Gesundheit : Kaum Protestlust im Osten

MICHAEL BARTSCH

Gute Studienbedingungen und politisches Desinteresse an den ostdeutschen UnisVON MICHAEL BARTSCH"Insgesamt haben wir schon noch bessere Studienbedingungen, da ist die Protestbereitschaft nicht so groß!" Sprecherin Katharina Eberl braucht in der Studentenrats-Baracke der Dresdner Technischen Universität aber nur zwei Türen weiter zu verweisen.Dort hat sich ein spontanes Protestbüro eingerichtet.Soziologen vor allem seien es, Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler, bei denen es auch hier "langsam bröckelt".Eine Traube um das Telefon, strategische Absprachen werden getroffen.Keinesfalls solle man sich durch die Almosen der Bundesregierung ruhigstellen lassen, heißt es. Warum an den ostdeutschen Hochschulen relative Ruhe herrsche? Objektiv bessere Studienbedingungen und subjektives politisches Desinteresse werden immer wieder als die beiden Hauptgründe für die Zurückhaltung ostdeutscher Studenten genannt.Für den Chemnitzer StuRa-Sprecher Holm Krieger hängt beides sogar entfernt zusammen.Gewöhnung an Regelstudienzeiten, gewachsener Leistungsdruck, besondere Geldknappheit und damit Arbeitszwang, kurz: Streß verhindere die Muße, über die eigene Laufbahn hinaus an bildungspolitische oder gar gesellschaftliche Probleme zu denken.Und die gibt es doch bundesweit, Bafög, Studiengebühren, Stellenkürzungen oder das Hochschulrahmengesetz mit der erwarteten weiteren Entmachtung der Studentenvertreter werden spontan erwähnt.Von einer neuen 68er-Bewegung mag niemand sprechen, auch wenn so etwas nach den ominösen 30-Jahres-Zyklen der Geschichte eigentlich "wieder mal dran wäre".Sogar in Magdeburg an der Otto von Guericke-Universität, wo nach Angaben von Studentensprecher Kunz Schulz an spontane Unmutsäußerungen oder Solidaritätsbekundungen gar nicht zu denken sei.Die Vorlesungen sind leer, das Bewußtsein eher lokal geprägt, die Studenten bestenfalls mit der Diskussion um Sachsen-Anhalts Hochschulgesetz befaßt. Wenn von den günstigeren Studienbedingungen hier die Rede ist, wird meist das eingeschobene "Noch" betont und nach Fachrichtungen differenziert.Leider verfügt nicht einmal das Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover über verläßliche Vergleichszahlen für alle ostdeutschen Flächenländer.Auf jeden Fall sei aber durch Investitionen nach 1990 teilweise ein Modernitätsvorsprung festzustellen, wird dort mitgeteilt.Für Sachsen sprechen Angaben eine deutliche Sprache, die das Finanzministerium im Streit um Personalstellen 1996 recherchierte.Danach lag der Freistaat mit 347 Mark Hochschulausgaben pro Einwohner in Deutschland an der Spitze. Pro Student wird der Abstand noch deutlicher.26 900 Mark im Jahr kostet hier der Studienplatz, die meisten westlichen Länder bewegen sich etwa bei der Hälfte.Durchschnittliche Studienzeiten nahe bei 10 Semestern, Betreuungsrelationen Personal-Studenten, die "an englische Privathochschulen heranreichen", so der Chemnitzer Holm Krieger.Gerade in Chemnitz und Freiberg erreichen sie in den Natur- und Ingenieurwissenschaften Spitzenwerte von 1:2. Doch zumindest in einigen Fakultäten werden damit ostdeutsche Vorzüge wieder aufgehoben.Gerade Neugründungen wie die erweiterten Geistes- und Wirtschaftswissenschaften in Dresden oder Chemnitz kennen die gleichen Probleme wie ihre westdeutschen Kommilitonen.Das frühere Zauberwort "Westniveau" klingt hier abwertend.Hinzu kommt ein Abbau von 775 Stellen in Sachsen in den nächsten Jahren, denn genau dieses Westniveau gilt dem Finanzministerium als Maßstab. Noch sind die betroffenen Studenten in der Minderheit, die Aktiven eher isoliert.Doch ein Funke scheint übergesprungen zu sein.Es gibt nicht nur in Dresden ein Protestbüro, auch Leipzig macht mobil, Zittauer waren ebenfalls im Solidaritätsbus nach Bonn.In Jena hat sich ein Aktionskreis "NotweHR" gegründet, "HR" für "Hochschulreform".Info-veranstaltungen finden wachsenden Zuspruch, in Chemnitz immerhin soll in der nächsten Woche von Fachschafts-Vollversammlungen entschieden werden, ob auch gestreikt wird.Als wahrscheinlich gilt dieser Fall aber nicht.Die Aufmerksamkeit der Politik habe man doch schon erregt, stellt Dirk Mahler vom Dachverband mit Genugtuung fest.Ron Winkler von der Jenaer Studentenzeitung hält den Protest gegen die alltäglichen Studienbedingungen für den Einsteig ins erweiterte Nachdenken.Wie hatte Günter Grass im Frühjahr am Rande seiner "Dresdner Rede" bemerkt? "Ein Jahr vor 1968 haben sich die Studenten auch schlimmstenfalls über das Mensaessen beschwert ..."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben