Gesundheit : Kehrt die Kinderlähmung zurück? Experten raten jedem zur Polio-Impfung

Rosemarie Stein

Eigentlich sollte die Kinderlähmung bis zum Jahr 2000 ausgerottet sein. Das hoffte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), als sie gemeinsam mit Unicef, Rotary und den US-Centres for Disease Control mit ihrer Poliokampagne begann. Das war 1988, und da gab es weltweit noch 350000 Fälle. Letztes Jahr waren es immerhin noch 1225. Der Erfolg mit der Pocken-Ausrottung wiederholte sich nicht. Als neuer Zieltermin wurde 2005 festgesetzt – und nun?

Die Poliomyelitis, die früher Scharen von Kindern lähmte, verkrüppelte oder auch tötete, ist wieder im Kommen – in Ländern, die schon poliofrei waren und womöglich auch bei uns, wenn wir nicht aufpassen. Diese Warnung war das Fazit eines Informationsabends der „Berliner Medizinischen Gesellschaft“ und der „Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten“. Deren Vizepräsident, der Charité-Virologe Heinz Zeichhardt, erläuterte, warum es so schwierig ist, die Polio auszurotten. Sie ist äußerst ansteckend – durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion – und sie tarnt sich zu gut: Etwa 90 von 100 Infizierten haben keinerlei Beschwerden, scheiden aber massenhaft Erreger aus (ein bis zehn Millionen Viren pro Gramm Stuhl).

Nur wenn die Erreger auch ins Nervensystem dringen, was bei einem von hundert Virusträgern geschieht, sind diese als Poliokranke zu erkennen: an Muskelschwächen und -zittern oder an schlaffen Lähmungen. Es kann zu Schäden des Bewegungsapparats und des Gehirns kommen. Ein Heilmittel gibt es nicht, aber wirksame Impfstoffe mit abgeschwächten (per Schluckimpfung) oder toten Viren (per Injektion). Letzteres ist aufwändiger, weshalb man in vielen Ländern an der Schluckimpfung festhält, die die Polio stark zurückdrängte.

Seit 2002 empfiehlt die Ständige Impfkommission für Deutschland nur noch die (mehrfache) Injektion des sicheren Tot-Impfstoffs. Denn es kann vorkommen, dass die für die Schluckimpfung verwendeten abgeschwächten Viren durch eine Mutation wieder „scharf“ werden. Allerdings sind auf der ganzen Welt nur ein paar Dutzend solcher Fälle von „Impfpolio“ bekannt geworden. Wenn diese zurückmutierten Polioviren zu Millionen ausgeschieden werden, sind sie genauso ein Infektionsrisiko wie die Wildviren.

Die Polio-Ausrottung scheiterte bisher aber nicht nur an biologischen Hürden. Hingewiesen wurde an dem Abend auch auf die Vernachlässigung der Impfung bei uns und auf die politischen, sozialen und finanziellen Schwierigkeiten in der Dritten Welt. In einigen Ländern, die bereits poliofrei waren, flammen auch neue Epidemien auf, weil aus Glaubens- oder Aberglaubensgründen die Impfung boykottiert wird, wie der WHO-Mitarbeiter Rudolf Tangermann mitteilte. Oder Bürgerkriegsparteien müssen zur Waffenruhe während einer Impfkampagne überredet werden.

Solange die Kinderlähmung nicht überall ausgerottet ist, sollte sich jeder impfen lassen, riet Alfred Windorfer, Vorsitzender der Nationalen Kommission für die Polioeradikation. Denn immer können Fälle eingeschleppt werden: von Migranten aus Endemiegebieten oder von Urlaubern, die zum Beispiel von den Malediven zurückkehren.

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