder mehr als zehn Tote dabei zu beklagen sind. Sind Einzelne zu versorgen, etwa bei einem plötzlichen Herzstillstand, so spricht man dagegen von "Notfallmedizin". In der ersten Phase der Hilfe nach einer Katastrophe sind die Mediziner auf jeden Fall Mitglieder eines Teams, zu dem auch Organisatoren und Techniker gehören: Es geht darum, die Situation möglichst präzise einzuschätzen, Alarm auszurufen und möglichst schnell mit der Arbeit des Bergens und Verteilens der Verletzten zu beginnen.

Die Rettung der Verletzten ist immer auch eine ärztliche Aufgabe, wie Domres betont. Zum Beispiel bei Erdbeben, wie er selbst sie in Armenien und Algerien erlebt hat: "Die Opfer können dann oft nur nach vorheriger Schmerzbehandlung oder Kreislaufstabilisierung aus den Trümmern geholt werden."

Anschließend beginnt die Einteilung der Verletzten nach Dringlichkeit der Behandlung. Diese "Triage" ist für die Betreuer ein heikles Gebiet, sie dient jedoch dem Ziel, möglichst viele der Opfer zu retten. Da sind einerseits lebensgefährlich Verletzte, die nur eine Chance haben, wenn sie sofort behandelt werden, notfalls mit einer Amputation. Dann gibt es Schwerverletzte, die unbedingt operiert werden müssen.

Die Leichtverletzten, die dritte Priorität haben, sind glücklicherweise zugleich in den meisten Fällen die Mehrheit der Betroffenen. Das Problem sind allerdings die Panikreaktionen von Menschen, die kurz zuvor Schreckliches miterlebt haben. Hier ist nach Domres Erfahrung zur Abschirmung der schwerer Verletzten zunächst die Polizei, dann aber auch psychologische Hilfe gefragt.

Die vierte Gruppe besteht schließlich aus jenen Unglücksopfern, deren Leben nicht gerettet werden kann. Bei einigen von ihnen scheitert die Hilfe auch daran, dass unter den gegebenen Umständen nicht Dutzende von Blutkonserven oder große Operationsteams für einen einzelnen Patienten aufgebracht werden können.

Die Folgen der Anschläge in Manhattan und Arlington ähneln einerseits denen von Erdbeben, denn zahlreiche Opfer waren und sind verschüttet. Anästhesisten und Chirurgen sind unter diesen Umständen die wichtigsten Helfer: Zahlreiche Knochenbrüche und Organverletzungen müssen operativ versorgt werden. Hinzu kommen noch die Verbrennungen. "In dieser Situation gibt es schnell einen Engpass bei der Versorgung mit Blutkonserven. Brandverletzte verlieren sehr viel Eiweiß und brauchen spätestens ab dem dritten Tag auch Blut."

Domres ist davon überzeugt, dass alle personellen und materiellen Ressourcen in den notfallmäßig gut ausgerüsteten USA in ausreichendem Maß vorhanden sind. "Wir sollten deshalb eher zurückhaltend sein mit internationalen Hilfsangeboten. Man sollte in solchen Fällen nur gehen, wenn man gerufen wird." Sinnvoll könnte es seiner Ansicht allerdings sein, sich gezielt um Betroffene aus europäischen Ländern zu kümmern, die ausgeflogen werden könnten, um hier weiter behandelt zu werden. "Wegen des geeigneten Transportzeitpunkts werden wir wahrscheinlich morgen Kontakt aufnehmen."

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