Gesundheit : Kehrt die „Lustseuche“ zurück?

Die Syphilis-Fälle in Deutschland nehmen zu – weil viele wieder leichtfertiger werden

Adelheid Müller-Lissner

Der kleinfleckige Hautausschlag, die Schwellungen der Lymphknoten, die allgemeine Schlappheit, über die der 40-Jährige klagte: Grund genug für seinen Hautarzt, auch an die Geschlechtskrankheit Syphilis zu denken. Obwohl er die nur aus dem Lehrbuch kannte, und nicht aus dem ländlichen Einzugsgebiet seiner Praxis. Der Laborbefund bestätigte den Verdacht: Syphilis, Stadium 2.

Der junge Dermatologe hatte bemerkenswerte Umsicht bewiesen. Um die sexuell übertragbare Infektionskrankheit, die von dem Bakterium Treponema pallidum ausgelöst wird und mit Penicillin wirkungsvoll behandelt werden kann, ist es nämlich eher still geworden. Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die Anzahl der Neuerkrankungen stark rückläufig. Aids, die nach wie vor unheilbare Viruserkrankung, wurde weit bedrohlicher. Doch die Syphilis rückt vor. In Osteuropa ist die Zahl der Neuinfektionen im letzten Jahrzehnt sogar sprunghaft gestiegen, hier überwiegen die Ansteckungen nach heterosexuellen Kontakten.

Das Berliner Robert-Koch-Institut, bei dem die Krankheit wegen des Infektionsschutzgesetzes gemeldet werden muss, registriert seit Ende der 90er Jahre auch für Deutschland eine Zunahme in Großstädten. 2275 Neuerkrankungen wurden im Jahr 2002 registriert, das sind 720 mehr als im Vorjahr. 85 Prozent der Neuinfizierten sind Männer, die Mehrheit der Ansteckungen erfolgt von Mann zu Mann. Der Anteil der Infektionen nach homosexuellen Kontakten hat sich zwischen Anfang 2001 und Ende 2002 vermutlich mehr als verdoppelt. Ähnliche Tendenzen und Schätzungen gibt es für andere EU-Staaten.

Sind homosexuelle Männer im Lauf der Jahre in Sachen „Safer Sex“ nachlässiger geworden? Tatsächlich wurde in den letzten Jahren ein leichter Rückgang des Kondomgebrauchs beim Analverkehr ermittelt. Die Vermutung, dass die sehr effiziente moderne „Tripeltherapie“, die Aids für viele Jahre von HIV-Infizierten fernhalten kann, viele Männer unvorsichtiger machte, liegt nahe. „Risikoverhaltensweisen nehmen zu, ungeschützter Geschlechtsverkehr wird üblicher“, stellt der Internist Bernhard Bieniek fest, der in seiner Friedrichshainer Schwerpunktpraxis zahlreiche HIV-Patienten betreut.

Andererseits ist glücklicherweise noch keine nennenswerte Zunahme der HIV-Neuinfektionen zu verzeichnen. Ein leicht ansteigender Trend zeichnet sich nur für Berlin und Hamburg ab. Kondommüdigkeit reicht nach Ansicht der RKI-Experten deshalb allein nicht aus, um die dramatische Zunahme der Syphilis plausibel zu erklären. Doch auch die bisherigen Vorbeugungs-Ratschläge scheinen nicht auszureichen. Eine Studie über sexuell übertragbare Krankheiten, für die das RKI „szenenahe“ Arztpraxen motivieren konnte, soll darüber Aufschluss bringen. Die Auswertung der ersten 103 Patientenfragebögen aus 13 Schwerpunktpraxen in Frankfurt am Main und Berlin gibt Grund zu der Vermutung, dass die Geschlechtskrankheit eher durch genital-orale oder oral-anale Praktiken neue Verbreitung findet. Kondome haben schlechte Chancen, sich hier durchzusetzen. Müssen also angesichts der Gefahr, sich mit einer bakteriellen Geschlechtskrankheit zu infizieren – neben der Syphilis ist auch der Tripper, die Gonorrhoe erneut eine Bedrohung – in der Vorbeugung andere Akzente gesetzt werden?

Bieniek warnt vor einer Gleichsetzung mit HIV und Aids: „Eine Syphilis-Infektion ist keine Katastrophe, sie ist gut behandelbar.“ Er warnt auch vor allzu strengen Ratschlägen. „Keuschheit sollten wir nicht verlangen.“ Stattdessen setzt er auf Information. Die Risikogruppen sollten die Krankheit kennen. „Sie sollten zum Arzt gehen, wenn sie etwas merken. Vor allem aber sollten sie ihre Partner informieren.“

Wie verbreitet die Syphilis davor einmal war, zeigt schon ihr medizinischer Name Lues. Das lateinische Wort bedeutet schlicht „die Seuche“. Syphilis heißt die Krankheit nach dem „Helden“ eines moralisierenden Lehrgedichts, das ein Arzt aus Verona im Jahr 1530 verfasste. Er ließ einen Hirten namens Syphilis an der Seuche erkranken – zur Strafe für Gotteslästerung und liederlichen Lebenswandel. Wahrscheinlich war die „Lustkrankheit“ kurz zuvor von Matrosen des Columbus aus Amerika nach Europa gebracht worden.

Es waren nicht die schmerzlosen, festen Geschwüre an der Eintrittspforte des Erregers ein paar Tage nach der Ansteckung und der Hautausschlag ein paar Wochen später, vor denen die Menschen Angst hatten. Wenn die Syphilis damit ausgestanden war, war die Sache glimpflich abgegangen. Falls man sich später nicht nochmals ansteckte. Gefürchtet waren aber vor allem die Spätstadien der „französischen Krankheit“, die viele junge Männer sich bei Prostituierten holten.

Die gefährlichen Symptome traten Jahre nach der Infektion auf – wenn die „Jugendsünde“ schon längst vergessen war. Aus heiterem Himmel kam es dann zu Hautgeschwüren, Befall der inneren Organe und des Nervensystems, schließlich zu Entzündungen der Hirnhäute und Nerven, zu qualvollen Rückenleiden, Lähmungen und einem unaufhaltsamen Abbau der geistigen Kräfte. Das ist dank Penicillin Vergangenheit.

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