Gesundheit : Kaum jemand, der nicht die Sehnsucht kennt

Ein junger Mensch hat im Schnitt dreimal Liebeskummer erlebt und insgesamt ein Jahr darunter gelitten

NAME

Von Peter Düweke

„Nehmen Sie sich in Acht“, sagte die Base, „dass Sie sich nicht verlieben!“ – „Wieso?“, fragte ich. – „Sie ist schon vergeben . . .“ Erste Andeutung eines tragischen Schicksals, das unabänderlich seinen Lauf nimmt. Wie aus dem Nichts taucht die ebenso große wie unmögliche Liebe auf.

Unglücklich Liebende in ganz Deutschland erkannten sich damals in Goethes Werther wieder – einige folgten ihm bis zum finalen Akt. Heute gilt als erwiesen, dass ein gebrochenes Herz der häufigste Anlass für Selbstmord junger Menschen ist.

Liebeskummer ist unter Jugendlichen weit verbreitet. Nach einer früheren Untersuchung aus den neuen Bundesländern hatten 82 Prozent der im Schnitt 16-Jährigen Liebeskummer erlebt.

Das fand auch die Bielefelder Psychologin Ina Grau bestätigt. In einer neuen Studie der Psychologin, erschienen in der „Zeitschrift der Psychologie“, mit 163 Schülern und Studenten im Alter zwischen 16 und 33 Jahren waren es sogar 91 Prozent. Demnach hat ein junger Mensch dreimal Liebeskummer erlebt und insgesamt ein Jahr darunter gelitten.

Liebeskummer ist eine schmerzhafte Reaktion auf eine von drei harten Herausforderungen: Eine Trennung, die Angst, den Partner zu verlieren oder eine einseitige Liebe, die nicht erwidert wird (manchmal ist es dabei zu einer kurzen Affäre gekommen, „aus der man gerne mehr gemacht hätte“).

Traurigkeit, Einsamkeit, Hilflosigkeit und ein Gefühl der Leere erleben die meisten, die unter verlorener oder vorenthaltener Liebe leiden. Bei anderen überwiegen Selbstzweifel, Selbstverachtung und -hass. Wut auf den Ex-Partner, Hass- und Rachegefühle haben vor allem diejenigen im Bauch, die verlassen worden sind. Dabei leiden Menschen, die eine Beziehung selbst beendet haben, nicht weniger als die Verlassenen, fand die Psychologin Ina Grau heraus. Nur die Wut auf den anderen ist dann seltener.

Frauen schienen nach der ersten Untersuchung viel stärker als Männer unter Liebeskummer zu leiden. Erleben sie tatsächlich intensiveren Kummer? Oder geben die Männer ihre Verletztheit nicht zu? In einer zweiten Untersuchung kam Ina Grau zu dem Ergebnis, dass Frauen vor allem mehr als Männer unter körperlichen Beschwerden leiden, wie Kopf-, Bauch-, Gliederschmerzen, Kreislaufbeschwerden, Erschöpfung und Schlaflosigkeit.

In einer neuen, noch unveröffentlichten Untersuchung stellte Ina Grau fest, dass die Anfälligkeit gegenüber Liebeskummer zudem von persönlichen Merkmalen abhängt. Menschen, die zu einer „Besitz ergreifenden Liebe“ neigen, haben häufiger und heftiger Liebeskummer. Das gilt auch für Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl sowie Schüchterne.

Aus Erfahrungen, wie verlässlich unsere Eltern sind und uns erscheinen, entwickeln wir Muster, nach dem wir unsere späteren Bindungen eingehen. Am besten haben es die „Sicheren“: Sie haben Vertrauen in andere, gehen offen auf sie zu und bauen auf sie.

In Graus Untersuchung gehörten 47 Prozent zum sicheren Typ. „Ängstliche“ (29 Prozent) dagegen, die stets befürchten, nicht genug geliebt oder gar verlassen zu werden, leiden besonders häufig und heftig unter Liebeskummer. Sie benötigen meist einen Partner, um sich nicht als unvollständiger Mensch zu fühlen. Schließlich gibt es Menschen, die enge Beziehungen aus Misstrauen, Ablehnung oder Selbstgenügsamkeit vermeiden. „Vermeidende“ (24 Prozent) teilen dem Partner persönliche Probleme nicht mit, sie verleugnen negative Gefühle, so auch nach einer Trennung. Unter den Menschen, die (noch) keinen Liebeskummer erlebt hatten, fand die Psychologin viele mit vermeidendem Bindungsstil.

Auch wenn es kein sicheres Mittel gegen Liebeskummer gibt, empfiehlt Grau, die Zeit mit Freunden zu verbringen. Sie können noch am ehesten helfen, und sei es durch reine Ablenkung. Die vorherrschende Reaktion auf Liebeskummer ist jedoch gerade das Gegenteil, der Rückzug von Freunden. Man legt sich ins Bett, sinkt in die Badewanne, grübelt, macht sich Vorwürfe, zieht sich von allen Kontakten zurück. Der Rückzug, meint die Psychologin, sei vor allem bei sehr intensivem Liebeskummer eine zwar wenig hilfreiche, aber wohl notwendige Phase. Auch Goethe zog sich bei seinem Liebeskummer gerne in sein Gartenhaus zurück.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben